Verhandlungssache, die reichlich ungelenke Übersetzung des Original-Titels The Negotiator, ist 1998 der dritte Spielfilm des ehemaligen Musikvideo-Regisseurs F. Gary Gray - und bis heute sein bester. Sparsam an Schauplätzen und in seiner Intensität und Atmosphäre darum um so dichter, ist Verhandlungssache zwar nicht in jeder Wendung originell, nicht in jeder Konsequenz glaubwürdig und in einigem sehr berechenbar, überwiegend aber eben ein enorm strammer und schauspielerisch hochwertiger ‚an-der-Hand-pack-und-ab-geht‘s-Reißer‘ voller visueller und inszenatorischer Qualität.
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Danny Roman führt Verhandlungen bei Geiselnahmen und ist in seinem Job nicht nur mit allen Wassern, sondern scheinbar mit den Weltmeeren gewaschen. Als sein Partner Nate, der korrupten Kollegen auf die Schliche gekommen ist, ermordet wird, gerät Danny unter Verdacht. Verzweifelt sieht er nur einen Ausweg: in einem Hochhaus nimmt er den vermeintlichen Drahtzieher Niebaum und einige andere als Geiseln und fordert, da er niemandem sonst trauen kann, für die Verhandlungen den auswertigen Chris Sabian an. Dieser steht Danny in nichts nach und das Duell der Profis beginnt...
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In der ersten halben Stunde ist Verhandlungssache absolut gleichförmige Standartware. Bei einer Geiselnahme wird Danny als gewiefter Taktiker eingeführt, der zum Risiko neigt, aber letztlich jeder Sitaution gewachsen zu sein scheint und den Respekt seiner Kollegen genießt und rechtfertigt. Geiselnahme erfolgreich beendet, ausgelassene Cop-Party, konspirativ ermittelnder Partner weiht Danny ein, wird ermordet, bekommt ein pompöses Begräbnis, Danny wird verdächtigt. So oder ziemlich ähnlich beginnt beinahe jeder Cop-Thriller, bei dem vom Held im Anschluss gefordert ist, die wahren Täter aufzudecken. Zum Glück des Zuschauers ist die Umsetzung dieses Endziels in Verhandlungssache dann aber originellerer Natur. Danny wird nicht etwa zum unbeugsamen Überhelden, der sich mit einer PumpGun auf die Jagd macht und einen bösen Cop nach dem anderen niedermäht. Stattdessen wird er in sorgfältig aufgebauten Szenen in eine ausweglose Verzweiflung getrieben, deren einzigen Weg zur befreienden Auflösung Danny in der Ausübung seiner Proffesion sieht. Was in seinem Fall bedeutet, sich über eine Situation die Kontrolle zu verschaffen, indem er sie vornehmlich rhetorisch erzwingt.
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Dieses Aufwärmprogramm wird von Samuel L. Jackson allein bereits mehr als solide absolviert, zum wahren Hochgeschwindigkeitssprint setzt Verhandlungssache aber erst mit dem Auftritt von Chris Sabian, gespielt von Kevin Spacey, an. In einem etwas überlang geratenen Gag wird er konträr zu Jacksons Danny bei einer gescheiterten Verhandlung gezeigt: dem Vermittlungsversuch zwischen seiner Frau und der Tochter. Sobald Sabian und Danny aber zum ersten Mal über das Telefon aufeinandertreffen, glänzt Spacey mit grandios-präzis-energetischer Souveränität. Wie vom Ausnahmeschauspieler und zweifachen Oscar-Preisträger gewöhnt, gelingt Spacey auch hier die totale Verschmelzung mit seinem Charakter und jedes weitere Scharmützel mit Jackson kann den Film immer wieder nach vorne pushen.
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Grays Inszenierung erreicht dabei manches mal ein beinahe kammerspielartiges Niveau und setzt mit der Operationszentrale der Cops und dem von Danny abgeriegelten Büroraum, dem sich seine Widersacher von allen Seiten nähern, passende Rahmen. Unverbraucht, wie die Stadt Chicago als Drehort damals wie heute noch ist, dient auch sie als stimmige Kulisse. Mit Action-Einlagen hält sich Gray lange zurück, beim zweimaligen Sturm der Spezialeinheiten auf Dannys Bastion explodiert die aufgeladene Stimmung dann schließlich in großartig gefilmten und packenden Momenten, die mit pathetischer Musik teils etwas dick auftragen, was die natürliche Dramatik der Situationen nicht nötig gehabt hätte. Dennoch beweist Gray hier ein exaktes Talent beim Einfangen kraftvoll angesetzter und ausgeführter Momente, in denen die Dramatik bis zum Bersten ausgereizt wird.
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Zwar wird das Geschehen gegen Ende vorhersehbar, verzichtet irgendwann weitestgehend auf die psychologische Raffinesse und opfert einen möglichen harten End-Twist dem zahmen Happy-End, doch der Excitement-Level wird bis zum Schluss hoch genug gehalten, um darüber hinwegzusehen. Ein wenig befremdlich mutet indes die scheinbare Liebe der Drehbuchautoren James DeMonaco und Kevin Fox zu den Namen ihrer Hauptcharaktere an, da diese ständig genannt werden. Auch ist Verhandlungssache mit einer Laufzeit von knapp 2¼ Stunden durchaus um einige Minuten zu lang geraten, besonders bei Paul Giamatti in einer recht nervigen Nebenrolle hätte man einiges einsparen können, sowie bei dem mit der Zeit gleichförmigen Autoritäts-Gebalze zwischen den lokalen Cops, der Bundesbehörde und Sabian.
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Verhandlungssache ist über die volle Distanz nicht ohne Durchhänger, setzt aber stets im richtigen Momenten zu energiesprühenden Tempostößen an, um mit insgesamt starker Performance, wenn auch nicht in Bestzeit die Ziellinie zu überqueren. Neben den beiden die Szenerie voll beherrschenden Jackson und Spacey runden David Morse, Ron Rifkin, Regina Taylor und J. T. Walsh die prima Besetzung ab und tragen mit schnörkellosen Darstellungen zu diesem sehr gelungenen Thriller-Drama bei.