PRINCESS AURORA von Bang Eun-jin
Südkorea 2005
Im Jahr 2005 bescherte das koreanische Kino seiner ständig wachsenden Fangemeinde gleich zwei Rachedramen mit weiblichen Hauptfiguren - Princess Aurora und Lady Vengeance. Da das letztgenannte der von Publikum und Kritik gleichermaßen heiß ersehnte Abschluss von Park Chan-wooks fulminanter Rachetrilogie (nach Sympathy for Mr. Vengeance und Oldboy) war, stand im Prinzip von vornherein fest, dass Bang Eun-jins Princess Aurora dazu verurteilt sein würde, in der öffentlichen Wahrnehmung ein Schattendasein zu führen. In der Tat war die Resonanz im eigenen Land nur gering und der Film enttäuschte an den Kinokassen. Völlig zu Unrecht, wie sich nach eingehender Betrachtung herausstellt.
Die Stadt Seoul wird von einer Serie bizarrer Morde heimgesucht. Im Gegensatz zu den ermittelnden Polizisten Oh und Jung weiß der Zuschauer allerdings von Anfang an, wer hinter diesen Verbrechen steckt. Es ist die attraktive Autoverkäuferin Soon-jung, der man in aller Ausführlichkeit bei der Vorbereitung und Ausführung ihrer wahrlich krassen Taten zusehen darf.
Soon-jung hat vor nicht allzu langer Zeit ihre sechsjährige Tochter durch die Hand eines Kindesmörders verloren. Obwohl sie das scheinbar verarbeitet hat und nach außen hin zunächst gefasst und stabil wirkt, ist klar, dass die Ursachen ihres Handelns in diesem Vorfall zu suchen sind. Direkte Bezüge kann man aber erst einmal nicht erkennen.
Als die Ermittler entdecken, dass an den Tatorten Aufkleber der Comicfigur Prinzessin Aurora hinterlassen wurden, beginnt Polizist Oh zu ahnen, wer hinter den Morden stecken könnte. Er ist nämlich der geschiedene Mann von Soon-jung und weiß um die einstige Vorliebe ihrer gemeinsamen Tochter für diese Comicfigur. Zudem sieht er seine Exfrau auf einem Überwachungsvideo, das in der Nähe des ersten Tatorts aufgenommen wurde, provozierend in die Kamera winken. Oh will sich seinen Verdacht jedoch zunächst nicht eingestehen und benötigt einige Zeit, um Gewissheit zu erlangen. Aber auch nachdem ihm die Zusammenhänge klar geworden sind, kann er weitere Taten nicht verhindern. Soon-jung selbst lockt ihn schließlich auf ihre Fährte, und als man sie daraufhin auf einer Müllhalde stellen kann, scheint sie inzwischen doch mehr oder weniger den Verstand verloren zu haben. Was für ein Irrtum ...
Princess Aurora ist ein erstaunlicher Film. Böse und ohne Hemmungen bei der Darstellung einer Reihe bemerkenswerter Härten - und dabei von einer Frau. Schauspielerin Bang Eun-jin (Insidern möglicherweise aus Kim Ki-duks Address Unknown oder Park Cheol-sus 301, 302 bekannt) legt mit ihm ein in jeder Beziehung beachtliches Regiedebüt vor. Inszenierung, Kameraarbeit, Ausstattung und Schnitt sind tadellos und würden manchem prominenten Vertreter der Zunft zur Ehre gereichen. Besonders hervorzuheben ist ein ungewöhnlich durchdachtes und klar strukturiertes Drehbuch (maßgeblich ebenfalls von Bang Eun-jin verfasst) - immerhin ist das nichts, was man bei asiatischen Filmen unbedingt voraussetzen darf. Die Grundidee, eine reine Rachegeschichte, bietet erst einmal nichts Neues, wird aber auf ungewöhnliche Art umgesetzt. Der Zuschauer weiß von Anfang an sehr viel und es geht nicht wie üblich darum, ob oder auf welchem Weg die polizeilichen Ermittlungen zum Erfolg führen. Das ergibt sich fast beiläufig von selbst. Es ist sogar ziemlich irritierend, wie einfach und ohne wirklich entscheidendes eigenes Zutun die Gesetzeshüter der Täterin habhaft werden. Damit geht der Film die zwingende Verpflichtung ein, in den letzten Minuten noch mit der einen oder anderen Überraschung aufzuwarten. Genau das tut er auf sehr überzeugende Weise und mit einer derart unerbittlichen Konsequenz, dass so manchem Betrachter der Mund offen stehen dürfte.
Angesichts seiner Thematik und seines Erscheinungstermins drängt sich bei der Betrachtung dieses Films natürlich fast zwangsläufig der Vergleich mit Park Chan-wooks Lady Vengeance auf. Dabei schneidet Princess Aurora keineswegs schlecht ab. Was sofort ins Auge fällt, ist die Geradlinigkeit, mit der Bang Eun-jin dem roten Faden ihrer Geschichte folgt. Zu keinem Zeitpunkt verliert sie das Wesentliche der Handlung aus dem Blick und kann dadurch das Interesse des Zuschauers konstant auf einem hohen Niveau halten. Tatsächlich weist ihr Film nicht einmal den Ansatz von Durchhängern irgendwelcher Art auf. Zu Beginn wird man durch die fast übergangslos aufeinanderfolgenden Taten Soon-jungs gefesselt, später durch die Erwartung jener Überraschungen, die sich durch die ungewöhnliche Erzählweise bereits vage ankündigen und schließlich durch die Entwicklungen selbst. Bang Eun-jin verzichtet auf jeden Versuch, ihrem Film den Geist eines tiefschürfenden Kunstwerks einzuhauchen und verlässt sich ganz auf ihre Geschichte. Diese konventionelle Herangehensweise muss man keinesfalls negativ bewerten. Immerhin werden dadurch einige der Probleme vermieden, mit denen Lady Vengeance zu kämpfen hat. Park Chan-wook entfernt sich mitunter zu weit von seinem eigentlichen Plot und erzeugt dadurch immer wieder unnötige Längen (er zeigt eindeutig zu viele Szenen aus dem Gefängnis und mit der Tochter der Protagonistin und manövriert sich gegen Ende in längere Dialoge, die nicht wirklich überzeugen können). Zudem gestaltet er den Aufbau seines Films übermäßig (und manchmal leider etwas bemüht) kompliziert und beansprucht damit die Aufmerksamkeit seines Publikums für letztlich überflüssige Dinge.
Bang Eun-jin macht es dem Zuschauer einfacher. Abseits von philosophischen Reflexionen, differenzierten Figurenkonzepten und ausgeklügelten Finessen der Inszenierung herrschen in Princess Aurora klare Verhältnisse. Es ist überhaupt kein Problem, sehr schnell sein moralisches Wertesystem zu ordnen und eine Position auf der Seite der Mörderin zu beziehen. Diese Ausrichtung erreicht die Regisseurin damit, dass sie die Personen, die von Soon-jung getötet werden, größtenteils als unerträgliche Widerlinge zeichnet, welche ihre „Strafe" zumindest in den Augen desjenigen, der sich den einen oder anderen niederen Instinkt nicht verbietet, verdient haben. Dass dabei auf einige gängige Stereotypen zurückgegriffen wird, mag an dieser Stelle verziehen sein. Durch die schnelle Orientierung und das durchgehend hohe Tempo, in dem sich die Geschehnisse entwickeln, bleibt nur wenig Raum für tiefer gehende Fragestellungen. Somit fokussiert sich Princess Aurora ziemlich deutlich auf die Ebene der Unterhaltung. Das wird auch durch den Umstand unterstrichen, dass der Film (zumindest in Bezug auf die Protagonistin) mit einem eindeutigen Ende abgeschlossen wird und daher nicht ausdrücklich zu weiteren Betrachtungen einlädt.
Hier liegt sicher der größte Unterschied zu Lady Vengeance. Park Chan-wooks Werk kann ganz gewiss nicht auf den Begriff Unterhaltung reduziert werden. Vielmehr muss man es als eine Art Konversation mit dem Publikum auffassen, in deren Verlauf immer wieder die Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen moralischen Fragen gefordert wird. Der tiefen Verunsicherung, mit der man hier nach dem Ende zurückgelassen wird, kann man nur mit einem nicht unerheblichen Aufwand an eigenständiger Denkarbeit begegnen.
In solche Bereiche stößt Princess Aurora nicht vor. Hier können die Dinge so akzeptiert werden, wie sie sind - alles Notwendige wird gesagt. Wenn man will, kann man darin auch eine klare Positionierung der Regisseurin erkennen. Trotz allem hinterlässt auch dieser Film einen sehr nachhaltigen Eindruck, was vor allem an der Kompromisslosigkeit liegt, mit der sein brisantes Thema behandelt wird.
Die an Vollkommenheit grenzende Eleganz der Bildkompositionen Park Chan-wooks kann Princess Aurora nicht erreichen, aber das soll an dieser Stelle nicht der Maßstab sein. Immerhin wartet auch Bang Eun-jins Film mit sehr eindrucksvollen Bildern auf, welche überdies an geeigneten Stellen durch den Einsatz von Überschneidungen, unscharfen Einstellungen, Zeitlupen und Toneffekten sinnvoll untermalt werden. Auffallend ist, dass sich große Teile der Handlung in einem sehr edlen und teilweise fast sterilen Ambiente abspielen. Wohnungen, Arbeitsplätze, Kaufhäuser, selbst die Kleidung der Darsteller und die benutzten Fahrzeuge wirken ausgesucht luxuriös. Umso deutlicher ist der Kontrast zu Soon-jungs Taten und deren mitunter recht blutigen Spuren.
Die Darsteller agieren erstaunlich zurückhaltend und können durchweg überzeugen. Im Zentrum steht die 1971 geborene Eom Jeong-hwa in der Rolle der Soon-jung. Sie hat eine freundliche und natürliche Ausstrahlung, verbunden mit einem Hauch von Unnahbarkeit. An keiner Stelle versucht sie sich in den Vordergrund zu spielen, sondern lässt sich auf eher bescheidene und gelassene Art lediglich von der Kamera beobachten. Eom Jeong-hwa ist in Korea äußerst populär. In den Neunzigerjahren startete sie eine sehr erfolgreiche Karriere als Popsängerin. Auch heute ist sie noch im Musikgeschäft tätig, wobei sich inzwischen der Schwerpunkt ihrer Arbeit auf den Film verlagert hat. Seit der Jahrtausendwende hat sie in einer ganzen Reihe von Kinoproduktionen und TV-Serien mitgewirkt. In diesem Zusammenhang soll nicht verschwiegen werden, dass es im ostasiatischen Kino die unrühmliche Entwicklung gibt, zunehmend sehr junge Popstars für wichtige Filmrollen zu engagieren, auch wenn das nicht selten zu katastrophalen künstlerischen Ergebnissen führt. Im Fall von Eom Jeong-hwa darf man überrascht sein, wie wenig sie den mit dem kommerziellen Musikbusiness verbundenen Klischees entspricht. Allerdings war sie während der Dreharbeiten zu Princess Aurora schon deutlich über dreißig. Das merkt man ihr an: Sie wirkt reif und souverän und ist ihrer Rolle jederzeit gewachsen.
Moon Seong-keun (von dessen Namen mir mittlerweile mindestens zehn verschiedene Schreibweisen begegnet sind) spielt den Polizisten Oh, der sich eigentlich zur Ausübung der Priestertätigkeit berufen fühlt. Dem angemessen ist sein ruhiges, fast schon erhabenes Auftreten. Er ist deutlich älter als seine Filmpartnerin und kann mit dem Hintergrund einer langjährigen Erfahrung als Schauspieler auf der ganzen Linie überzeugen. Sein Auftritt in diesem Film war übrigens der erste nach einem zweijährigen Engagement in der Politik.
Auch die kleineren Rollen in Princess Aurora sind gut besetzt. Immer wieder fällt auf, dass das gesamte Ensemble einen für asiatische Maßstäbe fast schon reservierten, sehr unaufgeregten Stil der Darstellung pflegt, was Zuschauern aus anderen Kulturkreisen ganz erheblich entgegenkommt.
Erfreulicherweise gibt es eine sehr gute deutsche DVD-Veröffentlichung des Films, welche von Splendid in zwei Versionen mit ausgezeichneter Bild- und Tonqualität angeboten wird. Die sogenannte Vanilla Edition (was immer uns dieser seltsame Name auch sagen will) verfügt über eine deutsche und eine koreanische Tonspur und deutsche Untertitel. Wer Lust auf mehr hat, kann sich die Special Limited Edition zulegen. Hier gibt es auf der Disk mit dem Hauptfilm zusätzlich einen Audiokommentar und auf einer zweiten DVD umfangreiches Bonusmaterial. Erwähnenswert sind das Making of, ein Kurzfilm von Bang Eun-jin (Ain't no Maid) und zahlreiche Interviews. Sowohl der Audiokommentar als auch die anderen Extras sind untertitelt.
Fazit: Princess Aurora ist ein sehr wirkungsvolles, straff inszeniertes und in jeder Beziehung erstaunlich kompromissloses Rachedrama, welches sich mit guten Darstellern, edlen Bildern und einem wohldurchdachten Handlungsablauf weit über das Niveau gängiger Durchschnittsware erhebt und auch Filmfreunden empfohlen werden kann, die keine engere Beziehung zum ostasiatischen Film haben. Eine echte Überraschung. Zum Schluss sei nochmals darauf hingewiesen, dass es in Princess Aurora nicht zimperlich zugeht. Ob die fehlende Jugendfreigabe gerechtfertigt ist, mag im Vergleich mit so manchem anderen Film dahingestellt sein, aber Zartbesaitete könnten durchaus Probleme mit Soon-jungs blutigem Rachefeldzug haben.
8 von 10 Punkten.