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„Die Simpsons“, Season 3, Episode : „Bis dass der Tod euch scheidet“ („Black Widower“). Homer sitzt mit Kindern vor dem Fernseher und sieht sich begeistert eine Serie mit einer Dinosaurierfamilie an. Als ein rosafarbenes Baby auf dem Bildschirm erscheint, das dem Vater mit einer Bratpfanne auf den Kopf haut, sagt Homer zu Maggie: „Sieh mal, die haben auch ein Baby!“ Und Bart bemerkt: „Das ist so, als hätten die unser Leben beobachtet und eine Serie draus gemacht!“

Selig ist, wer zwischen den Zeilen lesen kann. Was Simpsons-Erfinder Matt Groening in dieser Szene auf höchst amüsante Weise ausdrücken will: die gelbe Familie aus Springfield hat einen Haufen von Nacheiferern und Imitatoren hervorgebracht, die genau wie ihr Vorbild als gesellschaftskritischer Spiegel funktionieren wollen. Dazu gehören nach Ansicht von Groening und seinen Untergebenen auch „Die Dinos“.

Und natürlich, Recht haben sie. Bei näherer Betrachtung sind die Parallelen unverkennbar. Ein fetter, dummer Vater (Homer), der in einem Job arbeitet, wo ihn ein tyrannischer Chef (Burns) terrorisiert; seine fürsorgliche und vernünftige Frau (Marge); ein draufgängerischer Sohn, der in der Schule eher schlecht ist (Bart); ein Baby (Maggie), das sich strikt weigert, seinen Vater „Daddy“ bzw. „Papa“ zu nennen (wieder Bart); der Arbeitskollege und Kumpel des Vaters (Lenny)... keine Frage, wer diese Parallelen als Zufall abtut, der lügt.
Natürlich sollten derartige Vergleiche gar nicht erst aufkommen. Deswegen sind „Die Dinos“ keine Zeichentrickfiguren, sondern Puppen, in denen Schauspieler stecken. Damit fällt jeder optische Komparativ weg; einen solchen muss sich zum Beispiel „Family Guy“ gefallen lassen. Ach, und überhaupt: es handelt sich hier um eine Dinosaurierfamilie. Schlau gedacht, aber trotzdem Pech gehabt. Weder das Wechseln der Spezies noch das der Machart der Serie kann letztendlich die Parallelen verdecken.

Nur: ist das schlimm? Nee, in diesem Fall darf man sogar froh sein. Denn der gesellschaftskritische Anspruch ist vollkommen berechtigt. Die Adaption der Dinosaurierfamilie und ihres sozialen Umfeldes auf das Publikum funktioniert erstaunlich gut. Vor allem funktioniert sie nach ähnlichen Regeln wie Groenings erst 1999 erschienene Zukunftssatire „Futurama“. Würden „Die Dinos“ heute immer noch produziert, wäre es nur fair, wenn man in einer Episode „Futurama“ ebenso aufs Korn nehmen würde, wie es die Simpsons in oben genannter Episode mit den Dinos getan haben.

Persönlich habe ich die Puppentrickserie um den Baumschubser Earl, seine Frau Fran, seinen Sohn Robbie, seine Tochter Charlene und sein Baby „Baby“ (ja, es heißt „Baby“!) als Kind gesehen und sehr gemocht. Vor allem wegen jenem rosafarbenen Baby, das wirklich urkomisch ist und mit einer göttlichen deutschen Synchro gesegnet wurde, die ähnlich wie einst Tommy Piper bei „Alf“ den O-Ton noch übertreffen dürfte. Nach Jahren habe ich jetzt noch mal ein paar Episoden gesehen und erkenne nun durchgehend sehr durchdacht pointierte Gesellschaftssatire, die ich als Kind nur erahnt, aber nie wirklich verstanden habe.

Ausgegangen wird dabei von einem Szenario, das bereits Millionen Jahre zurückliegt. Die Charaktere sind also nicht einfach nur so ohne jede Motivation Dinosaurier, sondern leben auch im dazugehörigen Dunst der gesellschaftlich normierten Konventionen. Diese basieren, wie jedem Hobby-Darwinisten bekannt sein dürfte, auf dem „Fressen und gefressen werden“-Prinzip. Das ist eine natürliche Regelung (und damit der Konvention eigentlich widersprüchlich), eine simple Funktionalität, nach der die Natur funktioniert... aber eben auch primitiv. Im Gegensatz zu unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft, in der man in wenigen Stunden auf der anderen Seite der Erdkugel sein kann, in der Manipulation von TV und anderen Medien ausgeht, in der wir im Supermarkt einzeln abgepackte Wurst in Form eines lustigen Gesichts kaufen können.

Der Clou bei den Dinos ist nun folgendes: die Grundprinzipien des Lebens basieren in der Serie weiterhin auf dem Stand von vor Millionen Jahren. Das heißt, man liebt seinen Nächsten nicht wie sich selbst, sondern man frisst ihn, wenn man ihn nicht kennt – oder man wird selbst gefressen. Der Kühlschrank unserer Dino-Familie ist stets gefüllt mit lebendem und sprechendem Kleingetier.
Andererseits gehen die Dinosaurier hier zur Schule, reden miteinander, haben Fernseher und Häuser, Autos und Kleidung, Filme und Literatur. Sie sind also kulturell und sozial ebenbürtig mit unserer Gegenwartsgesellschaft und damit identifikationswürdig. Lange Rede, kurzer Sinn: die gesellschaftskritische Essenz beruht auf der Verdeutlichung des Umstandes, dass wir trotz unserer hoch entwickelten Zivilisation letztendlich immer noch deduktiv auf unsere primitiven Wurzeln zurückzuführen sind, weshalb sich solche Dinge wie Werbung lediglich als verschönte Form des Fressens und Gefressen-Werdens entpuppt. Bildlich gesprochen, Werbung (um beim Beispiel zu bleiben) ist wie die lockende, unwiderstehliche Schönheit der Venusfliegenfalle, bevor diese zuschnappt.

Diese Dualität – einerseits die rohe Primitivität, andererseits die Zivilisation – wird auch schon durch den Vorspann eingefangen. Es beginnt mit pompösem, düsterem Orchester, dunklen Wäldern, einer Ego-Perspektive, die an „Freitag, der 13.“ erinnert. Dann der Umschwung: man sieht die dümmlich-lustige Fratze von Earl, hört ihn „Bin da! Wer noch?“ sagen und wird in einer Art Pleite, Pech und Pannen-Montage und witziger Hoppel-Musik auf das wahre Gesicht der Serie hingewiesen: Comedy. Oberflächlich gesehen ist das ein Spiel mit den Genrekonventionen, wie es gerne in Trailern zu Komödien und Parodien verwendet wird (z.B. „Hot Shots“ oder „Space Jam“). Hintergründig werden zudem die genannten zwei Seiten der Medaille aufgezeigt.

Gegenstand der einzelnen Episoden sind die klassischen Probleme einer Sitcom: der Job (Earl), die Ehe (Earl und Fran), Schulprobleme (Robbie), Mode (Charlene), Liebe und Freundschaft (Robbie und Charlene), das Alter und der Tod (Earls Schwiegermutter). Das Baby ist verstärkt für die Gag-Sequenz verantwortlich, die durch die Babymarotten (das Lachen, „Noch mal!“, „Will haben!“, „Nicht die Mama!“) und durch physische Komik (Topfschlagen auf Nicht-die-Mama's Kopf) provoziert werden.
Die Puppen wirken erstaunlich lebhaft und sind sehr individuell ausgearbeitet. Schon alleine dadurch erhält jeder noch so kleine Darsteller reichlich charakterliche Substanz, die durch gut ausgearbeitete Persönlichkeitszuschreibungen noch verdickt wird – wenngleich das Resultat, wie schon gesagt, nicht selten an die Simpsons erinnert.
Das Setdesign erinnert derweil stark an die „Flintstones“, besonders an den Real-Kinofilm. Was in der deutschen Version dabei missfällt, ist die Tatsache, dass man wie in „South Park“ sämtliche vorkommenden Schilder und Schriftzüge digital eingedeutscht hat, was sehr unschön aussieht. Auch die ständigen Implikationen des Wortes „Dino“ - „McDino“, „Dinopolis“, „Dino-Mark“ - dürften nicht jedermanns Geschmack sein (mich persönlich erinnert das stark an Homers Delirium in der Episode rund um den „Flaming Homer“, als er in jedem zweiten Wort „Moe“ hört). Trotzdem gelingt es den Machern, eine eigene absurde Welt zu kreieren, in der sprechende Dinosaurier die Population bilden.

Die Probleme der Familie Sinclair sind jedenfalls nicht nur den Kleinen zu empfehlen. Ganz in der Tradition der Simpsons schlägt sich eine Familiengemeinschaft durch den Alltag und hält uns dabei den Spiegel vor. Die liebenswerten Charaktere, allen voran das Baby, tun ihr Übriges und machen „Die Dinos“ zu einer spaßigen Angelegenheit, die ein breites Publikum anspricht. Die Idee ist nicht neu, ihre Umsetzung ist dafür gelungen.

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