Ja, das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. "The Psychic" aka "Sette note in nero" ist tatsächlich von Lucio Fulci. Von dem Fulci, der zwei Jahre später dann leider dazu übergehen mußte, sich als Rip-Off-Regisseur diverser Zombieschmoddereien anheuern zu lassen, um auf der großen Horrorwelle noch ein bißchen Reibach für Bella Italia machen.
Natürlich haben Fulcis Zombie-Filme wie "Woodoo" oder "Geisterstadt der Zombies" ihre weltweite treue Anhängerschaft, aber das soll trotz einprägsamer Bilder nicht darüber hinwegtäuschen, daß es wenig zusammenhängende und schwache Filme sind, die vielleicht eine Erfahrung, aber kaum ein Erlebnis darstellen.
"The Psychic" beweist, daß der Mann durchaus ein wunderbares Händchen für Geschichten hatte, ausgesprochen stilsicher und atmosphärisch inszenieren konnte und dies auch noch in sehr geschlossener Form.
Eine Schande, daß ausgerechnet dieser Fulci kaum mal mit einer ordentlichen DVD-Veröffentlichung gewürdigt wird.
"Sette note in nero" - der italienische Titel bezieht sich auf eine Uhrenmelodie, die im Film eine entscheidende Rolle spielt - erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die medial begabt ist. Sie hat, noch als Kind bereits den Freitod der Mutter im Geiste mitansehen müssen (der dazugehörige Klippensturz ist ausgesprochen griffig inszeniert) und ist jetzt erwachsen, mit einem wohlhabenden Mann verheiratet und in der Gesellschaft eines gutaussehenden Psychiaters.
Doch eines schönen Heimwegs vom Flughafen, durchlebt sie bei einer Tunneldurchfahrt eine Vision, eine lose Reihe von Eindrücken, die auf einen oder mehrere Morde hinweisen. Als sie später in einem Landsitz ein Zimmer betritt, erkennt sie es aus ihrer Vision wieder und kann nicht widerstehen, eine Wand aufzuhacken, die in ihrer Vision geöffnet wird - und sie findet ein menschliches Skelett. Alsbald interessiert sich also die Polizei für ihr Umfeld, speziell für ihren Mann, der für die fraglichen Einmauerungstermine nicht unbedingt ein Alibi hat.
Viel Mystery, wenig wirklich Übernatürliches: bis auf die eine Vision bleibt die "andere Seite" außen vor in dieser Geschichte, die natürlich von den detektivischen Bemühungen der Hauptfigur handelt, die Tat aufzuklären, ihren Mann zu entlasten und das Mordopfer zu identifizieren. Dabei wird die Geschichte ruhig und folgerichtig, mit feiner Handschrift entwickelt. Nichts also für Giallo-Freunde der reißereischen Natur, die alle paar Minuten auf eine neue Frauenleiche haschen, sondern eher ein stimmiges Konstrukt mit erlesener Ausstattung, wunderbarer Farbgebung und Ausleuchtung sowie zeitweiser Weichzeichnerverwendung, was der Produktion einen traumhaften Anstrich verleiht.
Die typischen Elemente eines Giallos, Orte, Anordnungen, Kunstobjekte, Fetischisierungen, das alles ist vorhanden, jedoch setzt dieser Film mehr auf das kriminalistische Puzzlespiel.
Darin liegt jedoch auch die Hauptschwäche des Films, denn der gesamte finale Clou des Films beruht auf einem ganz bestimmten giallo-typischen Plot-Twist, der etwa nach zwei Dritteln des Films kommt, jedoch auch für den ganz normalen Zuschauer schon nach relativ kurzer Zeit offensichtlich wird. Geschieht das, ahnt man auch, was es mit den Visionen auf sich hat und der Film steigert sich in eine gewisse Unausweichlichkeit, die erst mit der letzten, der poeschen Pointe wieder etwas aufgebessert wird.
Sofern man diese erzählerische Schwäche ignorieren kann, ist es möglich, sich an Fulcis Inszenierung richtiggehend satt zu sehen, an den leicht überzeichneten Charakteren (Fulci schrieb am Drehbuch mit, gemeinsam mit seinem Stammautor Sacchetti) und an Jennifer O'Neills ("Scanners") wunderbarem Spiel.
Es ist nicht der typischste und der beste Giallo aller Zeiten, aber es ist ein feiner Mysterythriller mit einem so schönen Twist, daß sich sogar Onkel Tarantino für Kill Bill Vol.1 ein bißchen was vom Score klaute.
Zu Unrecht ein Schattendasein: 7/10