Review

...and God help you if you use voice-over in your work, my friends. God help you. That's flaccid, sloppy writing. Any idiot can write a voice-over narration to explain the thoughts of a character.
Robert McKee, Adaption

Welcome to the world of tomorrow! Willkommen in der Welt von Ed Wood - Filmemacher, Enthusiast, Visionär. Ein Mann, der ganz zweifellos gewusst hat, was er machen wollte... woran es nur scheiterte, war sein fehlendes handwerkliches Geschick für die Adaption. Die Ideen waren in seinem Schädel, doch wie sollte er seinen Schädel knacken, und wie sollte er dem Zuschauer die Informationen präsentieren?

Mit grünen Drachen, kleinen Jungen, Hundeschwänzchen und großen, fetten Schnecken!

Woods erster abendfüllender Spielfilm war eine persönliche Angelegenheit, weshalb er sich entscheidend von seinen späteren Werken um lebende Tote und außerirdische Invasoren unterscheidet. Wie in der faselnden Einleitungsbemerkung erwähnt wird, versteht sich “Glen or Glenda” als knallhart-realistische Darlegung eines gesellschaftlichen Sachverhalts, nämlich der öffentlichen Intoleranz des Transvestitismus, welche hiermit zurechtgebogen werden soll. Die Anmerkung, dass Beteiligte des Films auch im wirklichen Leben die Neigungen ausleben, die im Film thematisiert werden, lässt sich Wood nicht nehmen - schließlich ist es sein großes Coming Out. Die Werke ganz ein Spiegelbild ihres Machers, war Ed Wood zwar wenigstens Anfang der Fünfziger Jahre noch ein klassischer Frauenheld - aus seinem Fetisch, Frauenkleider tragen zu müssen (ohne deshalb gleich eine Frau sein zu wollen), machte er jedoch nie einen Hehl. Der Regisseur übernahm eigens die Hauptrolle: Glenda, gefangen in Glens Körper. “Glen or Glenda” ist als biographische Verfilmung angedacht, schwebt aber durch den Übereifer seines Schöpfers bald schon in transzendentale, zum Teil kaum noch nachvollziehbare Gefilde.

Höchst bemerkenswert ist aber ungeachtet der vorerst mal beiseite zu schiebenden cineastischen Unzulänglichkeiten die Konsequenz, mit der Wood, fast schon störrisch, seine anno 1953 im extremen Maße brisante Thematik umzusetzen weiß. Ein Film, der mit Männern sympathisiert, die gerne Frauenkleider tragen, und der Konservative diffamiert, gut zehn Jahre vor der eigentlichen Liberalisierung der Sexualität... wäre Wood nicht Wood, dieser Film hätte für einen handfesten Skandal sorgen können. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach verhielt es sich damals nicht viel anders als heute - seine Filme wurden belächelt. Es hätte aber keiner besseren Qualität, sondern höchstens eines größeren Namens bedurft, um eine Faust in die filmhistorischen Gewässer zu schlagen und Wellenbrecher zu erzeugen.

Betrachtet man das Ganze unter streng cineastischen Kriterien, so kann man “Glen or Glenda” nur als einen einzigen umfassenden Verstoß gegen so ziemlich alles bezeichnen, was einen Film zu einem guten Film macht. Was Wood an Informationen über dem Zuschauer ausschüttet, erinnert mehr an ein Brainstorming als an ein Konzept - es ist der unbehandelte Rohschnitt direkt aus der Schnittstelle zum temporeich arbeitenden Hirn des Regisseurs. Ein schwer beschäftigter Erzähler (Timothy Farrell), der zu Beginn und am Ende als Arzt (= Wissenschaftler = kompetente Instanz, auf die auch Konservative hören = geschickter rhetorischer Kniff im argumentativen Gefüge) im Dialog mit einem anderen sitzt und die Geschichte von Glen(da) als Fallbeispiel abhandelt, spricht viel zu viel. Er kaut dem Zuschauer ein Ohr ab, erklärt jeden Gedankengang zweimal, indem er zuerst etwas konstatiert, was er anschließend nochmals in einer Parallelphrase neu formuliert, damit es auch der letzte Idiot versteht. Blumige Vergleiche werden gestellt: Eine Konservative wird im höchst satirischen Tonfall nachgeäfft, als sie sagt, dass Gott uns Flügel gegeben hätte, wenn er gewollt hätte, dass wir fliegen - also hätte er Männer ja auch zu Frauen gemacht, wenn er gewollt hätte, dass sie Frauenkleider tragen. Dies und mehr wird uns mit Masse statt Klasse sekündlich entgegengeworfen. Aufgeplustert mit massig Stock Footage, das uns teilweise bis zurück in die Geschichte führt, wo man uns zeigt, dass es früher die Männer waren, die sich prachtvoll geschmückt haben, um entweder für tierische oder menschliche Angreifer furchterregend auszusehen oder um die Gunst der Weibchen zu gewinnen. Wood begnügt sich nicht mit einer argumentativen Richtung, sondern er schnappt alles auf, was ihm gerade ins Konzept passt. Das ist im höchsten Maße verwirrend und letztendlich eben überhaupt nicht nachvollziehbar, denn die Gefahr, sich selbst zu widersprechen, liegt bei dieser Taktik sehr hoch und setzt sich dann tatsächlich auch mehrfach in die Tat um.

Dadurch, dass sich Wood für keine Richtung entscheiden kann, weil er sich selbst keine Option versperren will, werden die 68 Minuten Belehrung über Transvestitismus auch stilistisch zu einem schwummrigen Knödel aus nicht miteinander vereinbaren Richtungen. Die gesonnene, leicht mit einem erhobenen Zeigefinger versehene Sprechweise des Erzählers lässt den Film - gerade auch in Verbindung mit dem ausufernden Einsatz an Stock Footage, das stolze 20 Prozent der Bruttolaufzeit ausmacht - streckenweise wie eine populärwissenschaftliche Dokumentation zum Zwecke der Unterhaltung erscheinen, erinnert mehrmals an die komödiantisch aufgezogene Disney-Tierdoku “Die Wüste lebt” aus dem gleichen Jahr.

Diesem Ansatz vollkommen entgegen läuft der Einsatz von Bela Lugosi. Lugosis Engagement ist keines, das sich dem Projekt und seinen Intentionen unterwerfen würde. Seitens des Regisseurs ist es ein großer Name eines großen Stars, den man durch glückliche Fügung gewinnen konnte. Selbstverständlich wird auch Bewunderung und Begeisterung für den Horrorfilmstar der Dreißiger in Woods Entscheidung eingespielt haben, aber mit Sicherheit hat er Lugosi seiner Person wegen angeworben; nicht, weil er gut in den Film passen würde. Der Darsteller auf der anderen Seite wird das Projekt rein des Geldes wegen angenommen haben. Längst war der einstige “Dracula” in einer Drogenspirale gefangen; Film und Gesellschaft hatten sich weiterhin massiv geändert, und für einen Typendarsteller wie Lugosi bestand einfach kein Bedarf mehr - eine Erfahrung, die dann auch Karloff machen musste. Schön, wenn dann jemand kommt, der Lugosis Lebenswerk zu schätzen weiß und einen kleinen Job anzubieten hat, der wieder für eine gewisse Zeit die Miete sichert.

Und wenn schon Lugosi zur Verfügung stand, wollte man den natürlich auch entsprechend präsentiert wissen. So bedient der Star des Films gemäß seinem Repertoire die abgehobene Metaebene, die sich empfindlich mit dem wissenschaftlich-dokumentarischen Ansatz schneidet und ihm einen phantastischen Anstrich verleiht. Das wird der exzentrische Altstar gefordert haben, und Wood ließ sich dann wohl nicht lumpen und spendierte ihm diese Freude, da war er ja sowieso flexibel. Lugosi wacht also nun wie eine diabolische, allwissende Macht über der Geschichte und schmeißt mit bedeutsamen Metaphern um sich, wo er nur kann. “Pull the string!”, wiederholt er mit Beharrlichkeit, “Beware!” und “People... all going somewhere... all with their own thoughts... with their own ideas... with their own personalities”, als er per Überblendung über Archivmaterial von einer belebten Straßenkreuzung geschnitten wird. Schließlich dann präsentiert er wieder und wieder die zentrale Metapher von einem grünen Drachen, vor dem man sich in Acht nehmen soll, weil er kleine Jungen frisst... und Hundeschwänzchen... und große, fette Schnecken. Auch hier, so möchte man sagen, erscheint der Film seiner Zeit wieder zehn Jahre voraus, wo die Hippie-Bewegung dem Song “Puff, the Magic Dragon” von Peter, Paul & Mary einen Bezug zum Rauchen von Marihuana unterstellte... Ed Wood jedenfalls hat mit seinem Bildnis ganz ohne Zweifel etwas sagen wollen. Nicht immer wird klar was, und wenn, dann entpuppt sich die Metapher entweder als kitschig-süßlich oder unheimlich naiv.

Alle Lugosi-Einschübe wirken jedenfalls fehlkonzipiert und vermögen keine Verbindung zur zentralen Storyline aufzubauen. Hier wurde eine Präsentationsfläche für Lugosi geschaffen, kein subliminales, unterschwelliges Geflecht, das die Filmaussage unterstützen würde. Wenigstens aber kann man Lugosi nicht vorwerfen, er habe seine Rolle nicht ernstgenommen. Der Ungare war immer bekannt dafür, jede noch so geistig beschränkte Rolle mit vollem Temperament auszufüllen, und so verleiht er auch seinem seltsamen Laboranten mit der Theatralik Leben, für die er berühmt geworden ist. Gerade durch dieses erstaunliche Engagement wirkt sein Auftreten in diesem Kontext höchst tragisch; der Höhepunkt dürfte aber erst mit “Bride of the Monster” erreicht sein, als sich Lugosi umschlungen von einer Gummikrake in einer Pfütze suhlen muss.

Im Mittelteil kulminieren all die abstrakten Einwürfe zu einem undurchschaubaren Höhepunkt, bei dem sich der rational-realistische Ansatz, der noch im Vorspann propagiert wurde, endgültig verabschiedet hat. Eine Frau, die sich lasziv streckt, ihr Kleid hoch- und runterschiebt, von einem Mann angefallen wird, diesen umschlingt, während immer wieder eine Mephisto-Erscheinung für Sekundenbruchteile auf dem Bildschirm erscheint, all dies untermalt von dem total übertriebenen, reißerischen Score... der Film wird zur expressionistischen Theatervorstellung.

Der Regisseur macht in diesem Theater als Schauspieler genau den gleichen Eindruck wie hinter der Kamera: Er mag kein begnadeter Darsteller sein, ist aber mit ganzer Sache dabei und fühlt sich mit seinem rosafarbenen Angorapulli sichtlich wohl. Scheinbar immer im Glauben, mit bestmöglicher Aufrichtigkeit bei der Sache zu sein, ist Ed Wood eins mit seinem Projekt. Er liebt es Filme zu machen, auch wenn er es nicht kann. Das macht ihn naiv, das macht ihn liebenswert, das macht ihn aber vor allem anderen zum vielleicht besten Trashfilm-Regisseur aller Zeiten. Die Liebe zum Projekt ist zu erkennen, das zählt. Man feuert ihn an wie eine Fußballmannschaft aus einer Zwergen-Fußballnation, die mit aller Kraft gegen den mächtigen Weltmeister ankämpft, wenn der auch technisch überlegen sein mag. Die Unbeirrbarkeit und der unbedingte Wille gepaart mit der prinzipiellen Unfähigkeit sind es aber, die das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißen lassen. Das Prädikat “schlechtester Regisseur aller Zeiten” sollte nicht wörtlich genommen werden, es ist in der Tat eine Auszeichnung für eine Leistung, die sich nicht im Resultat zeigt, sondern in der Stärke des Willens, ein Resultat zu bringen. Unter dieser Prämisse betrachtet, ist “Glen or Glenda” wohl Ed Woods schlechtester, weil sein persönlichster Film. Und das ist eine Auszeichnung.

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