Review

2.2: Family - 5/10

Nach der eher enttäuschenden Episode „Deer Woman“ (in Season 1), die wohl nur echte Fanboys des Regisseurs vollends zu begeistern vermochte, präsentiert uns John Landis nun das Mini-Movie „Family“: Mal wieder wird dem Betrachter ein Blick auf die Abgründe hinter der idyllischen Fassade amerikanischer Vorstadthaushalte gewährt, das Skript dieser weiteren Variation des aus zig Filmen (wie „Blue Velvet“) bekannten Themas lieferte Brent Hanley, welcher zuvor die Vorlage des hervorragenden Thrillers „Frailty“ verfasste…

Nach dem Tod ihres einzigen Kindes, der geliebten Tochter, hält es ein junges Ehepaar, die Journalistin Celia (Meredith Monroe) und der Arzt David (Matt Keeslar), für das Beste, einen ruhigen Neuanfang in einer harmonischen Umgebung fern des Großstadt-Trubels anzugehen – und an welchem Ort lässt sich das Leben besser normalisieren sowie eine neue Familie planen, als in picture-perfect Suburbia, wo die Grundstücke noch gepflegt und die Nachbarn freundlich sind. Einen der letzteren, den sympathischen Junggesellen Harold (George Wendt), lernen sie schon bald unter eher unangenehmen Umständen kennen, nämlich als sie zum Abschluss eines endlich mal wieder schönen Abends, den sie in einem adäquaten Restaurant verbrachten, auf dem Heimweg die Spur nicht mehr so ganz halten können und „leicht angeheitert“ seinen relativ aufwändig gemauerten Briefkasten über den Haufen fahren. Die Sache stellt sich schließlich als halb so wild heraus: Aus dieser Situation entwickelt sich eine angenehme Freundschaft zwischen ihnen, woraufhin sich die zwei Neunankömmlinge umso schneller heimisch in der Gegend fühlen. Was sie nicht ahnen, ist dass Harold einige wahrhaft ernste psychische Probleme besitzt: Nur auf den ersten Blick lebt er allein in dem wie von Martha Stewart eingerichteten Haus – tatsächlich leisten ihm die Skelette etlicher Menschen Gesellschaft, welche er im Laufe der Zeit ermordete und die nun in seiner Einbildung seine „Familie“ darstellen. Es handelt sich bei ihnen um jeweils in der Umgebung verschleppte, seinem Wunschbild entsprechende Opfer, die er liebevoll präpariert, einkleidet, und mit denen er weite Strecken des Tages verbringt, etwa am Esstisch oder vorm Fernseher. Er interagiert mit ihnen, als wären sie lebendig – in seinem Kopf sind sie das auch. Manchmal muss er sich allerdings neue Mitglieder suchen, da die alten seinen Ansprüchen einfach nicht mehr gerecht werden – aktuell geht ihm seine „Frau“ ziemlich auf die Nerven, und nicht nur aufgrund ihrer schmackhaften Kochkünste wird die schöne Celia immer stärker zu einer potentiellen Kandidatin für ihre Nachfolge…

„Family“ eröffnet in Form einer schön anzusehenden Kamera-Fahrt, welche in dem perfekt gepflegten Vorgarten eines adretten Einfamilienhauses beginnt, dann in einer nahtlosen Bewegung durchs Guckloch ins Innere vordringt, bestimmte Einrichtungsgegenstände, wie ein gerahmtes Foto des US-Vizepräsidenten (hust, Satire, hust!) oder einen ausgestopften Reh-Kopf an der Wand (die Deer-Frau?), semi-auffällig ins Bild rückt, bevor sie hinunter in den Keller führt, wo wir Zeuge des Vorgangs werden, wie Harold gerade einen Mann, den er fortan als seinen Dad betrachtet, mit Säure übergießt, um ihn auf diese Weise sauber bis auf die Knochen „einzuschmelzen“…

Nach weniger als fünf Minuten hat diese Folge ihr Statement bereits klar unters Volk gebracht: Unter der beschaulichen Oberfläche solcher auf den ersten Blick ganz wunderbar anmutenden Siedlungen lauert oftmals das Böse in Gestalt manch eines ach so friedlich und nett wirkenden Einwohners, das Sein unterscheidet sich gewaltig von dem nach außen hin gezeigten bzw konstruierten Schein. Ein Problem lautet bloß: Diese Thematik ist nicht neu, es lässt sich kaum mehr wirklich etwas Originelles aus ihr herauspressen, das nicht schon in diversen Produktionen verschiedenster Genres und Formate verarbeitet wurde – man denke nur mal an „American Beauty“, „Killers“ oder (gar allwöchentlich) „Desperate Housewives“. Regisseur Landis nähert sich der Angelegenheit unter Zuhilfenahme des für ihn typischen schwarzen, morbiden Humors, welcher zugleich einen Kontrast zu dem eigentlich ernsten, verstörenden Inhalt bildet: Während das auf der einen Seite prima funktioniert, wird der Materie jedoch beinahe jeglicher Schrecken entzogen, was schade ist, denn es mangelt dem fertigen Produkt letztendlich an einer zufriedenstellenden Balance zwischen Schmunzeln und Entsetzen – bei „An American Werewolf in London“ gelang ihm das wesentlich ersprießlicher.

Harold hat sich im Laufe der Zeit seine Ideal-Familie zusammengestellt. Innerhalb seiner gestörten Phantasie führen sie ein ganz normales, gemeinsames Leben – der Zuschauer erhält beide Seiten präsentiert: In den meisten der betreffenden Szenen werden die Personen von „echten“ Schauspielern verkörpert, so dass wir die Welt quasi durch seine Augen (aus seinem anormalen Hirn heraus) sehen, in anderen wählte man die neutrale, reale Perspektive, welche die im Haus arrangierten Knochengerüste aufzeigt, wie sie beispielsweise im Bett liegen oder auf dem Sofa hocken. Das resultiert zwangsläufig in grotesk-witzigen Situationen, zumal er sich ja darüber hinaus bemühen muss, diese Tatsache vor den neuen Nachbarn verborgen zu halten sowie (im Gegenzug) sein Interesse an einer wechselseitigen Freundschaft seinen „Angehörigen“ gegenüber zu rechtfertigen. Ein Zusammentreffen aller Parteien hätte fatale Folgen – darüber ist er sich, zumindest unterbewusst, im Klaren.

Die Entscheidung, den Haupt-Part mit George Wendt („Edmond“) zu besetzen, welcher wohl am besten für seine Rolle in der Hit-TV-Serie „Cheers“ bekannt ist, war Gold wert, denn seine gesamte (beinahe Teddybär-hafte) Erscheinung ruft in gewisser Weise Sympathien hervor – trotz der Taten entwickelt man, angesichts seines krankhaften Geisteszustands, fast sogar ein Quäntchen Mitleid, auch weil er im Alltag so nett, freundlich und charmant auftritt. Die Momente, in denen seine abgründig-brutale Seite hervorsticht, lassen diese gesammelten Zusprüche dann schlagartig verschwinden. In Stuart Gordon´s „King of the Ants“ spielte er den Psychopathen noch intensiver, was allerdings an der Ausrichtung jenes Werks lag – dem ungeachtet beweist er hier erneut, dass er deutlich mehr zu bieten hat, als vor der Kamera nur den „dicklichen Kumpeltypen“ zu geben. Das Objekt seiner Begierde stellt Meredith Monroe („Vampires: the Turning“) dar, die absolut liebenswerte Andie McPhee aus „Dawson´s Creek“: Ihr wird die weiteste Palette an Emotionen abverlangt, und sie meistert diese Herausforderung in vollem Umfang – ins Detail zu gehen, das würde mindestens einen Spoiler beinhalten, daher unterlasse ich es an dieser Stelle lieber mal. Die Chemie zwischen ihr und „Ehemann“ Matt Keeslar („Art School Confidential“) stimmt. Letzterer bleibt aber insgesamt leicht unscheinbar, denn die Bühne gehört unverkennbar den zwei Leads – er hingegen tritt nur in vereinzelten Augenblicken in den Vordergrund. Lange Rede, kurzer Sinn: Es muss festgehalten werden, dass das gute Casting diese Episode ungemein bereichert.

John Landis ist einer dieser Filmemacher, deren schöpferische Hochphase (in Sachen Qualität, versteht sich) lange zurück liegt – in seinem Fall wären die 80er wohl als jene zu bezeichnen, was wiederum heißt, dass seine verlässliche Fangemeinde demnächst vermutlich ausgestorben sein dürfte. Neue Anhänger wird ihm „Family“ wahrscheinlich nicht bescheren, dafür mangelt es an nachhaltig prägenden Attributen oder einer herausragend speziellen Handschrift – alte Gefolgsleute sollten jedoch zufrieden gestellt werden, denn Landis ist seinem Stil treu geblieben, streut gut getimete Humor-Elemente ein und versteckt Markenzeichen (wie das Zitat „See you next Wednesday“) sowie Anspielungen (Stichwort: „Bat Boy“) im Hintergrund, die es für Kundige zu entdecken gilt. Schade, dass das Skript so viele Motive und Sequenzen aufweist, die einem schon zu Genüge bekannt sind – neben der gesamten Ausgangsbasis sind es vor allem solche Einstellungen, in denen eine Person sich einbildet, der Gesprächspartner würde ihn „verbal anmachen“, während jener eigentlich etwas völlig anderes sagt.

Zwar ist dieser „MoH“-Beitrag abgründiger als „Deer Woman“, nur lassen die angeführten Exempel ja bereits erahnen, dass es sich wiederum um kein reinrassiges Genre-Produkt handelt – was per se fern von verkehrt wäre, würden die Begleitfaktoren passen. Dem ist allerdings nicht so, und zwar aus folgenden Gründen: Brent Hanley´s Story weist keine neuen Impulse auf, sondern variiert stattdessen bloß altbekannte Versatzstücke auf leidlich originelle Weise hin zu einer Kombination, bei der ich unweigerlich an Joe Dante´s (eindeutig besseren) Streifen „the Burbs“ denken musste. Trotz des Serien-Formats ist die Laufzeit in Relation zum Inhalt zu lang ausgefallen – man hätte sie locker um 20 Minuten komprimieren können, wodurch einige Längen zweifellos zu verhindern gewesen wären. Über eine andere Sache könnte man gewiss lange streiten, ich selbst habe sie eher mit gemischten Gefühlen aufgenommen: Einige Details lassen sich (nicht nur bei genauerer Betrachtung) als Anspielungen auf bzw satirische Töne wider die Werte der amerikanischen Republikaner-Partei verstehen – Bilder von George W. Bush und Dick Cheney bilden einen festen Bestandteil von Harold´s Einrichtung, er selbst hört gerne, in allen erdenklichen Lebenslagen, inspirierendes christliches Liedgut. Unglücklicherweise steuert der Twist am Ende genau in die entgegengesetzte Richtung, nämlich gen einer typisch republikanischen „Auge um Auge“-Politik, weshalb ein unstimmiger Eindruck zurückbleibt. Diese bitter-böse Wendung, obgleich nicht einwandfrei unvorhersehbar, gefiel mir persönlich dennoch sehr, u.a. weil sie (positiv) an die klassische „Tales from the Crypt“-Reihe erinnert und simultan die ganze Angelegenheit zu einem befriedigenden Abschluss bringt…

Fazit: „Family“ ist ein hintergründig-humoriges Mini-Movie, das mehr Wert auf die Geschichte als auf Grausamkeiten oder blutige Effekte legt. Leider kommen einem die Geschehnisse ungemein vertraut vor, was unbestreitbar daraus resultiert, dass man hier schlichtweg nichts Neues oder Originelles geboten erhält … „5 von 10“

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