Eine Nacht, fünf Städte, fünf Geschichten rund ums Taxi: In Jim Jarmuschs Episoden-Kultfilm „Night in Earth“ folgen wir einer Handvoll Menschen, die mal mehr, mal weniger angenehme Abenteuer rund um nächtliche Taxifahrten erleben. Da ist die Casting-Chefin (Gena Rowlands), die sich vom Flughafen L.A. nach Hause fahren lässt und in ihrer jungen Fahrerin (Winona Ryder) ein vielversprechendes Talent zu erkennen glaubt; der Schwarze Yoyo (Giancarlo Esposito) in New York, der nach langen Versuchen endlich ein Taxi bekommt und bei dem weder des Englischen noch des Fahrens mächtigen Helmut (Armin Mueller-Stahl) landet; der schwarze Fahrer (Isaach de Bankolé), der in Paris eine vielschichtige Begegnung mit einer blinden Passagierin hat; der leicht verrückte Fahrer (Roberto Begnini), der einen Pfarrer durch Rom fährt und diesen mit den Beichten seiner Sünden radikal überfordert; und der schweigsame Fahrer (Matti Pellonpää) in Helsinki, der drei Betrunkene nach Hause fährt und ihnen seine traurige Lebensgeschichte erzählt.
Mit diesem Reigen lieferte Jarmusch einen ebenso originellen wie formal typischen Beitrag zu seiner außergewöhnlichen Filmografie. Das Konzept, alle Handlungen gleichzeitig spielen zu lassen, nur eben in verschiedenen Zeitzonen, lässt einen faszinierenden Einblick in die komplexe Verschränktheit menschlicher Begebenheiten auf Erden aufkommen; zugleich wird dadurch filmisch clever die ganze Nacht durchmessen: von sieben Uhr abends in L.A. bis fünf Uhr morgens in Helsinki durchwandert der Zuschauende die ganze Nacht, obwohl ja alles, wie gesagt, im selben Moment stattfindet. Die klare Episodenstruktur, die durch kurze, sehr sympathisch altmodisch inszenierte Zwischenbilder gegliedert wird, gibt jeder der kurzen Geschichten gleichberechtigt viel Raum zum Entfalten. Und tatsächlich entspinnt sich jeweils in den knapp 20 Minuten Erzählzeit dank des sehr geschickten Drehbuchs und viel Einfühlungsvermögen in die Charaktere eine packende, meist sanfte, leicht melancholische, oft aber auch pointierte Geschichte über das Zusammentreffen unterschiedlicher Lebenswelten und Erfahrungen. Dass diese Konfrontationen mal mehr, mal weniger harmonisch enden, lässt genügend Abwechslung aufkommen, um trotz des stets ähnlichen Grundkonzepts nie repetitiv oder langweilig zu werden.
Inszenatorisch ist das wie gesagt ein typischer Jarmusch: lakonische Figuren, hinter deren skurriler Oberfläche oft tragische oder komplexe Schicksale lauern (allen voran die Helsinki-Episode strotzt so sehr vor tiefer Traurigkeit, dass sie beinahe auch von Kaurismäki stammen könnte); ein getragen-melancholischer Score, der die nächtlichen Bilder verlassener Straßen und einsamer Nachtwandernder fantastisch untermalt; eine ruhige, wenn auch nicht zu langsame Erzählweise; und originelle Charaktere und Handlungsentwicklungen, die immer wieder für kleine Überraschungen gut sind und das Interesse und die Sympathie des Zuschauenden konstant aufrecht erhalten.
Auch die Leistungen der Darstellenden fügen sich perfekt in diesen Reigen ein. Rowlands gibt ihre wohlhabende Grand Dame mit so viel Grandezza, dass sie perfekt zwischen leichter Überheblichkeit und Sympathie pendelt; Ryder ihre harte Taxifahrerin mit unglaublich viel Verve. Vor allem Mueller-Stahl aber begeistert in einer so dermaßen unprätentiösen Rolle als einfacher Einwanderer, dessen sprachliche und fahrerische Unfähigkeiten durch seine unglaubliche Freundlichkeit wettgemacht werden, dass man ihn sich hier kaum in anderen, oft viel brutaleren, herrischeren Rollen vorstellen kann. Aber auch alle anderen, mehr oder weniger bekannten Namen geben hier wahrlich intensive, naturalistische und mitreißende Einsätze, die ihre Figuren trotz Ecken und Kanten zu sympathischen Charakteren machen. Höchstens Begninis schrille Figur und der überraschend böse Humor seiner Rom-Episode fallen hier ein wenig aus dem Rahmen.
„Night on Earth“ fügt sich als ein echtes Highlight in den Reigen der Episodenfilme ein, die Anfang der 90er Hochkonjunktur hatten, zeigt in grandios geschriebenen Drehbüchern, mit tollen Dialogen und herzlichen Figuren das allnächtliche Kämpfen der Menschen um Erfolg, Würde und Anerkennung, hält gekonnt die Balance zwischen schönem Humor und tiefer Traurigkeit und wird seine vollen zwei Stunden lang zu keinem Zeitpunkt langatmig. Mit diesem Film hat Jarmusch seinem außerordentlichen Oeuvre ein weiteres absolut sehenswertes Werk hinzugefügt.