Edward D. Wood jr., der sich seit des Golden Turkey Awards trotz weit abstruserer Beiträge zur Filmgeschichte (wie "Robot Monster" (1953), "The Creeping Terror" (1964), "The Beast of Yucca Flats" (1961) oder "Mesa of the Lost Women" (1953)) mit seinem "Plan 9 from Outer Space" (1959) einen Platz als "schlechtester Regisseur aller Zeiten" gesichert hat, wird nicht zuletzt auch wegen seiner eher minderbemittelten Helfershelfer und den eigenen, bizarren Obsessionen als Trash-Ikone gefeiert: Zu seinen Standart-Mitarbeitern zählten der gealterte, bei den "Glen or Glenda" Dreharbeiten immerhin schon 10 Jahre drogenabhängige Dracula-Darsteller Bela Lugosi, Tor Johnson, ein fetter schwedischer Catcher, Criswell, ein zwar unbegnadeter aber charismatisch-schmieriger TV-Wahrsager, Vampira, eine beliebte Fernseh-Horrortante und Freundin von James Dean die behauptete, sie erhalte vom toten Dean Anrufe auf ihrem nicht einmal angemeldeten Telefon und dann umziehen musste als ihr Dean Fans die Bude einrannten und die auch mit einem Vergewaltigungsskandal und dem Elvira-Streit auf sich aufmerksam machte, Paul Marco, ein "begnadetes" schauspielerisches Untalent das seinen eigenen Fanclub gegründet hat, Lyle Talbot, der große Mime des Schundfilms, Mr. Universum Steve Reeves und etliche andere skurille Gestalten... Mit diesem Gespann und Woods eigenen Neigungen zum Umherwandeln in Frauenkleidern und der ebenso unerbittlichen wie anmaßenden Orson Welles Verehrung waren alle Vorraussetzungen für einen Ed-Wood-Kult gegeben und die ebenso schöne wie verzerrende Hommage "Ed Wood" (1994) von Tim Burton unterstützte dies und festigte Woods Ruf, ein enthusiastischer wie unbegnadeter Regisseur zu sein.
Eine ernsthafte Beschäftigung setzte spät und verhalten ein: David Lynch nannte "Glen or Glenda" einmal einen seiner Lieblingsfilme und im Zeitalter von Gender Studies wird dieses faszinierende Erstlingswerk erstmals fair und möglichst unvoreingenommen von Film-, Kultur- und Sozialwissenschaftlern behandelt - bisweilen auch unter dem Hinblick auf Woods späteren Sexfilme und seine Transvestiten-Krimis die bis heute immer wieder neu aufgelegt werden (dieser unreflektierte Wood-Kult hat ihn also zumindest vor dem Abrutsch in die Vergessenheit bewahrt).
Zur Entstehungsgeschichte von "Glen or Glenda" sollten auf jeden Fall ein paar Worte gesagt werden: George Weiss, der Produzent von exploitativen Drogenfilmchen wie "The Devil's Sleep" (1949) und anrüchigen - heute harmlosen - Frauenwrestling-Streifen wie "Racket Girls" (1951), witterte das schnelle Geld als die Geschlechtsumwandlung von Christine Jorgensen in aller Munde war. Wood, der bereits zwei Fernseh-Kurzfilme und einige Bühnenstücke realisiert hatte, sah in diesem Projekt die Möglichkeit, seine eigenen Neigungen zum Transvestitismus künstlerisch auszudrücken. Die Versuche, Christine Jorgensen als Darstellerin zu gewinnen scheiterten, da diese ihre Familien schonen wollte und ablehnte. Der von Wood bewunderte Lugosi lehnte Wood gegenüber erst wegen der Thematik ab, überlegte es sich dann jedoch anders und stellte sich für 1000 $ zur Verfügung - Wood konnte Weiss auch ohne größere Probleme dazu überreden, Lugosi einzusetzen. Wood holte noch Lyle Talbot (bekannt aus einigen Warner-Produktionen und den Heulern wie "Mesa of the Lost Women" - an dem auch Woods erste Ehefrau beteiligt war und dessen Soundtrack Wood sich entsetzlicherweise für "Jailbait" (1954) borgte) hinzu (die restlichen Darsteller kamen größtenteils aus Woods Bekanntenkreis) und Weiss brachte Wood mit William C. Thompson zusammen, dem Kameramann, der bis in die 60er jahre mit Wood arbeiten sollte. Thompson war seit 1914 als Kameramann tätig - u. a. im häufig als ersten Exploitationfilm bezeichneten "Maniac" (1934) und einigen George Weiss Produktionen. Thompson war für Wood "einer der besten Kameramänner mit denen ich je gearbeitet habe"1 und hatte tatsächlich ein paar technische Kniffe auf Lager, leider aber auch einen unübersehbaren Hang zu statischen Bildern: "Thompson war dafür verantwortlich, dass manche Szenen so statisch wirken. Er machte sich Sorgen wegen der Schatten."2
Zwar bot der Stoff Wood im Gegensatz zu den späteren Sci fi und Horrorfilmen noch die Möglichkeit etwas experimentierfreudig und ohne an Genreformeln gebunden zu sein arbeiten zu können, gleichzeitig waren aber sowohl Wood (der sich ja einen Einstieg ins Filmgeschäft erarbeiten wollte) als auch Weiss (hier versteht es sich wohl von selbst) darauf bedacht, Geld zu machen. Gerade der letzte Punkt wirkte sich schädlich auf den Film aus - denn die eindeutig auf des Publikums Sensationslust spekulierenden BDSM-Sequenzen, die Wood weder inhaltlich noch formal gerechtfertigt eingefügt hatte, verstärken den uneinheitlichen Eindruck enorm und sind - was paradox klingen mag - noch die uninteressantesten Szenen des Films. Ähnliches gilt für die Operationsszenen, die auch den reißerischen Trailer ("It's Fantastic! It's Unbelievable! It's TRUE! Most Daring Film of the Year! BELA LUGOSI IN GLEN OR GLENDA") ausmachen und dem Zuschauer dann das geben sollten was Plakat und angebliche Thematik versprachen und der Film größtenteils nicht einlöste.
"Glen or Glenda" wurde in nur vier (!) Tagen gedreht - und vor diesem Hintergrund wirkt das fertige Produkt wirklich beeindruckend. Ein vollen Drehtag widmete man den Szenen mit Bela Lugosi, der größtenteils allein zu sehen ist und nur in zwei kurzen Szenen mit Wood und Tommy Haynes auftritt.
Lugosi spielt auf einer Metaebene den düsteren Erzähler, der eine Geschichte erzählen wird, welche "must be told!" (00:25:45) Wood präsentiert Lugosi als finsteren "Scientist" inmitten einer Mischung aus Studierzimmer und Gruselkabinett, der versucht das Leben der Menschen zu regeln ohne dabei ein Schicksal zu verkörpern. In dieser Funktion ist er vielleicht Lynchs Mann im Planeten aus "Eraserhead" (1977) am ähnlichsten. Per Überblendung lassen Wood/Thompson Lugosi als Marionettenspieler oder Lenker einer Büffelherde in Erscheinung treten. Eine ähnliche Sequenz findet man in der 1926er Version vom "Student von Prag" und (man mag es kaum glauben, aber aus Woods Äußerungen geht es hervor3) Wood kannte Vertreter des deutschen Stummfilms.
Die von Lugosi präsentierte Handlung beginnt mit dem Tod eines Transvestiten, der die gesellschaftliche Ächtung nicht länger ertragen konnte. Der ermittelnde Inspektor Warren sucht Rat bei Dr. Alton, der nun seinerseits zwei Fallbeispiele vorträgt um Warren den Transvestitismus begreiflich zu machen. Der erste Fall behandelt Glen/Glenda (Woods Alter Ego, das Wood auch gleich selber spielt), der zweite Fall behandelt Alan/Anne (eine Kopie der Jorgensen).
Glen wird eingeleitet als er sehnsüchtig in Frauenkleidern durch eine Schaufensterscheibe auf ein neues Kleid starrt. Dr. Alton kommentiert nun das folgende Filmgeschehen und populärwissenschaftelt ein wenig herum, um den Transvestitismus zu verteidigen. Neben einigen lächerlichen "Beweisführungen" ("Männerhüte sind so eng, dass sie die Blutzufuhr zum Kopf abschneiden, was den Haarwuchs beeinträchtigt. Sieben von zahn Männern tragen Hüte, behauptet die Werbung. Sieben von zahn Männern sind kahl." (00:16:36) versucht sich Wood aber weit geschickter an einer Verunsicherung gängiger Vorstellungen: In einer zum Teil eher schrecklichen Szene, in der Wood "die Wilden" (00:17:19) mit einem fragwürdigen Blick in Szene setzt, zeigt er auf, dass Schmuck nicht per se für Frauen geschaffen ist und in einer einfachen wie wirksamen Reihe von Einstellungen plädiert er dafür, dass man(n) sich nehmen müsse, was die Natur oder Gott nicht gegeben haben: Flugzeuge und Autos ebenso wie Frauenkleider, solange diese das Wohlbefinden stärken und die negativen Auswirkungen ausschließlich aus sozialer Ächtung bestehen. Als Beispiel folgt eine Aufnahme von Conrad Brooks (übrigens auch als Barmann in Burtons "Ed Wood" zu sehen) - mit Vollbart und Ohrringen im Kleid. Ein sehr spezieller Anblick, der regelmäßig bei Vorführungen Gelächter hervorruft, ehe Dr. Alton auf der Tonspur verkündet: "Aber was würde geschehen, zeigte sich diese Person so auf der Straße? Sie tun es bereits. Sie lachen!" (00:18:25)
Nach diesen episodenhaften Argumenten geht es mit Glens Geschichte weiter: Man erfährt, dass er als Jüngling für eine Halloween-Party in das Kleid seiner Schwester schlüpfte - die Mutter meint nur, er sehe als Mädchen sowieso viel besser aus (ebenso wir im zweiten Fall bei Alan/Anne solch ein Kindheitserlebnis als grund angegeben - ein autobiographisches Detail, das Wood auch in seinem Roman "Sex, Shrouds & Baskets" breit auswälzt). Nach der Ursache kommt Alton auf die Folgen zu sprechen: Glen kann dem zwanghaften Wunsch nicht entsagen und rätselt ob er seiner Verlobten vor der Hochzeit davon erzählen sollte. Eine weitere zwischengeschobene Erzählung von Glens Freund Johnny (ebenfalls ein Transvestit), in der dieser erzählt wie er von seiner Frau verlassen wurde, nachdem sie sein Geheimnis entdeckt hatte, lässt Glen seiner Verlobten (übrigens Woods damalige Ehefrau Dolores Fuller) ein Geständnis machen. Sie erweist sich als tolerant und ein Gespräch bei Dr. Alton bringt den beiden ihren Frieden.
Nun sind 50 von 70 Minuten vorrüber, ehe Alton auf Alan/Anne zu sprechen kommt: eine Pseudo-Hermaphrodit, der sich einer Geschlechtsumwandlung zur Frau unterzieht. Die kurze Episode erweist sich als deutlich schwächer und uninteressanter, großartig ist allerdings jene Szene in der Wood betont, dass Anne/Alan auch seelisch nicht ein sondern wirklich zwei Geschlechter hat: Nach der Umwandlung muss Anne erstmal lernen, weibliche Verhaltensweisen zu erlernen.
Erwähnenswert ist noch die längere Traumsequenz, in der Glen den Zorn und Hohn der Gesellschaft fürchtet: in wortwörtlich schrägen Bildern versucht er als Glenda einen Y-förmigen Baum von seiner Gattin zu heben - vergebens. Erst als Glen bringt er die nötigen Kräfte auf. Ein bei der Hochzeitszeremonie erscheinender Teufel demütigt ihn zusammen mit einer größeren Menschenmenge - erst in der Gestalt Glendas ist er diesem Gespätt nicht mehr ausgesetzt (Wood greift auch hier wieder das Kindheitstrauma auf: Über den Kinderreim "Puppydogtails and Snips and Snails" bzw. "Sugar and Spice and Everything nice" wird Schönheit wie schon zuvor in den Zitaten der Mutter als explizit weibliche Eigenschaft eingeführt, die dann bei Glen den Wunsch verursacht, weiblich zu erscheinen). Zwischendurch gibt es noch einige der bereits erwähnten BDSM-Szenen zu bewundern: langweilig, harm- und endlos.
Insgesamt ist Wood ein von der Struktur her sehr komplexer und eigenwilliger Film gelungen, dem der Verzicht auf die publikumswirksamen Szenen der Umwandlung und der Bondagesequenzen sehr gut bekommen wäre. Sieht man von diesen Anbiederungen ab und davon dass Wood letztlich auch ein althergebrachtes Frauenbild (Frauen sind schwächer, ihre Bekleidung wird von Männern angefertigt, sollen gut aussehen und letztlich bleibt es dabei dass Männer in Frauenrollen schlüpfen können, einen umgekehrten Fall blendet Wood konsequent aus) und einen positiven Rassismus in Szene setzt (auch der Hermaphrodit kommt nicht gänzlich gut weg: denn eine Entscheidung für ein Geschlecht verlangt auch Wood, den bisherigen Zwitterzustand nimmt auch er als unannehmbar an), kommt eine gelegentlich weniger überzeugende, insgesamt allerdings durchaus liebevolle und ernsthafte Verteidigung des Transvestitismus zum Vorschein.
Die Figur des Glen verwendet Wood später auch in seinen Romanen "Black Lace Drag" und "Death of a Transvestite".
Der Film selbst erlangte in den späten 70er und frühen 80er Jahren noch mehrmals für mehrere Wochen in den Mitternachtsschienen Erfolg.
6/10
1) Rudolph Grey: Ed Wood. Heyne 1995, S. 64.
2) A. a. O., S. 73.
3) Vgl.: Ebd.