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Ein Mann auf einer Bank. In der Hand eine Schachtel Pralinen. Man sieht ihm schon äußerlich eine gewisse Naivität an. Tom Hanks setzt den Blick auf, der eine Legende schaffen sollte. Forrest Gump, der geistig zurückgebliebene Erwachsene.

Forrest erzählt sein Leben. Jeder Satz trieft vor Unschuldigkeit und Primitivität. Er erzählt eben sein Leben aus seiner eigenen Sicht. Auf den Punkt gebracht: Ein Trottel lehrt uns amerikanische Geschichte. Ob der Mann dumm ist mag man oberflächlich bejahen. Er ist aber auch eines: Beneidenswert. So unbedarft und unbeschwert, wie man in dieser harten Welt eigentlich gar nicht sein kann. Kein Gefühl von Zorn, Hass, Aggression.

Das macht den Charakter so liebenswert und man merkt sukzessiv, dass er doch etwas zu erzählen hat. Albernheiten würde man meinen. Der tiefere Blick manifestiert allerdings Parallelwelten. Forrests Sicht, sein Leben und ein Teilabschnitt amerikanische Geschichte - im Satire-Kontext.

Da wären wir, mitten in gewichtigen Perioden neuzeitlicher Geschichte. In Vietnam, das amerikanische Nemesis. Watergate, der Zurückgebliebene aus Alabama gab den Hinweis. Verschiedene Präsidenten schütteln ihm die Hand. Forrest weiß gar nicht so recht, was er davon halten soll. Er lebt sein Leben und tut seine Pflicht. Der große Zusammenhang läuft eher im Kopf des Betrachters ab. Es ist lustig, es ist dramatisch und es wird genau jener Punkt erreicht, an dem Kino seine Schönheit offenbart.

Literatur und Kunst verschmelzen. Herrliche Bilder, schön montierte Momentaufnahmen US-amerikanischer Geschichte und Örtlichkeiten verdichten ein Märchen, das moderne vom Jungen, den fast niemand ernst nahm. Facettenreich, wie ein Gemälde präsentiert Regisseur Robert Zemeckis ein Werk, das auf spielerische Art Wissen vermittelt. Realität und Fiktion im Einklang, musikalisch hinterlegt von traumhaft eindringlich komponierten Klavierklängen von Alan Silvestri.

Forrest läuft, weil er einfach Lust dazu hat, tausende von Kilometer - nebenbei erfindet er das Smiley-Symbol. Er läuft aber auch, wenn es ihm andere sagen - er kann das verdammt gut. Im Football, in Vietnam und in der Kindheit, als seine große Liebe, Jenny (Robin Wright Penn) ihm es befiehlt, weil er sonst verprügelt werden würde. Seine Jenny durchsteift die Hippie-Zeit. Die Liebe vergeht nicht, trotzdem sie ihn vergisst.

Dazwischen der materielle Erfolg. In Zeiten, wo niemand mehr an das Gute glaubt, hält der sonderbare Junge aus Alabama am Glück fest. Er fischt Shrimps mit Lieutenant Dan (Gary Sinise), dem er in Vietnam das Leben rettete. Eine dumme Idee bringt ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen hervor. Schließlich kauft Dan für ihn Anteile an einer Obstfirma, Apple, wie sich rausstellen sollte. "Dumm ist es, etwas Dummes zu tun", sagt Mom (Sally Field). Bei aller Naivität kann man Forrest das nicht vorhalten.

Es ist eine schöne Illusion, der amerikanische Traum mit einem Augenzwinkern. So mag man die Moral sehen, aber nicht ernst nehmen. Ein Märchen gibt den Glauben an Träume, die in der Realität zerstört werden, zurück. "Forrest Gump" ist als Person und Geschichte so liebenswert und von Dramatik umgeben, wie das Leben selbst. Tom Hanks betreibt Schauspiel auf höchstem Niveau, indem er den Charakter verinnerlicht und ausdrucksstark wiedergibt.

Die Figur ist nah, sehr nah. Man kennt die Welt, in der sich Forrest bewegt. Doch das Faszinierende ist seine Person selbst. Er vereint Mitleid und Neid in einem. So fröhlich naiv, trotz verbreiteter Melancholie, die den alltäglichen Wahnsinn und Schmerz des Lebens ausdrückt. Der Glaube als Hoffnung - das Fehlen der negativen Reaktionen auf den Unmut, den das Leben mitunter verursacht. Der Protagonist wird belächelt, aber insgeheim lebt er das, was viele anstreben - Glück.

Als Erwachsener blickt man immer gerne auf diesen Film, wie ein Kind auf sein Lieblingsmärchen. Es steckt voller Weisheiten, unterhält und verzaubert durch die gigantische Wirkung von Filmen als kunstvoller und literarischer Moloch.

So nimmt man "Forrest Gump" nicht nur wahr, man genießt und lebt diesen Film. Immer wieder, weil es selten ist, dass Realität und Fiktion mit filmischen Mechanismen so lebendig, humorvoll, dramatisch und emotional vereint werden. Traumhaft schön. (9,5/10)

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