Review

1.12: Haeckel´s Tale - 6/10

Das Gefühl dürfte wohl nahezu jedem bekannt sein: Als Fan eines bestimmten Comics, Computerspiels oder Buches (etc) hört man irgendwann davon, dass eine filmische Umsetzung jener geschätzten Vorlage in Planung ist, worauf man innständig hofft, jemand mit dem nötigen Talent möge sich doch bitte dem Projekt annehmen – und dann nimmt einer wie Uwe Boll auf dem Regiestuhl Platz...

Bei „Haeckel´s Tale“ ging es mir ähnlich: Als ich erfuhr, dass unter den „Masters of Horror“-Folgen auch eine Adaption einer Kurzgeschichte meines Lieblingsautors (Clive Barker) sein würde, war ich natürlich hellauf begeistert. Selbst die Tatsache, dass sich Mick Garris für das Skript verantwortlich zeichnete, störte mich im Vorfeld nicht allzu sehr, schließlich hatte er bei „Quicksilver Highway“ durchaus anständige Arbeit geleistet. Meine Sorge galt eher der Wahl des Regisseurs – die Bekanntgabe der Verpflichtung von Genre-Veteran George A.Romero (ein Mann, der in meinen Augen noch weniger Talent als Tobe Hooper besitzt und zudem (ebenfalls) bloß nur davon lebt, dass er vor (sehr) langer Zeit mal ein bis zwei anständige Filme hinbekommen hat) ließ meine Vorfreude schließlich wieder gen Nullpunkt zurücksinken (das „Saint Sinner“-Fiasko noch schmerzhaft in Erinnerung). Dann jedoch ein unerwarteter Hoffnungsschimmer: Romero zog sich (aufgrund von Terminschwierigkeiten) aus der Sache zurück! Yes! Aber (erneut) zu früh gefreut, denn als Ersatz entschied man sich ausgerechnet für den Horror-unerfahrenen John McNaughton. Sicher, „Henry: Portrait of a Serial Killer“ ist okay, „Wild Things“ echt gut – doch keines seiner Werke rechtfertigt eine Beteiligung an dieser Serie! Tja, denkt man sich, es hätte alles so schön werden können – aber die Filmgeschichte hat durchaus sporadisch mal gezeigt, dass tatsächlich noch kleine Wunder passieren können (siehe Brett Ratner), also erst einmal abwarten und aufs Beste hoffen…

Ernst Haeckel (Derek Cecil) ist ein ambitionierter, atheistischer junger Medizinstudent, der in dem New England des 18.Jahrhunderts lebt und mit seinen Forschungen in die Fußstapfen des berühmten Dr.Frankenstein treten will – einem Wissenschaftler, der zur Zeit gerade in Deutschland große Erfolge in der Erforschung einer Möglichkeit, den Tod zu besiegen, feiert. Er ist davon überzeugt, dass das menschliche Leben keineswegs von einem Gott abhängig ist, sondern sich mit Hilfe der Wissenschaft kontrollieren lässt. Aus dieser Motivation heraus hat er die Veröffentlichungen seines Vorbilds ausgiebig studiert und auf dieser Basis eine eigene Apparatur entwickelt, mit der sich Blitze einfangen, bündeln und in den Körper eines Toten leiten lassen, worauf dieser dann (der Theorie nach) wieder erwachen soll. Als er seinen Professor nach einer hitzigen Debatte zu einer Demonstration einlädt, welche allerdings kläglich scheitert und ihm nicht viel mehr als eine verkohlte Leiche mitsamt einer Menge Spott hinterlässt, gibt er der Neugier nach und schaut sich die Show eines selbsternannten Necromancers namens Montesquino (Jon Polito) an, der behauptet, er hätte die Gabe, Tote zu erwecken. Natürlich hält Haeckel die Sache für Scharlatanerie, zumal der Mann für seine Dienste 100 Dollar verlangt (angeblich, weil jede Wiederbelebung ein Jahr seines Lebens raubt), doch eine anschauliche Vorführung (ein eindeutig als tot identifizierter Hund wird „zurückgeholt“) weckt ernsthafte Zweifel an seiner anfänglichen Skepsis.

Leider hat der Mann kein Interesse daran, sein Talent in den Dienst der Wissenschaft zu stellen, und noch bevor sich Ernst über seine diesbezüglichen Gedanken klar werden kann (wie er damit umgehen soll, wo er nun weiß, dass so etwas tatsächlich möglich ist), erhält er die Nachricht, dass sein Vater im Sterben liegt, worauf er sich sofort auf den langen Weg nach Hause begibt. Der mühsame Fußmarsch auf abgelegenen Pfaden inmitten einer Schlechtwetterfront zehrt ganz schön an seiner Kraft, weshalb er sehr dankbar ist, als ihm ein älterer Herr (Tom McBeath als Walter Wolfram) eine Unterkunft für die Nacht anbietet. Wolfram lebt zusammen mit seiner jungen Frau Elise (Leela Savasta) in einem rustikalen Haus nahe eines alten Friedhofs, und Ernst fällt es vom ersten Moment an schwer, die Augen von der wunderschönen Dame zu nehmen – was ihren Gatten nicht wirklich zu stören scheint, zumal dieser ihm während des Abendessens immer wieder Fragen über sein Sex- und Liebesleben stellt. Sich der merkwürdigen Verlockung bewusst, zieht sich Haeckel gleich nach dem ausgiebigen Mahl auf sein Zimmer zurück, erwacht jedoch später, als er Stimmen im Haus vernimmt, von denen er eine als die Montesquinos wiedererkennt. Neugierig erkundigt er sich bei Walter, was jener denn hier zu suchen gehabt hätte, erhält aber nur den guten Rat, sich lieber nicht einzumischen. Die Feststellung, dass Elise auf einmal verschwunden ist, erweckt allerdings seinen Drang, der Sache auf den Grund zu gehen – eine Entscheidung, die zu einer langen Nacht voller grotesk-morbider Ereignisse und Erkenntnisse führt…

Erzählt werden diese Geschehnisse eingebettet in einer stimmungsvollen Rahmenhandlung: Etliche Jahre nach den beschriebenen Ereignissen sucht ein junger Mann (Steve Bacic als Ralston) mitten in der Nacht eine alte Dame (Micki Maunsell) in deren abgelegenen Haus auf. Wir erfahren, dass sie eine Necromancerin ist, welche ihre Gabe allerdings seit geraumer Zeit nicht mehr anwendet, und dass er kürzlich seine geliebte Frau verloren hat. Nun bittet er sie darum, jene ins Leben zurück zu holen, doch sie lehnt entschieden ab, da er nicht wisse, auf was er sich da einlassen würde. Als er sich jedoch (beharrlich) von ihren Andeutungen nicht abschrecken lässt, macht sie ihm schließlich ein Angebot: „If I tell you my story and you still wish your beloved Samantha brought back from the dead – then I will gladly grant you your wish.“ Selbstverständlich geht er darauf ein (in der festen Überzeugung, seine Liebe wäre stärker als alles andere), und so erzählt sie ihm von Ernst Haeckel.

Allein dieser Einstieg erzeugt ein vertrautes Gefühl, denn vieles erinnert an klassische Vertreter dieses (Episoden-) Formats: Von der alten „Hexe“, die in ihrem Stuhl neben dem knisternden Kamin eine unheilschwangere Erzählung vorträgt, über das gesamte „Period Piece“-Ambiente, welches optimal mit den Inhalten harmoniert, bis hin zum Finale, als Ralston auf der Basis des Gehörten seine Entscheidung treffen muss – alles erweckt den wohligen Eindruck (u.a.) einer „Creepshow“- oder „Tales from the Crypt“-Folge. Selbst wenn man eingangs glaubt zu wissen, wie die Sache am Ende ausgehen wird (einige Details liefern im Verlauf kleinere Hinweise darauf), ist die tatsächliche Entfaltung keineswegs offensichtlich vorherzusehen, stellt einen netten Abschluss dar und ist in ihrer Art als gelungen zu bezeichnen (vor allem, wenn man ein Sympathisant der beiden o.g. Horror-Reihen ist).

Obwohl ich mich selbst als Clive Barker Fan bezeichne, ist mir seine hier zugrunde liegende Kurzgeschichte (veröffentlicht in der Anthology „Dark Delicacies“) bislang unbekannt gewesen, weshalb ich keine Rückschlüsse darauf zu ziehen vermag, was alles aus dem ursprünglichen Werk übernommen oder von Mick Garris verändert wurde. Wie auch immer: Das vorliegende Ergebnis zerfällt leider in unterschiedliche Teile, welche allesamt von der inhaltlichen Qualität her variieren. Nach der beschriebenen (atmosphärischen) Einleitung folgen erst einmal rund 20 Minuten, die man (neutral ausgedrückt) als „solide Frankenstein-Variante“ umschreiben kann. Haeckel wird ausgiebig eingeführt, inklusive seiner Obsession bezüglich der Überlistung des Todes. Zum Glück hat man das große Vorbild namentlich in die Handlung eingewoben, denn das verhindert (ansatzweise), dass man bösartig von „abkupfern“ bzw „kopieren“ sprechen kann (das Experiment ist nämlich zudem vom Aufbau her nahezu identisch mit der aus diversen Büchern und Filmen bekannten Konstruktion). Inszenierung, Sets und Schauspielerleistungen sind gut – nur ist das Präsentierte keineswegs originell oder sonderlich spannend. Dann folgt eine viel zu lang geratene Passage, in welcher Ernst in Richtung seines Vaters aufbricht (diverse Szenen, in denen er durch den Wald läuft, Pausen einlegt, vereinzelt auf andere Leute trifft etc), welche von einer Sequenz „gekrönt“ wird, in der er sich unter einem Baum ausruht, an dem man einen Päderasten aufgehängt hat – ich habe keine Ahnung, was diese bezwecken sollte, außer einen neuerlichen Ekel-Moment in den Ablauf einzufügen. Schließlich trifft er auf Wolfram und Elise, worauf man endlich am Kernstück der Handlung angelangt ist. Leider verbleiben jetzt nur noch knapp 30 Minuten, um diese Storyline mitsamt aller nötigen Charaktere und Hintergründe umfassend vorzustellen und anschließend zum ausgiebigen Finale überzugehen, bevor ja ebenfalls noch der unabhängige Rahmenhandlungs-Ausklang erfolgt. Kurzum: Die in der ersten Hälfte verschenkte Zeit fehlt hier schlichtweg – 80 Minuten (statt den gegebenen 60) wären optimal gewesen. So aber wirkt dieser entscheidende und (letztendlich trotzdem) deutlich beste Teil unglücklich gehetzt, was einiges an Potential verschenkt.

Derek Cecil (TV´s“Law & Order“/“Men in Black 2“) liefert (als Haeckel) eine besonders gute Leistung ab, denn er vermittelt die Wandlung vom beinahe arroganten Wissenschaftler hin zu einem Menschen, der seine bisherigen Überzeugungen nach und nach revidieren muss, durchweg überzeugend. Tom McBeath (“Supervolcano“/“the Deal“) steht ihm in nichts nach, leidet aber darunter, dass seine zentrale Figur nicht genügend Raum zugestanden wird, sich voll entfalten zu können. Leela Savata (TV´s“Smallville“/“Orpheus“) ist schön, besitzt eine extrem erotisch-verführerische Ausstrahlung und wird (wie es so oft in dieser Serie der Fall ist) ziemlich freizügig in Szene gesetzt. Obwohl ich Jon Polito (“the Crow“/“Miller´s Crossing“) meistens eher weniger gern in Filmen sehe, hat mich seine Beteiligung dieses Mal kaum gestört, denn sein gewohntes Auftreten passt hier annehmbar ins Geschehen hinein. Lobend muss allerdings unbedingt noch Micki Maunsell (“White Noise“/“the Tooth Fairy“) Erwähnung finden, denn ihre Darstellung der alten Necromancerin trägt viel zu der von Anfang an etablierten düsteren Stimmung bei. Während die Leistungen der Beteiligten vor der Kamera demnach keinen Grund zur Klage heraufbeschwören, sieht es bei jenen dahinter leider etwas anders aus: Zwar können die Make-up-Effekte allesamt anstandslos überzeugen (der verschmorte Körper nach dem missglückten Experiment, die Untoten gegen Ende, herausgerissene Innereien etc), doch das gilt nicht für die verwendeten Animatronics – genau genommen ein Baby sowie ein wiedererweckter Hund, der mich bei seinem ersten Auftritt irgendwie an eine Handpuppe erinnerte. In kurzen Einstellungen hätten sie vermutlich glaubhafter gewirkt, nicht aber in den hier verwendeten langen Takes, welche dem Betrachter zu ausführlich Gelegenheit bieten, sich die nicht gerade optimalen Details anzuschauen. Darüber hinaus bin ich mit John McNaughton´s Regie recht unzufrieden: Ohnehin keine sonderlich gute Wahl für den Job, vermag er es einfach nicht, das nötige Feeling einer solchen Geschichte zu vermitteln – das Ergebnis ist eine solide, aber fade bzw blasse Inszenierung, ähnlich wie jene Larry Cohens bei dessen „Pick me up“-Beitrag. Auch wenn es mir schwer fällt, muss ich gestehen, dass selbst Romero vermutlich bessere Arbeit geleistet hätte (in den Credits wird ihm diese Folge gar (mehr oder weniger) gewidmet, was man als „In Association with“ formuliert hat).

Vieles an „Haeckel´s Tale“ hat mich an Gordon´s „Dreams in the Witch House“ erinnert: Beide wirken in ihrer Art eher altmodisch, bieten nette Ansätze schwarzen Humors, erreichen erst im letzten Drittel die gewünschte Qualität und sind Adaptionen von Geschichten meisterhafter Schriftsteller – nur dass das gewählte Ursprungsmaterial allem Anschein nach jeweils nicht zu den besseren Werken der Autoren gezählt werden kann. Die Barker-typischen Elemente treten vorm Schlussakt leider nicht deutlich genug hervor, dafür dann allerdings zur ausgiebigen Zufriedenheit: Makabere Motive verschmelzen mit sexuellen zu einer grotesken Verbindung, welche in einem Geschlechtsakt zwischen Mensch und Zombie mündet und sich gar zu einer kleineren Orgie fortentwickelt. Freunde von Gedärme-fressenden Untoten sollten ebenfalls einigermaßen auf ihre Kosten kommen (Erinnerungen an „Dellamorte Dellamore“ oder Fulci´s cineastisches Schaffen werden wach), bevor der Epilog den Zuschauer mit einem altbekannten und immer wieder gern gesehenen „Tales from the Crypt“-artigen Ausklang verwöhnt. Hätte man die erste Hälfte stärker gestrafft und dafür der zweiten mehr Raum gelassen (mit all ihren interessanten Inhalten, Charakteren und Hintergründen), ein etwas höheres Budget und besseren Regisseur zur Verfügung gehabt, wäre sicher eine Highlight-Folge entstanden – so aber denkt man sich „schade, Chance vertan“ und verliert angesichts dessen fast schon die Tatsache aus dem Sinn, dass das Gesehene trotz allem keinesfalls wirklich schlecht war … knappe 6 von 10

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