„Tsukamoto kehrt zu seinen Wurzeln zurück.“, ließt man es über „Haze“ immer wieder.
Das Backcover der DVD weiß diese Aussage schon entscheidend zu präzisieren: „zu seinen visuellen Wurzeln“
Und tatsächlich, im Vergleich mit Vital hat sich die hektischen Bilderwelt von „Haze“ wieder deutlich an Tetsuo angenähert.
Der Beginn des Films verlangt von seinem Zuschauer dabei erst einmal einiges an Ausdauer. Beklemmend dunkel, hektisch und wackelig präsentiert sich das Szenario. Wie der namenlose Protagonist des Stücks, so hat auch das Publikum keine Ahnung „was?“, „wie?“, „wo?“ und „warum?“. Die Kamera bleibt nah am Mann, und zeigt und kein klares Bild von der Umgebung, die noch dazu fast komplett und Dunkelheit gehöhlt ist. Wir wissen also nicht mit was wir es zu tun haben, und wenn wir nicht wissen mit was ihr es zu tun haben dann fühlen wir uns unwohl und bekommen mitunter sogar Angst. Die schräge und unharmonische Sounduntermalung trägt dann noch den letzten Teil dazu bei unsere Nerven ganz schön Anzugreifen.
In diesen Momenten ist „Haze“ ungefähr so angenehm wie ein rostiger Nagel der schön langsam über eine Schiefertafel kratz.
Aber auch wenn etwas mehr Licht ins Dunkel kommt, lässt uns Tsukamoto kaum mal zur Ruhe kommen. Nackte Füße und Finger die über rauen Beton kratzen oder Zähne die auf rostiges Eisen beißen, sorgen dafür, dass sich das Gefühl des Unwohlseins beim Zuschauer nicht allzu sehr verabschiedet.
Erst als ein weiterer Mensch in der hoffnungslosen Szenarie des Labyrinths auftaucht, darf der Zuschauer etwas ruhiger Durchatmen. Zu zweit erträgt sich vieles halt doch besser als allein. Auch wenn zum Entkommen noch ein großes Hindernis überwunden werden muss. Zu zweit kann man sich gegenseitig Kraft geben und Mut zusprechen.
Wären wir damit auch schon beim eigentlichen Sinn von „Haze“ angekommen.
Wir alle sind nur hilflos umhertastende Menschen in einem grausamen Labyrinth, die den Weg ins Licht erst noch finden und dabei erkennen müssen, dass man nur gemeinsam vorankommt (oder zumindest besser)?
Oder ist es vielleicht ganz anders?
Sind unsere beiden Protagonisten vielleicht einfach nur ein Ehepaar das Zuhause überfallen und vom Räuber niedergestochen wird?
Vielleicht ist der ganze Weg durch das Labyrinth nur der Weg des Mannes zurück ins Bewusstsein, am Ende angestachelt und damit beschleunigt durch das Wimmer seiner Frau die verletzt neben ihm liegt?
Vielleicht haben sich am Ende sogar beide gegenseitig niedergestochen???
Wer weiß.
„Haze“ bietet auf jeden Fall genug Stoff zum Interpretieren und drüber Nachgrübeln.
Doch auch wer kein Interesse an derartiger Hirnmarterei hat kann sich am ausgefallen visuellen Stil Tsukamotos erfreuen und eine außergewöhnliche Filmerfahrung machen.
Tsukamoto ist und bleibt eben Regisseur der Extreme und der Experimente, der auch mit „Haze“ keinerlei Interesse daran bekundet irgendwie massenkompatibler zu werden.
Love it or hate it, but watch it! (mal ganz platt gesagt…)