Review

Durch Tim Burtons Filmbiographie ist Ed Wood zu großer Berühmtheit gelangt, aber auch Opfer des großen Missverständnisses geworden, er sei der schlechteste Regisseur aller Zeiten. Es gibt neben ihm viele andere, die handwerklich und erzählerisch ähnlich grob an die Filmarbeit herangehen, wenn nicht grober. In meinen Augen macht Wood aber seine waghalsige Ahnungslosigkeit durch seine Naivität und den unbedingten Wunsch etwas Schönes und Unterhaltsames zu produzieren wieder wett. Den Enthusiasmus, mit dem Wood sich auch für die unkreativste Idee und die schlechteste Notlösung einsetzen konnte, merkt man in jeder selbstbewussten Aufnahme seiner Pappkulissen und Gummimonster. Ed Wood war kein talentfreier Angeber der das Glück hatte, Geldgeber für seine Zelluloideskapaden zu finden, sondern ein talentfreier Liebhaber des Kinos, der auch Teil dessen sein wollte, was er über alles liebte. Und das macht ihn zu einem aufregenderen, weil persönlicheren Regisseur als viele Vertreter des Blockbusterkinos es sind.
Sein persönlichster und vielleicht auch bester Film ist das experimentierfreudige Filmessay über Travestie und Transsexualität „Glen or Glenda“.

Bela Lugosi tritt als Wissenschaftler auf, der losgelöst von der restlichen Handlung über dem Geschehen zu schweben scheint und ab und an kryptische Kommentare macht. Er führt die Erzählung aus seinem Lesezimmer in die Straßen einer Großstadt, zu der Geburt eines Kindes und dann zum Sterbebett eines Transvestiten. Der Kommissar, der diesen Selbstmord zu untersuchen hat, begibt sich zu einem Psychiater, der sich auf Abweichungen von der sexuellen Norm spezialisiert hat, um selbst zu erfahren, was in solchen Menschen vorgeht und wie verhindert werden könnte, dass ähnliche Selbstmorde geschehen.
Nach einer allgemeinen Einführung erzählt der Psychiater von Glen, der im Gegensatz zu seiner Schwester zu Hause nie Liebe erfahren hat und sich deswegen in die Alternativpersönlichkeit Glenda flüchtet, die ihm hilft, sich wie seine Schwester zu fühlen. Allerdings ist der von Ed Wood selbst gespielte und auch ihn selbst verkörpernde Glen mit Barbara verlobt, die bisher nichts von Glens geheimer Obsession ahnt. Glen weiß von einem Freund, dass dessen Ehe an dieser verschwiegenen Tatsache gescheitert ist und beginnt immer heftiger mit sich zu hadern. Seine Probleme provozieren eine lange Traumsequenz, in welcher unter Anderem nur Glen die unter einem Baumstamm eingeklemmte Barbara befreien kann, aber nur Glenda von einer anklagenden Menschenmenge verschont wird.
Nachdem Glen sich entschlossen hat, Barbara endlich einzuweihen, schiebt der Psychiater eine zweite Geschichte ein, die er auch Glen und Barbara erzählt hatte, als diese ihn um Rat baten, wie mit Glens Transsexualität umzugehen sei.
Alan hat sich schon immer als Frau empfunden, in der Schule nie mit den anderen Jungs gespielt und sich zu Hause liebend gern um die Hausarbeit gekümmert. Er zieht zwar wie alle anderen Männer auch in den Krieg, doch sein Lieblingskleid hat er in einem Koffer immer bei sich und unter der Uniform trägt er Damenunterwäsche. Als sich bei einer Untersuchung nach dem Krieg herausstellt, dass Alan sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsorgane besitzt, lässt er sich zu Ann umoperieren, um endlich vollständig zur Frau zu werden.
Nach diesem kurzen Einschub wird Glens Geschichte damit beendet, dass er die bisher fehlende Liebe von Barbara erfährt und seine Sehnsüchte nicht mehr auf den fiktiven Charakter Glenda übertragen muss und somit ganz Glen sein kann.

Trotz Woods offensichtlicher Schwächen in den Spielszenen gebührt der Erzählstruktur und vor allem dem Thema Respekt.
Der ansonsten rein durch den Kommentar des Psychiaters getragene Film ist nur in Teilen tatsächlich narrativ; zusätzlich wird diese Narration durch weitere Ausführungen des Psychiaters mehrmals ge- und unterbrochen, Rückblenden, Nebenhandlungen und die bereits erwähnte Traumsequenz.
Sehr gelungen ist der Einschub der Geschichte Alans/Anns, denn der Psychiater unterbricht seine Ausführungen über Glen plötzlich, und klärt erst nach der Sequenz über Ann, dass er exakt diese Geschichte auch Glen und Barbara an dem Punkt ihrer Beziehung erzählt hat, an dem er vorhin die Ausführungen über sie unterbrochen hatte.
Besonders auffällig ist allerdings die Traumsequenz. Angeblich soll sie sehr spät in den Film integriert worden sein, um ihn noch weiter zu strecken (sicherlich trifft das auch auf andere Szenen zu). Die Sequenz ist in drei Segmente geteilt: Das erste und das letzte, die ich bereits beschrieben habe, zeigen, dass nur Glen ein guter Ehemann sein kann, aber dass nur Glenda das nötige Selbstvertrauen hat in der Welt zu bestehen. Das mittlere Segment zeigt wohl einen allgemeinen Kampf der Geschlechter, ist aber recht schwer zu entschlüsseln, da Wood keine klare Symbolsprache verwendet, sondern ein paar krude Einfälle aneinander reiht.
Schließlich sind auch die zwei Off- Komentatoren ungewöhnlich: Der über dem gesamten Film stehende Bela Lugosi kommentiert zu Anfang die Fehlbarkeit der Menschen, verwandelt scheinbar Glen in Glenda und Alan in Ann und wird mehrmals eingeblendet um das Geschehen zu kommentieren. Dazu kommt der Psychiater, der nicht nur die Geschichte Glens erzählt, sondern hauptsächlich auch über die Schwierigkeiten einer transsexuellen Existenz referiert.
Hauptsächlich von Stock-Footage unterlegt wird so erklärt, dass nur ein Transvestit, der seine Neigungen ausleben kann, ausgeglichen und zufrieden ist und so einen besseren Beitrag zur Gesellschaft leisten kann, oder, dass man einsehen sollte, dass die Natur Fehler mache, und so es auch durchaus wahrscheinlich sein kann, dass jemand im falschen Geschlecht geboren wird.
Der Vorwurf, dass Gott die Männer auch als Frauen erschaffen hätte, wenn sie welche hätten werden sollen wird verglichen mit der Absurdität der Aussage, dass Gott uns Flügel gegeben hätte, wenn das Fliegen für uns Menschen natürlich wäre. Gott habe uns alle Voraussetzungen gegeben, Flugzeuge zu entwickeln und sie erfolgreich einzusetzen, also widersprechen auch die technisch möglichen Geschlechtsumwandlungen nicht den Absichten Gottes.
Die Ungemütlichkeit zeitgenössischer Herrenbekleidung wird kritisiert und afrikanische Völker als Beweis genommen, dass auch Männer sich schmücken und bemalen dürfen...
Kurzum, der gesamte Film ist ein stellenweise plakativer aber dennoch revolutionär expliziter Bericht über Gesellschaftlich geächtete sexuelle Ausrichtungen und ein Aufruf zur Toleranz dieser.

Der Film erinnert vor Allem durch den Kommentar an einen Unterrichtsfilm und soll auch tatsächlich, in gekürzter Form, auch einmal so eingesetzt worden sein. Gerade durch seine Explizitheit weiß der Film zu beeindrucken. Man stelle sich vor, dass er Anfang der 50er Jahre in Kinos lief, die sich auf dilettantische Gangster- und Gruselfilme spezialisiert hatten. Nicht nur wurde unverholen über Transgender Thematiken informiert, es wurde sogar ganz klar ein toleranter Umgang mit diesen Abweichungen propagiert. Betrachtet man in einem Film wie „Infam“ die Reaktion der Bevölkerung auf eine vermutete lesbische Beziehung, kann man sich vorstellen wie schockierend „Glen or Glenda“ auf die Zuschauer gewirkt hat.
Wieso hat dieser Film dann nicht den Stellenwert eines Meilensteins der sexuellen Revolution? Wieso ist er überhaupt weniger bekannt als Woods „Plan 9 from outer Space“?
Zum einen liegt das sicherlich an den Kinos, in denen der Film gezeigt worden ist. Auch wenn ihr Betrieb sich lohnte, all die drittklassigen Bahnhofskinos, die von ähnlicher Dutzendware wie Woods Filmen bespielt worden sind, entwickelten nicht die Breitenwirkung, wie all die strahlenden Multiplexe der Innenstadt. Die Besucher waren nie der meinungsbildende Mainstream, und so hat auch der Film nie zu einer großen Öffentlichkeit finden können. „Deep Throat“ zum Beispiel konnte aus dem Untergrund ja auch erst aufsteigen, als er Gegenstand juristischer Betrachtung geworden ist und erst nach diesem Skandal haben sich Personen des öffentlichen Lebens für ihn interessiert. Hätte damals ein Anwalt „Glen or Glenda“ gesehen hätte dieser Film heutzutage sicherlich einen anderen Stellenwert.
Schwerwiegender ist aber leider Woods naiver Zugang zur Filmsprache. Setzt er auf diese Weise ein so auf Effekten und Handwerk beruhendes Genre, wie den Horror- oder Sciencefiction-Film, um, sind ihm wenigstens Lacher garantiert, denn die üblichen Darstellungsmuster sind allen bekannt und die Abweichungen Woods umso auffälliger. Ein Filmessay, wie „Glen or Glenda“ am besten zu klassifizieren wäre, hat aber keine genretypische Sprache, sondern lediglich die des Filmemachers selbst, und diese Sprache ist bei Wood nun mal dilettantisch und naiv und wird nur selten als ehrlich wahrgenommen, viel häufiger als bemitleidenswert und traurig.
Die mangelnde Qualität der Spielszenen habe ich schon erwähnt und sie ist auch hinlänglich bekannt. Dazu kommt der häufige Einsatz oft auch mehrmals derselben Stock-Footage Aufnahmen, der den Notlösungscharakter dieser Idee nicht verbergen kann. Vor allem aber die Traumsequnz krankt nicht nur an den uninspiriert in Richtung Surrealität umgestalteten Kulissen, sondern an Woods kaum zugänglichen Metaphern. So wird zum Beispiel vor einem „grünen Drachen“ gewarnt, der „kleine Jungs, Welpenschwänze und große, fette Schnecken“ frisst. Schnecken und Schwänze (hier ist die deutsche Sprache sogar verräterisch) lassen sich als phallische Symbole interpretieren, kleine Jungs sind tatsächlich als kleine Jungs zu verstehen, aber der grüne Drache bleibt geheimnisvoll. Steht er für Sexualität im allgemeinen, oder nur für pervertierte Elemente dieser? Der Film deutet nirgends eine Interpretationsmöglichkeit an, und auch das Wissen um den auf „Badmovies.de“ erwähnten Kinderreim bringt den Zuschauer nicht weiter.
Auch wenn an Woods Versuche, eine eigene Sprache zu finden, gefallen können, so ist doch objektiv betrachtet die Qualität des Films unzureichend und wird der revolutionäre Impetus von der Naivität Woods leider überwogen.

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