Review

Sylvester Stallone kann doch schauspielern!
Und er kann auch schreiben.
Dieser Film begründet Stallones Weltkarriere.
Er ist billig produziert und wird ein Riesenerfolg.
Er ist schäbig mit schäbigen Figuren durchsetzt, manche würden sagen authentisch.

Rocky ist ein Verlierer in einer Verliererwelt mit Verliererfreunden (Pauly). Da er ein einfacher Mensch ist, wird er nicht unbedingt für voll genommen, aber man mag ihn, da er sein Herz auf dem rechten Fleck hat.
Rocky selbst ist der Meinung, dass für ihn der Zug abgefahren ist, also macht er schüchtern erste Annäherungsversuche bei dem häßlichen Entlein Adrianne, der frigiden und spröden Schwester seines besten Freundes.

Selbst als sich ihm die Chance seines Lebens bietet und er um den Weltmeistertitel kämpfen soll - ironischerweise genau dann als er mit dem Boxen aufzuhören gedenkt - bleibt er sich treu und glaubt nicht an seine Chance.
Er ist nun mal der typische Underdog, der seine Grenzen ganz genau kennt. Er hat zwar ein Riesenherz, aber er hat nun mal ein Riesenherz: So ist er als Geldeintreiber eine völlige Niete, da er nicht in der Lage ist, wehrlose Leute einzuschüchtern.
Rocky ist ein Proll, ein sympathischer, einfacher Mann, der zu dämlich ist, sich provozieren zu lassen, ein Gutmensch, eigentlich zu gut - einfältig - für seine Umwelt.

Ganz langsam, fast schon behäbig entwickelt sich eine bittersüße Liebesgeschichte jenseits der üblichen Groschenromanklischees.
Adrianne und Rocky verlieben sich ineinander, vielleicht weil es ihre letzte Chance ist, es ist eine Mischung aus Liebe und Dankbarkeit, von beiden Seiten.
Auch als er den Sprung zu schaffen scheint, verliert Rocky nie den Boden unter den Füßen, weiß dass er keine Chance hat und offenbart sich nur Adrianne: Er will gar nicht gewinnen, weil er nicht an seine Chance glaubt, er will nur aufrecht und erhobenen Hauptes untergehen.

Dass er keine Chance hat, liegt aber entgegen seiner Meinung nicht daran, dass er zu schlecht für Appollo Creed ist, sondern daran dass es ein abgekartertes Spiel ist: Er darf gar nicht gewinnen. Hierbei wird Appollo aber nicht als Agitator angesehen, eher als fairer - wenn auch überheblicher - Sportsmann, der nur nach den Regeln des Geschäfts zu leben versteht.

Der finale Boxkampf, so grandios er auch inszeniert sein mag, soll dann auch eher zeigen, was für ein Herz Rocky hat und nicht bloß als Actionfeuerwerk herhalten. Und das Endergebnis der Punktrichter ist auch unwichtiger als das Zugeständnis der gegenseitigen Liebe Rockys und Adriannes.

Rocky ist ein kraftvoller, ehrlicher Film, kein Hochglanzkino.
Er war ein absoluter Überraschungserfolg damals, aber er spricht jede Person an, hat eine universelle Message.

Die Musik von Bill Conti und Frank Stallone (Sylvesters Bruder) sind auf ewig mit Rocky verbunden, sogar der Song "I will survive" aus dem Jahr 1978 klaut dreist aus dem Rocky-Soundtrack.
In jeder Mucki-Bude kann Rockys Thema jedem Sportler Sonderenergie zuführen.

Die Regie folgt fast sklavisch dem sensationellen Drehbuch Sylvester Stallones und kann daher auch nichts falsch machen. John G. Avildsen sagt sogar, dass er gar kein Bock hatte, einen Boxerfilm zu drehen, aber als er das Drehbuch las, war er spätestens als Rocky seine Schildkröten gefüttert hat, hin und weg.
Das sagt schon eine Menge über die Qualiäten des Drehbuchs aus.
Alleine die majestätische Einführung Rockys zeigt: Hier kommt ein großes Herz in einem kleinen Verlierer daher, aber er ist nur ein Verlierer, weil ihm sein Umfeld keine Gelegenheit gab, sich auszuzeichnen.

Die Darsteller spielen alle als würde es um ihr Leben gehen, allen voran Sylvester Stallone, der, ähnlich wie Rocky im Film, hier seine letzte Chance hat, und sie, im Gegensatz zu Rocky - völlig nutzt. Er ging sogar soweit, dass er mit dem Drehbuch richtiggehend hausieren ging, und niemandem verkauft hat, ohne die Zusicherung zu bekommen, dass er die Hauptrolle spielen dürfe.
Es wird gemunkelt, dass die Produzenten Burt Reynolds als Hauptdarsteller ins Auge gefaßt hatten - wäre eine interessante Alternative gewesen, nicht unbedingt besser, aber interessant nichtsdestotrotz.

Burt Young spielt den Pauly mit absoluter Innbrunst und der einzige halbwegige Hochkaräter in der Besetzung ist Talia Shire, die sich schon in zwei Filmklassikern vorher auszeichnen konnte: Der Pate 1und 2.
Hier kann sie mal einen gänzlich anderen Charakter spielen und überzeugt auf ganzer Linie.
Von Carl Weathers wird ja sowieso nur physische Präsenz und lockere Großmäuligkeit erwartet, was er auch recht souverän erldeigt.

Alles in allem ist das der perfekte Liebesfilm, denn obwohl alles dreckig, schmuddelig (eben das Amerikafeeling der späten 70er Jahre) und authentisch rüber kommt, wächst die Liebe beider Akteure ins Unermeßliche, Fabelhafte, Magische hinaus, spätestens als Rocky sich unter größten Mühen wieder im Ring aufrappelt und Adrianne nur zustimmend in sich hinein nickt, ist es um den Zuschauer endgültig geschehen.

Großer Film, Große Darsteller, Großes Drehbuch, Große Musik, Großer Klassiker - und hier auf dieser Seite völlig unterbewertet. Möglicherweise liegt das daran, dass es weitere vier Teile gab, die den Gesamteindruck des Films doch schon sehr stark schmälerten.

10 Punkte

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