Review

"Wenn du irgendetwas weiter geben willst, gib es an deinen Sohn weiter."

Nach dem kräftezehrenden Kampf gegen den Russen Ivan Drago ist Rocky Balboa (Sylvester Stallone) schwer angeschlagen. Ein Arzt bescheinigt ihm einen Hirnschaden und verweist auf schlimmere Folgeschäden, falls er weiter in den Ring steigt. Auf drängen seiner Frau Adrian (Talia Shire) tritt Rocky schweren Herzens offiziell zurück. Aber das Schicksal meint es noch schlimmer mit ihm. Sein Schwager Paulie (Burt Young) erteilte Rockys Steuerberater eine Vollmacht über die Geschäfte des Boxers. Der Finanzhai verspekuliert sich, wodurch Rockys gesamtes Vermögen schwindet. Die Umstellung führt seine Familie zurück in die Slums von Philadelphia zurück, wo Rocky die Boxschule seines einstigen Trainers in Mickey wieder auf Vordermann bringt. Dabei lernt er den talentierten Tommy Gunn (Tommy Morrison) kennen und erkennt sich bereit ihn zu einem Titelkampf zu führen. In der Folgezeit verbringt Rocky mehr Zeit mit dem Jungtalent als mit seiner Familie. Darunter leidet besonders sein Sohn Rocky Jr. (Sage Stallone) der in der neuen Schule des öfteren Prügel kassiert.
Nachdem Tommy mehrere Kämpfe im Ring gewinnt wird der Manager George Washington Duke (Richard Gant) auf ihn aufmerksam. Er beabsichtigt den ungeduldigen Jungspund für sich zu gewinnen und gegen Rocky einzusetzen. Denn nichts ist ihm lieber als Rocky noch einmal in den Ring steigen zu lassen und ordentlich Geld durch den Publikumsliebling zu scheffeln.

Nachdem die direkten Vorgänger actionbetonter und luxuriöser anmuteten, beschreitet "Rocky V" alte Pfade. Die ärmliche, karge Umgebung gibt dem Film den einstigen, persönlichen Anstrich wieder zurück. Stallone spielt seinen Rocky wieder so zurückhaltend und verletzlich wie in den beiden Ursprungsfilmen. Klingt nach einer guten Ausgangsposition, aber weit gefehlt. Die moderne 90er Interpretation des einstigen Boxerdramas verstrickt sich vielmehr in ein hölzernes Familiendrama.

Was einst dicht aneinander gereiht wie aus einem Guß wirkte, versprüht im fünften Ableger der Reihe bestenfalls das Niveau einer Daily Soap. Die Story beispielsweise hakt an allen Ecken und Enden. Unglaubwürdigkeiten stapeln sich, so scheint der mehrmalige Boxweltmeister und Publikumsliebling nach dem Umzug in die ärmeren Viertel schnell vergessen. Auch die Befugnis Paulies, über das gesamte Vermögen des Boxers zu verfügen, erscheint nicht sonderlich nachvollziehbar.
Der Fokus legt sich auf die Vater-Sohn Beziehung der beiden Hauptfiguren, die allerdings recht herzlos präsentiert wird. Das zerbrechende Vater-Sohn-Verhältnis erscheint in dieser Form zu aufdringlich und nervig, will man sich als Zuschauer doch lieber den Boxereignissen widmen. Zudem ist es merkwürdig, dass dabei die beiden anderen Familienmitglieder so gut wie garnicht mehr eingreifen (dürfen).
Darunter leidet dann auch das Charakterbild einzelner Figuren. Adrian und Paulie werden nur in seltenen Fällen in die Geschichte mit einbezogen, die rebellische Entwicklung von Rocky Jr. erscheint zwar glaubwürdig, allerdings nicht nachvollziehbar. Das schlimmste sind allerdings die neuen Gegenspieler von Rocky selbst. Die Figur des Tommy Gunn ist nicht stimmig, seine Charakterwandlung in ihrer Rasanz und ohne großen Anlass nur schwer einsichtig. Die übereifrige Form des Managers Duke mag noch an die aggressiveren Varianten von Teil 3 und 4 ansetzen, erscheint aber ebenso profillos. Die Neuzugänge sind somit enttäuschend klischeebehaftet, plakativ und schnell vergessen.

Stallone experimentiert noch mit weiteren Neuerungen um die einfühlsam erzählte Geschichte aufzupeppen. So finden sich neben den bekannten Rocky "Hymnen" immer wieder Rap Stücke, die so überhaupt nicht dazu passen wollen.
Über Musikgeschmäcker lässt sich streiten. Aber ein ganzes Konzept über den Haufen zu schmeissen erwies sich als ganz schlechte Idee. Rocky begibt sich diesmal nämlich nicht in den Ring. Stattdessen schickt er Tommy als müden Ersatz, den der Filmzuschauer ebensowenig sehen will wie die im Film zuschauenden Personen. Die atmosphärischen Trainingsstunden entfallen ersatzlos. Das Highlight soll dann eine übelst aufgesetzte Straßenprügelei zwischen Rocky und Tommy bilden. Schmerzlich vermisst man hier die berühmten Kampfszenen im Ring die eine wahrhaftig dichte Atmosphäre verbreiteten und die Spannungsschraube zum Schluss ordentlich in die Höhe schießen ließen.

Technisch ist dies der erste "Rocky"-Film der keinerlei Grund für Mängel bietet. Hierbei sieht man allerdings, dass Dramen nicht zwingend auf eine perfekte Kameraarbeit angewiesen sind. Vielmehr ist es der Inhalt, der hier in Form einer halbgaren Familientragödie mit Persönlichkeitskonflikten ohne tieferen Sinn seine Aufmerksamkeit auf sich zieht und gar unfreiwillig komische Momente erzeugt. Und das obwohl versucht wird den Zugang zu den Figuren herzustellen.

Auch im fünften Teil findet das eingespielte Team wieder zusammen. Zwei Ausfälle gibt es zu beklagen, die man schwerlich vermisst. Durch den Geschichtsverlauf sind diese Ausfälle aber nicht zu ändern. Zumindest Burgess Meredith schafft es nochmal in Form einer eingeschleusten Rückblende zurück auf die Leinwand, einer der melancholischen Höhepunkte des Films.
Dem Boxer Tommy Morrison eine Schlüsselfigur spielen zu lassen erweist sich als zweischneidiges Schwert. Der Mann mag zwar boxen können, von Schauspielerei hat er allerdings keine Ahnung. Und das merkt man ihm an. Dagegen hält sich Sylvester Stallone's Film und realer Sohn, Sage Stallone ("Daylight", "Moscow Zero") erstaunlich gut, selbst für einen Jungdarsteller.
Richard Gant ("Der Kindergarten Daddy 2", "Bean - Der ultimative Katastrophenfilm") macht den gleichen Fehler wie die geschaffene Figur. Er agiert übereifrig und nervt mit extrem überladener Darstellung seines Alter Egos.

Obwohl "Rocky V" ein Back to the Roots Imitat ist, lässt es den einstigen Geist der Reihe missen. Die neu eingeführten Figuren sind zu blass gezeichnet und von ihren Darstellern zu übereifrig oder unprofessionell verkörpert. Der Geschichte fehlt es an Glaubwürdigkeit. Das schlimmste allerdings sind die fehlenden mitreißenden Trainingssequenzen und ein spektakulärer Kampf im Ring. Nur die lieb gewonnenen Figuren die zu ihren Ursprüngen zurück finden bewahren den fünften Teil der Reihe vor einem Totalausfall.

3 / 10

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