"Gemini" besticht von Anfang an durch die eher ungewöhnliche Ästhetik nahezu perfekt durchkomponierter Bilder. Egal ob man die handelnden Personen oder die Ausstattung nimmt - der Zuschauer wird von bis ins Detail ausgefeilten, visuellen Eindrücken geradezu überwältigt. Davon zeugt bereits der kurze Vorspann, der den morbiden Grundtenor des Films gelungen versinnbildlicht. Es gibt sehr viel zu entdecken und zu deuten, sowohl innerhalb der nicht linear erzählten Handlung, als auch was deren eindrucksvolle, optische Umsetzung angeht. Exemplarisch hierfür sei genannt, dass gleich zu Beginn auffällt, dass keiner der Protagonisten über Augenbrauen verfügt und einige der Figuren in einem Aufzug erscheinen, welcher von der Frisur bis hin zu dem Kostüm genausogut in ein postapokalyptisches Endzeitszenario passen täte. Dabei wirkt der Film insgesamt recht zeitlos. Eine chronologische Einordnung aufgrund der Inhalte (z.B. die Verweise auf Kriegshandlungen) würde ich irgendwo in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vornehmen. Die ganze makabere Geschichte könnte aber auch genausogut in einer fiktionalen, nahen Zukunft spielen. Der endzeitliche Eindruck des Elendsviertels etwa, hat bei mir Assoziationen an das legendäre PC-Rollenspiel "Wasteland" geweckt (respektive dessen quasi Fortsetzung "Fallout").
Die Verweise auf David Lynch, was die Erzählstruktur angeht, sind sicher nicht von der Hand zu weisen; allerdings wird Mr. Lynch unlängst inflationär oft zitiert, wenn es lediglich darum geht, auf eine unkonventionelle, non-lineare Erzählart zu verweisen. Der Informationsgehalt eines entsprechenden Vergleichs ist ergo nicht sehr hoch, da Lynch auf seine Art und Weise nunmal einzigartig ist (was wiederum auch für jeden seiner Filme gilt).
"Gemini" wird zum großen Teil chronologisch in Rückblenden erzählt, ohne dass sich der Zuschauer dabei unbedingt auf eine sinnstiftende Ordnung verlassen kann. Dazu gesellt sich die Fragwürdigkeit der Identität der Hauptpersonen innerhalb der Geschichte, was sich wiederum in der Ambiguität wechselnder Perspektiven ausdrückt. Es dauert nicht lange, bis dem Zuschauer dämmert, dass nicht jede Perspektive gleichberechtigt zuverlässig ist. Nicht selten verlässt "Gemini" ferner die Konventionen eines Spielfilms und integriert stattdessen Szenen, die mal an ein Kammerspiel, mal an choreographierten Tanz und einmal mehr an traditionelles, fernöstliches Puppentheater erinnern. Das sorgt zusätzlich für gewisse Reize.
Auch das Ende ist interpretationsfähig - wenn auch die finale Reaktion des Slumbewohners auf den (oder besser: die?) Hauptprotagonisten recht versöhnlich für das Psychopuzzle der vorausgegangenen 80 Minuten durch eine zumindest befriedigende Lösung entschädigt. Also nix mit Lynch, dessen Spiel mit Wahrheit und Wirklichkeit in "Mulholland Drive" endlich doch unlösbar bleibt. Wer mag, kann sich "Gemini" auf psychologische Weise am Ende wenigstens zufriedenstellend erklären. Bis dahin muss man sich einfach weiden, an staunenerregenden Bildern von teils hypnotischer Schönheit und teils abstoßender Hässlichkeit. Diese verquicken sich kongenial mit einem der intensivsten Soundtracks, welcher je das menschliche Ohr erreichte, zu einem audiovisuellen Gesamteindruck, der die Gesamtbewertung von 9 / 10 Punkten in einigen Szenen durchaus in Richtung Höchstnote verschiebt.
Das Medium DVD erfüllt seinen Zweck gerade ideal für Filme wie "Gemini" (dessen unnötig platten, deutschen Untertitel - Tödlicher Zwilling - man am besten einfach ignoriert), die sich öfters als einmal anzuschauen nicht nur lohnen, sondern das wiederholte Sehvergnügen im Sinne eines kontinuierlichen Besserverstehens geradezu zwingend machen. "Gemini" bietet 84 großartige Filmminuten, die man als Liebhaber des phantastischen Films mehr als einmal gesehen haben sollte.