Im Zeitalter des Actionoverkills bietet "The Negotiator" schon geradezu wohlige Polizeithrillerkost, die gar nicht so viel Action benötigt, um richtig Drive zu haben. Stattdessen bildet sich die Spannung aus den gegebenen Situationen und dem Zusammenspiel zweier Nicht-Super-Stars, die sich hier wohltuend ergänzen.
Das Besondere am Film ist eben die gezwungene Umkehr der Vorzeichen, wenn der Star-Verhandler des Geiselnahmen Swat-Teams (mit ungewohnt jugendlicher Synchronstimme: Samuel L.Jackson) in eine Falle und in Mord- und Unterschlagungsverdacht gerät und so selbst den Verantwortlichen als Geisel nimmt, um die Wahrheit zu erzwingen. Sein Gegenspieler und gleichzeitig gewünschter Verbündeter ist eben der zweitbeste Mann für den Job von der Eastside (im gefährlich ruhigen Standard Modus: Kevin Spacey), der ihn zur Aufgabe bewegen soll und gleichzeitig den Fall lösen muß.
Nach konventionellem Start zieht sich die Schlinge einer verbrecherischen Verschwörung bei der Polizei immer weiter um Jacksons Hals, bis es zu einer Kurzschlußhandlung kommt, die den Lauf der Dinge für die nächsten zwei Drittel des Films vorgibt. Dabei resultiert die Spannung nicht nur aus der Frage, ob sich Jackson erfolgreich verschanzen und seine Kollegen abwehren kann, sondern auch aus den bruchstückhaften Ermittlungen seines Falls und der Frage, wer der belagernden Polizisten nun denn der oder die Verräter sind.
Jackson ist in Höchstform, mal scharfsinnig, mal kurz vor dem Durchdrehen, aber buchgemäß immer entsprechend begründet reagierend. Spacey sieht sich ebenfalls immer mehr unter Druck, wenn er das Kommando übernimmt, seine Anweisungen aber bewußt oder bösartig sabotiert werden, während er nur die Befreiung der Geiseln im Sinn hat, bis langsam die Erkenntnis kommt, daß das nicht das einzige ist, daß er zu tun hat. Das Psychoduell zwischen den beiden ist, man harmoniert, auch wenn es wegen der vielen, auch recht gut entwickelten Nebenfiguren, nie zu einer vollen Entfaltung kommt.
Bisweilen strapaziert der Film allerdings schon den Filmgott Zufall, wenn ein Scharfschütze ihn nicht erschießen will, obwohl er könnte und Jackson trotz Erfahrung mitten in der Schußlinie bleibt oder er bei einem Aussetzer in einem offenen Fenster erscheint und die Leute waffenlos anbrüllt. Welche Polizei der Welt hätte bei letzterem nicht den Fangschuss gegeben.
Recht passend auch die Tatsache, daß er genau die Personen im Büro als Geiseln behält, die den Fall für ihn lösen können: den vermeindlichen Verantwortlichen, die kenntnisreiche Sekretärin und einen computerbegabten Kleinkriminellen.
Allzu schmerzhaft wird es aber trotzdem nicht und die Erstürmung des Gebäudes gemahnt dann ein wenig an "Leon-Der Profi". Der anschließende Showdown mit dem letzten einer Reihe von gut angewandten Bluffs wirkt jedoch dramaturgisch leicht angehängt und Jacksons Beinahe-Kurzschlußhandlung sogar übertrieben.
Trotzdem ist nicht zu vernachlässigen, daß der Film über zweieinviertel Stunden problemlos seinen Spannungsbogen hält, kleine Höhepunkte setzt und auch diverse Schußsequenzen einstreut, um trotzdem erzählerisch immer am Ball zu bleiben. Eine Über-Riege von Hollywoods feinster Polizeisupportplayers (John Spencer, David Morse, Ron Rifkin, Paul Guilfoyle und der kurz darauf verstorbene J.T.Walsh) hilft dabei tatkräftig mit. Intelligentes Spannungskino ohne allzuviele Plattheiten und mit ungewöhnlicher Storyline, da will ich gar nicht lang meckern. (8/10)