Heute vor 30 Jahren erlitt Cinecitta mit dem Tode Lucio Fulcis einen herben Verlust. Wie herbe, das musste der Deutsche als solcher erst einmal lernen. Während Onkel Lucio in Italien und Amerika scheinbar wohlwollender rezipiert wurde hielt man hier lediglich den Videothekenthron statt es verdienten Pantheonplatzes bereit.
Mittlerweile hat sich das zum Glück geändert, zumal Auslandsimporte einfacher denn je sind und Labels wie 84 Entertainment sich in den 2010ern darum verdient machten, diejenigen, die auf eine deutsche Synchrongassung bestehen, mit ins gelbe Boot zu holen. Mal ehrlich, liebe Mitfulcisten: nach der Ankündigung der 84er waren wir doch alle geil auf "Die sieben schwarzen Noten" und ich bin da keine Ausnahme. Der Film hat mich den Status Argentos als Giallopapst und legitimen Nachfolger Mario Bavas ernsthaft hinterfragen lassen. Und das, obwohl ich dem Mann verfallen bin.
Seit der Vorahnung des Suizid es ihrer Mutter leidet Innenarchitektin Virginia (Jennifer O'Neil) an Visionen, die sie regelmäßig heimsuchen, so jüngst die Präsenz einer Toten, lebendig eingemauert in der Villa ihres frisch angetrauten Gatten Francesco (Gianni Garko).
Just in jenem Gemäuer entdeckt sie bei Renovierungsarbeiten die sterblichen Überreste einer ehemaligen Geliebten Francescos, worauf dieser in Untersuchungshaft kommt. Während Virginia mit Hilfe ihres (Para-)Psychologen und Freundes Luca (Marc Porels) sowie Schwägerin Gloria (Evelyn Stewart) nach der Wahrheit sucht vermischen sich Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft vor ihren Augen und es stellt sich alsbald die Frage, wie die Puzzleteile ihrer Visionen sich ineinander fügen.
Man könnte hier fast von einem Übergangsfilm in Fulcis Karriere reden: die berüchtigten Gorejahre lagen einerseits noch in einiger Ferne, andererseits aber auch Fulcis Interesse am Giallo für die nächsten sieben (fünf, wenn man den zwischenzeitlich erschienenen "New York-Ripper" zum Genre zählt) nach diesem Film für einige Zeit im Dornröschenschlaf.
Dieser vorläufige Abschied vom altehrwürdigen Thrillergenre war vor einigen Jahren mein erster Fulci-Giallo, ab da waren Fulci und Argento in meinen Augen gleichauf. Die audiovisuelle Pracht des Filmes ist dem im selben Jahr erschienenen "Suspiria" durchaus ebenbürtig, wobei Fulci glasklar das Übersinnliche eher in den Hintergrund stellt, aber auch auf die Genretradition psychologischer Kaffeesatzleserei weitgehend verzichtet. Zumindest auf Täterseite, Virginias Seelenleben wlw8ederrum wird genauer unter die Lupe genommen. Oder besser gesagt: durch die Linse betrachtet.
Für den als mysogyn verschrieben Fulci untypisch ist Jennifer eine relativ starke Frauenrolle, die von den Männern ihrer Umwelt unterschätzt und der Spinnerei bezichtigt wird. Zwar noch lange nicht auf der Ripleyskala angekommen ist die Figur wesentlich angenehmer und kompetenter angelegt als manches, was der Regisseur seinen späteren "Gates of Hell" - Stars Catriona MacColl zu verkörpern zumutete.
Muss ich ernsthaft noch eine Empfehlung aussprechen? Der Film ist der Beweis, dass Herr Fultschick auch anders als nur blutig kann und der Soundtrack hält seit dem Tarantinorecycling in "Kill Bill Vol. 1" ohnehin verdienten Legendenstatus. Wer sich selbst davon überzeugen will sei hiermit offiziell dazu ermutigt. Mir hat er Lust auf mehr gemacht und mich vor einigen Jahren auf wundersamen Umwegen zu "A Lizard in a Woman's Skin" geführt. Aber der wird an anderer Stelle besprochen. Bis dahin: Grazie, Lucio! Du fehlst hier auf der Erde