Review

Dass der Tanzfilm mich mal kreuzweise kann ist zum einen Schuld meiner Eltern, die "Dirty Dancing" mitsamt Soundtrack meine halbe Kindheit über in regelmäßigen Abständen laufen ließen (letzteren vorzugsweise, um Klein Klaus einzuschläfern), zum anderen aber auch der unglaublichen Naivität des Genres geschuldet, dessen Protagonisten alle weltlichen Probleme zu zu kriegen Popklängen abschütteln, während unsereins wahrlich Anstrengungen unternehmen muss, um wieder auf einen grünen Zweig zu kommen. Selbst bei kritischen Vertretern wie "Fame" und "Flashdance" (laut deutschem Trailer "Ein Film, der fetzt!") erinnert sich das Kitsch - und pathosbenebelte Heile Welt-Publikum in der Regel nur an die wenigen glücklichen Momente, die das menschliche Drama mit dem kleinen Finger in die Ecke schieben und dort versauern lassen. 

Ob Lucio Fulci dem Genre ebenfalls a geneigt war oder aber einfach einen cineastischen Trend erkannt und auf das altehrwürdige Giallo Genre umgemünzt hat weiß ich nicht. Was ich aber weiß ist, dass er das Genre mit "Murder Rock" durch mehrere Lagen Kakao gezogen und im Anschluss auf dem Silbertablett einem Publikum präsentiert hat, der den Zappelfilm endlich sterben sehen wollte, sei es aus aufrichtige kritischer Ablehnung oder reinem Vergnügen. Seine Komplizen bei diesem Mord waren unter anderem "Cannibal Holocaust" - Autor Gianfranco Clerici als Mitverschwörer in Sachen Handlung, Progrock-Ikone Keith Emerson zur Übertönung der Schreie und mit Gueretta Gueretta, Olga Karlatos und Italiens Heartthrop Nr. 1 Ray Lovelock (der eigentlich Brite, aber sehr verdient um das Wohl des Genre Kinos war) gleich drei einschlägig bekannte Italodarsteller, die uns als Assistenten des Thrillerzauberers Fulci von dessen Händen ablenken sollten. Die Rechnung mit den vielen grundverschiedenen Variablen geht im Übrigen bestens auf und Fulci erringt hier mit nochmal den Freispruch. 

Im BundesStaate New York ist etwas faul, wenn auch nicht die fleißigen Schüler der Tanzakademie von Candice Norman (Karlatos) : die bereiten sich auf die Abschlussprüfungen vor während im Hintergrund auf junges Blut agierende Produzenten nach frischen Talenten für ein neues Musical wildern: Drei ausgewählte TänzerInnen sollen es sein, die man noch vor dem Abschluss vom Fleck weg casten will. Als ob das nicht reichen würde, um die ehrgeizige Brut gegeneinander aufzuhetzen gießt ein Killer mit Hilfe von Cloroform und Hutnadel Öl ins Feuer und entsorgt Stich für Stich die besten Kursteilnehmer. 


Während der Rest der Schule Sich gegenseitig beschuldigt und die Polizei Zynismen vor sich herspuckend im Dunkeln tappt hat Candice eine unangenehme Begegnung mit einem unheimlich vertraut wirkenden Ex-Schauspieler (Ray Lovelock! Ich liebe ihn!), der nur einer von einer Vielzahl suspekter Gestalten ist, die im die Tanzakademie umgebenden Sündenpfuhl herumplantscht. 

Ja, hier ist der Glanz des Showgeschäftes im Abblättern begriffen: die Morde sind hier nur Symptome einer gequälten Seele, die sich am Starsein verbrannt hat. Der wahre Horror sind die Castingagenten, die im Schatten der Probebühne wie Werwölfe auf unbedarfte junge Rehe lauern und die angenehmen Künstlerinnen, die wie Aasfresser vom Tod ihrer LeidensgenossInnen zehren und keine Leiche als Trittstufe ungenutzt lassen, ob sich über die anderen zu stellen während die Polizei als hilflose Publikum das egomanische Schmieren Theater scheinbar hilflos bezeugen muss

Oder doch nicht? Gialli sind grundsätzlich eher uninteressiert an Ermittlungsarbeit, platzieren aber gelegentlich gerne inszenatorische Kniffe, kleine Details, die am Ende dlden jeweiligen Fall auflösen. Klar ist das meistens Forensik in den Kinderschuhen oder ziemliche Küchenpsychologie, die uns Amateuren aber plausibel genug präsentiert wird. So auch hier, wobei ich die Lösung nicht verraten will. 

Was einem guten Giallo ebenfalls nicht fehlen darf ist eine ordentliche Portion Verkommenheit: klar geht die Hälfte der Schülerinnen auf den Strich oder lässt gar von Familienmitgliedern die Studiengebühren anschaffen und selbstverständlich sind alle "Guten" Zyniker, Egomanen und wahlweise triebgesteuert oder auf Krawall gebürstet. Es mangelt also nicht an verdächtigen, die frisch geräucherte roten Hering zur Stärkung darreichen. 

Bemerkenswert ist auch die Inszenierung: "Murder Rock" ist dank Emerson-Score mitunter wörtlich zu nehmen, knarzen hier neben Synths auch öfter die Gitarren und liefern neben Discostoff und Synth Instrumental, die manchem Wäre Fetischisten den Schlüpfen angenehm befeuchten dürften derber Töne. Daneben spielt Fulci viel mit Licht, was besonders bei den Tatortbegehungen der Polizei schmerzhaft grell wirktund manch eine Szene mit einen sterilen Gefühl versieht, dass sich erfrischend von den Goreexzessen vorheriger Produktionen unterscheidet. Und dennoch gibt es schmierigen Momente en Masse, dass man sich die Hände am liebsten mit Salzsäure waschen würde. 

"Murder Rock" ist ein herrliches Kontrastprogramm zu dem, was Fulci damaliger Standard war. Die Gemeinde der Gekrösejüner wird wahrscheinlich enttäuscht das Band zurückgegeben (der Film hatte keinen deutschen Kinostart) und aus Protest vorher nicht zurückgespult haben, das Gesehene mit den hochgeistigen Worten "Watt datt'n für'n Scheiß!?") kommentierend. Entgegen der Annahme von Jugendschutzfanatikern und Journalspießern rekrutiert sich Fulci Publikum aber glücklicherweise nicht nur aus Dullies, sondern unter anderem auch aus intelligenten Menschen, die etwas künstlerischen Anspruch in ihrer Tomatensuppe zu schätzen wissen. Gefühlt kommt dieser Film hier bei Diskussionen um Fulci Gesamtwerk etwas zu kurz. Weiß der Teufel warum: "Murder Rock" ist ein hervorragender Neogiallo eines Regisseurs, der (mal wieder) eine Kehrtwende in seiner Karriere wagte, um nicht zu stagnieren. 

Leider stagnierte statt Fulci das Pulublikum und beharrte auf die Blutsuppe statt einfach dankbar für ein gelungenes Gruselstück alter Schule zu sein. Den Mäklern empfehle ich dringend das Wegwerfen alter Vorurteile sowie das Nachholen dieses Filmes. 

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