Das blieb also damals übrig, wenn "Karate Kid", "Blood Sport" und "Der Mann mit der Todeskralle" in der Stammvideothek bis auf das letzte band restlos verliehen waren: Ich habe zwar erst Ende der 90er und damit mit dem beinahe letzten Schlag der Todesglocke eine Videothek von Innen gesehen, besitze aber dennoch genug Vorstellungskraft, um mir die Umstände, unter denen man eventuell zu "American Shaolin", dem Kuckucksei des späten Kung Fu - Filmes kommt, bildgewaltig und farbenfroh vorzustellen. Da marschiert dann Karate - Kalle in seiner besten Trainingsjacke und seine feinsten Goldkettchen gehüllt in die Videothek, um sich und seinen Vereinskumpanen auf dem ersten Videoabend seit Monaten mal was nichtpornographisch Gutes zu tun, zielstrebig in Richtung jener Regale, in der der Männerfilm sehnsüchtig auf echte Kerle wartet, die sich noch trauen, in die ganz brutale Röhre zu schauen. Dummerweise sind all die guten Klopper schon verliehen und so fahren die gelangweilten Augen routiniert das leere Regal ab, in dem der Hoffnungsschimmer des Abends ruht. Kalle steht jetzt vor der Wahl: entweder den oder nochmal Teresa Orlowski und damit riskieren, dass Jupp wieder mit Blusturz im Krankenhaus landet, weil aller Lebenssaft ihm mal wieder ruckartig aus der Birne in Richtung Genusswurzel entwichen ist. Noch weiß Kalle nicht, dass das die unterhaltsamere, vielleicht auch mental gesündere Wahl gewesen wäre.
Okay, ganz so harsch will ich mit dem Film, den ich mit 12 sehr mochte, dann auch nicht umspringen: Dieser solide Viererkandidat ist, mit durchaus soliden Kampfszenen gesegnet, durchaus ein Retter für schlaflose, gelangweilte Urlaubsnächte, das ultimative Männerbetthupferl, der Schlag in Nacken zum Einpennen. Aber zum unterhaltsamen Einpennen wohlgemerkt. Das ist für eine Film, der die Karatewelle der 80er im Wesentlichen um mindestens zwei Jahre verpennt hat doch eine solide Leistung, die ich mit dem folgenden Filngeschwafel ehren möchte.
Zu der unglaublichen Verspätung des Filmes gesellt sich zu beginn direkt ein unglaublich unsympathischer Protagonist, der irgendwo zwischen Jason aus "Karate Tiger" und Daniel aus "Karate Kid" auf der Sympathietonleiter herumhopst und eine nervige kleine Melodie des Arschlochseins spielt: Zu Beginn noch als ernstzunehmender Teilnehmer eines Karateturniers, gar als Kampfkunstjungmeister etabliert und von Konkurrent "Trevor Gottitall" (ich liebe sprechende Namen) zurechtgestutzt und abgefrühstückt macht Kämpfer Drew Carson, dessen Trainer sich zuvor als Shaolin - Mimikry outete, sich auf den Weg, um sich selbst zu der glatzköpfigen Kampfelite anzuschließen. Klingt verdächtig nach US - Neonazis ist auch bewusst so missverständlich formuliert: Der Film zelebriert Drews Amerikanersein später noch aufs allerunangenehmste.
Bei dem Versuch, im legendären Kloster Einlass zu finden, kommt der Teenager mit seiner sackigen Tourie - Attitüde jedoch nicht weit, sodass er auf Anraten eines alten Zausels und seiner für ihn übersetzenden Enkelin bockt und in Anlehnung an die Lokallegende eines protestierenden Jungkämpfers vor der Klosterpforte kampiert, bis der oberste Abt ihm endlich Einlass gewährt. Mutmaßlich, um dem kleinen Sackgesicht, dass die Moral seiner Mitstreiter fortan mit Tittenheftchen und Rockmusik verdirbt, endlich etwas dringend nötige Disziplin einzudreschen. Einige pubertäre Streiche, Trainingseinheiten und Streitereien mit ausländerfeindlichen Mitschülern später wird aus der faustschwingenden Antwort auf das kleine Arschloch doch noch ein Shaolin und ein halbwegs brauchbares Mitglied einer jeden zivilisierten Gesellschaft, der den Geist des klosters mittlerweile so verinnerlicht hat, dass Trevors Provokationen an ihm abperlen wie der Morgentau am blühenden Lotus unter der frühen Sonne oder so. Keine Ahnung, bin kein Sinologe. Im Rahmen eines Kampfturniers, bei dem das halbe Kloster mitsamt Chefausbildern antritt kommt es dann zum Eklat, als Trevor einen Mitschüler schikaniert (zufällig den, der Drew vor sechzig Filmminuten noch rassistisch von der Seite angewichst hat) und Drew darf den Chinesen mal vormachen, wie Kung Fu so richtig geht. Natürlich nur, nachdem er sich das Alibi - Ja vom Chef abgeholt hat, der ihm versichert, dass Dresche als Reaktion auf die Lernunwilligkeit gewaltbereiter Hohlköpfe durchaus ein angemessenes Erziehungsmittel ist.
Achja, diese wunderbare kurze zeit, als die 90er noch mitten in den 80ern feststeckten: alles an dem Film ist so herrlich altbacken, vom Permanentweichzeichner des Bildes über den Quäke - Keyboardsoundtrack im Hintergrund. Und nein, ich habe nichts gegen die traditionellen Klänge des Soundtracks, wohl aber was gegen die bisweilen billige Instrumentierung. Trotz großartiger Kampfszenen und wunderschöner Kulissen wirkt der Film somit billig, dank Drews praktizierter Blödheit auch in gewisser Hinsicht cartoonhaft.
Der kulturelle Zusammenstoß, aus dem der Film seinen Reiz beziehen soll ist ebenso missglückt, enden doch alle versuche Drews, seinen neuen Freunden die westliche Lebensweise näher zu bringen im totalen Desaster. Drew selbst kommt immer wieder mit einem blauen Auge davon und erfreut sich auch, nachdem er seine Kumpels zum gefühlt tausendsten Male mit sich in die Scheiße gezogen hat. Diese kampfkunstbasierte Völkerverständigungskomödie ist im Grunde genommen höflich verpackte Entzweiung: während die Nachsicht der Mönche sich mit "Dieser Trottel ist doch eh zu dumm, um unsere Kultur zu verstehen" übersetzen lässt ist Drews Endkampf gegen Trevor einerseits ein nachträgliches Duell um den Titel "Größter Schwachmat der westlichen Welt", da andererseits nur ein Flexen seiner vermeidlichen weißen Überlegenheit. Wer's braucht...
Als "American Shaolin" auf den "Karate Kid" - Zug aufsprang rollte der schon längst im Schritttempo in Richtung Abstellgleis und im begriff, sich selbst zur erlösenden Verschrottung frei zu geben. Die vielversprechende Verquickung aus Coming of Age - und Kampfsportdrama funktionierte dann erst 2010 mit dem Remake der "Karate Kid" - Story wieder und ging 2018 in "Cobra Kai" auf, dem einzigen Grund für mich, mein Netflixkonto hin und wieder zu reaktivieren. Was "American Shaolin" angeht bin ich hin und wieder einer schnellen Sichtung nicht abgeneigt, aber bei weitem nicht so emotional investiert wie in die erweiterte Fortführung des Duells "LaRusso vs. Lawrence". Und dennoch hat der Film was und sei es nur eine unfreiwillige Komik und jede Menge nostalgischer Wehmut. Prost, Karate - Kalle, wo auch immer du gerade Fressen polierst!