Ich kann mich noch gut an das Jahr 1990 erinnern und wenn man mich persönlich fragt, was für mich das denkwürdigste Ereignis in diesem Jahr war, würde ich ohne mit der Wimper zu zucken den 8. Juli 1990 nennen, der Tag an dem Deutschland gegen Argentinien mit einem 1:0 Sieg im Finale zu Rom zum dritten Mal Fussballweltmeister wurde. Die empfundene Begeisterung als damals 13 jähriger am darauffolgenden Schultag auf dem Pausenhof ist für mich auch heute noch greifbar und neben dem weltpolitischen Highlight der deutschen Wiedervereinigung vom 03.10.1990 ist mir aus filmtechnischer Sicht ein weiteres Datum gut in Erinnerung: Der 20.12.1990, der Kinostart von Rocky V in Deutschland, welchem ich mit eindeutig gemischten Gefühlen gegenüber stand. Einerseits war es für einen bekennenden Stallone bzw. Rockyfan der erste selbst gesehene Film von seinem Idol im Kino, andererseits kann ich mich noch wie gestern an die mittelschwere Enttäuschung entsinnen, als ich den Kinosaal verließ und dieser bis 2006 letzte Teil so anders ausfiel, wie der direkte Vorgänger Rocky IV (1985), den ich in und auswendig kannte. Hätte mich man damals um eine Wertung gebeten, wäre wahrscheinlich nicht mehr als durchschnittlich rausgekommen und auch finanziell muss Rocky V mit einem US Einspiel von nur 41 Millionen Dollar als Flop bezeichnet werden. Aber ist der Streifen, von welchem Stallone später behauptete, er hätte ihn aus reiner Geldgier gedreht, tatsächlich so schlecht? Ich muss nach aktueller Sichtung gestehen, dass ich in den knapp 104 Minuten gut unterhalten wurde und den ein oder anderen Kritikpunkt mittlerweile komplett anders bewerte.
Stallone wollte dem Charakter, welcher ihm zum absoluten Weltruhm verhalf, einen würdigen Abschluss verschaffen. Er hatte es satt, nur auf Rocky oder Rambo reduziert zu werden, weswegen er sich auch in Komödien wie Oscar (1991) oder Stop! Or my mum will shoot (1992) versuchte. Sein Plan für Rockys letztes Abenteuer sah eine Rückkehr zu den Anfängen vor, so bat er John G. Avildsen, Regisseur des bahnbrechenden Originals, erneut die organisatorischen Geschicke zu leiten. Das Budget betrug 42 Millionen Dollar, wobei alleine 15 Millionen für Slys Gage benötigt wurden, was in Anbetracht seines 23.000 Dollar Lohns für Rocky (1976) eine Gehaltssteigerung von über 65217 % bedeutete. Wussten Sie, dass Rocky in den ersten Drehbuchentwürfen in Adrians Armen sterben sollte? Nach Studioprotesten schrieb Stallone das Finale um und ließ in einem späteren Interview verlauten: "In Rocky geht es um Ausdauer und Erlösung. Rocky in der Gosse verenden zu lassen, würde gegen die Wurzeln meiner Geschichte sprechen". Dafür konstruierte er für seinen in Rocky III (1982) verstorbenen Trainer Mickey (Burgess Meredith) einen längeren Auftritt in einer Traumsequenz und auch die Rolle von Rockys Frau Adrian (Talia Shire) erhält wieder deutlich mehr an Gewichtung. Rocky (S. Stallone) hat es nach dem Sieg über Drago nicht einfach. Vom Kampf hat er einen Hirnschaden davon getragen, sein Schwager Paulie (Burt Young) hat das Familienvermögen bei Börsengeschäften verspielt und nach der Versteigerung seiner Villa muss er mit seiner Frau und Sohn Robert (Sage Stallone) zurück in die Slums von Philadelphia. Der junge Boxer Tommy Gunn (Tommy Morrisson) arrangiert Rocky als Manager, damit er ihn an die Weltspitze bringt und nach dem Titelgewinn währt sich Tommy am Ende seiner Träume. Doch als die Presse ihn als Rockys Roboter denunziert, versucht dies der widerliche Kampfpromoter G. Washington Duke (Richard Gant) für seine Zwecke auszunutzen. Er überredet Tommy, Rocky um einen hoch dotierten Fight herauszufordern...
Ich gebe zu, mit der Idee, Rocky alles verlieren zu lassen, hat mich Sylvester Stallone in meinen jungen Jahren ziemlich vor den Kopf gestoßen und ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte mir einst nicht einen actionorientierten Sportactionfilm im Stile der beiden Vorgänger gewünscht. Heute empfinde ich die Wendung als folgerichtig, denn was hätte nach dem Höhepunkt, dem Kampf des Jahrhunderts gegen Ivan Drago, noch als Steigerung kommen können? Klar wirkt der Aufhänger hinter der Story mit Paulies geleisteter Generalvollmacht absolut unglaubwürdig, denn keine Bank der Welt würde eine Genehmigung von einer nicht zeichnungsberechtigten Person akzeptieren, außer Rocky hätte Paulie vorab eine komplette Handlungsbefugnis über sein Vermögen erteilt, was nicht erwähnt wird und auf Grund von seinem Alkoholkonsum eher angezweifelt werden darf. Auch die Ausführungen um Rockys Hirnschaden widersprechen sich teilweise selbst. Die Krankheit, welche er im Film erlitt, die eine leichte Art von Gehirnerschütterung war und bei Boxern zwar auch außerhalb der Filmwelt ziemlich weit verbreitet ist, stellt in der Realität für eine Boxlizenz normalerweise kein Hindernis. Sei's drum, wer die kleinen Logikdiskrepanzen ausblenden kann, wird mit einem von allen beteiligten authentisch gespielten Boxerdrama belohnt, welches zur richtigen Zeit mit gefälliger Boxaction und Franchise üblichen Trainingssequenzen aufgelockert wird. Stallone verkörpert die Auswirkungen seiner Schicksalsschläge, die gesundheitlichen Schäden, den sozialen Niedergang, die Existenzängste des Boxers, der seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, mehr als glaubwürdig, während Tommy Morrisson, der meiner Meinung nach völlig zu Unrecht als schauspielerische Nulpe verschrien ist, mich mit seiner Performance als junger, hungriger und naiver Kämpfer vollumfänglich abholen konnte.
Ein emotionales Highlight ist für mich die Rückkehr von Rockys Manager Mickey (Burgess Meredith), der zu ihm quasi ein väterliches Verhältnis pflegte und der bewegende Traum, in welchem Mickey Rocky den Sinn des Lebens näher bringt, dürfte nicht nur bei mir so etwas ähnliches wie Gänsehaut ausgelöst haben. Nicht zu verachten ist zudem auch die wieder gesteigerte Bedeutung des familiären Umfelds Rockys, in dem Adrian (Talia Shire) und Sohn Robert (Sage Stallone) umfangreiche Möglichkeiten gegeben werden, Akzente zu setzen und auf Rockys Psyche einzuwirken. Vor allem das parallel aufgebaute, polarisierende Streitthema um den vernachlässigten Sohn, der um die Gunst seines Vaters buhlt, da dieser offenbar nur noch Augen für seinen neuen Schützling Tommy Gunn hat, weiß den mitfühlenden Zuschauer zu bewegen. Sylvester Stallone sorgte dafür, dass Sage Stallone, sein leiblicher Sohn, Rockys Filmsprössling spielen darf, was in Rocky V zur Darstellung von einem auch in der Wirklichkeit existenten Vater/Sohn Konflikt führt. Der weltbekannte Star hatte wegen seiner Berühmtheit nämlich so gut wie keine Zeit für seinen Sohn, was Stallone später selbst mit Reue eingestand und in die Filmhandlung geschickt implementierte, welche gerade auch durch diesen Hintergrund transparent und realitätsnah wirkt. Dafür, das die Rolle des Robert Balboas Sage Stallones Filmdebüt war, kann sich dessen Leistung wirklich sehen lassen, er überzeugt meiner Meinung nach auf ganzer Linie und das gefällige Zusammenspiel der beiden Stallones wusste mich durch die Bank zu unterhalten. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings ein nicht zu verleugnender Anschlussfehler zwischen Rocky IV und Rocky V, in welchem der gute Robert so mir nichts dir nichts einfach mal um 5 Jahre gealtert ist, was sich Stallone von diversen Kritikern auch heute noch anhören lassen muss.
Ach fast hätte ich es vergessen, geboxt wird in Rocky V natürlich auch noch und die zahlreichen Trainingsmontagen, in welchen Rocky seinen Schüler zum Titelanwärter formt, sind zusammen mit Tommy Gunns sehenswerten Boxkämpfen hervorragend inszeniert, nur die etwas gewöhnungsbedürftige, musikalische Hip Hop Untermalung hätte meines Erachtens nach nicht unbedingt sein müssen. Optisch ist die Action mit den zahlreichen Zeitlupen über jeden Zweifel erhaben und auch der serientypische Motivationsfaktor kommt in Rocky V auf keinen Fall zu kurz. Allerdings gibt es bei all der Lobhudelei mit dem finalen Straßenkampf zwischen Rocky und Tommy Gunn auch einen deutlichen Wermutstropfen zu verzeichnen, welcher zwar, wenn man die Plotentwicklung um den schmierigen Kampforganisator G. W. Duke (Richard Gant) mal aufmerksam verfolgt, nur konsequent erscheint, trotzdem wäre ich mit einem im Boxring klassisch ausgetragenen Showdown glücklicher geworden. Obwohl Stallone angeblich einen Großteil des Streetfights zusammen mit dem Pro Wrestling Star Terry Funk choreographiert hat, fehlt der "ganz netten" Auseinandersetzung letzten Endes das gewisse Extra, sprich die Durchschlagskraft. Die Bewegungsabläufe sind zudem nicht immer rund und das gesamte Ambiente inklusive einiger peinlicher Zuschauerreaktionen wirkt etwas arg kitschig beziehungsweise unfreiwillig komisch. Auch wenn ich mich phasenweise dabei ertappt habe, Rocky anzufeuern, der Titel für den schlechtesten Schlusskampf der gesamten Serie geht zweifelsohne an Rocky V.
Sie können mir jedoch glauben, dass Rocky V ungeahndet seines negativen Leumundes bei weitem nicht der Rohrkrepierer ist, zu welchem er gerne gemacht wird. Mit der richtigen Erwartungshaltung ist Sylvester Stallone die Mission "back to the roots" unterhaltsam gelungen. Er bietet seinen Figuren und den gefällig agierenden Akteuren trotz marginaler Plausibilitätsmängel genügend Raum zur Entfaltung ihrer charakterlichen Wege und spricht dabei die Schattenseiten des Profiboxsports schonungslos an. Ruhm und Erfolg sind vergänglich, dass einzige was wirklich zählt ist die Familie. Obwohl eindeutige Tendenzen in Richtung Boxdrama vorhanden sind, vergisst Stallone die Stärken nicht, welche die Rockyreihe bei Fans und Kritikern nahezu unsterblich gemacht haben: Spektakuläre Boxkämpfe und ermutigende Trainingssequenzen, gepaart mit dem eisernen Willen nach oben zu kommen, nur mit dem verkorksten Finale ist ihm wahrlich kein "Lucky Punch" geglückt. MovieStar Wertung 2023: 7 von 10 Punkte.