Daß in Brasilien ein gewisser José Mojica Marins als Zé Do Caixão (aka "Coffin Joe") sein filmisches Unwesen treibt, dürfte Genrefans bekannt sein. Um einiges obskurer ist da schon Fauzi Mansur, der 1990 gleich zwei sehr splattrige Horrorspektakel herunterkurbelte, die immerhin den Weg in amerikanische Videotheken fanden. Im aussagekräftig betitelten The Ritual of Death geht es um eine Gruppe Studenten, die in einem alten Theater an einer Aufführung proben. Grundlage des Theaterstückes ist ein altes, heiliges ägyptisches Buch, welches aus einer Bibliothek gestohlen wurde und in dem ein bizarres Todesritual beschrieben wird. Wie es scheint, werden die Studenten jedoch von einer dunklen Macht mißbraucht, die ihre bösen Fühler ausstreckt, um in die Welt der Lebenden zurückzukehren. Und so ergreift das Böse Besitz von Brad (Olair Coan, der ein wenig dem italienischen Schauspieler Giovanni Lombardo Radice ähnelt), der fortan nicht nur mit gravierenden Hautproblemen und schrecklichen Träumen zu kämpfen hat, sondern auch bald damit beginnt, seine Freunde abzumurksen. Zusammen mit dem Hüter des Buches (Serafim Gonzalez) kämpfen Carol (Carina Palatinik) und ihre Freunde ums nackte Überleben.
"Something's wrong here", meint eine Frau gegen Ende des Filmes und spricht damit aus, was der Zuschauer schon längst bemerkt hat. The Ritual of Death verursacht in mir jedes Mal aufs Neue eine Art schizophrenes Gefühl, steht den zahlreichen eklatanten Schwächen doch eine bizarre, mit vielen schrägen Ideen gespickte Bilderflut gegenüber. The Ritual of Death ist ein surreales Kunstwerk, und The Ritual of Death ist lachhafter Trash, alles in einem, untrennbar miteinander verbunden, wie ein Mensch mit zwei Köpfen, bei dem in der einen Sekunde der gute, in der nächsten dann wieder der böse Kopf die Kontrolle über den Körper erlangt. Ist Fauzi Mansur ein Stümper, dem ein Wahnsinnsfilm "passiert" ist, oder ist er ein schlampiges Genie, verkannt und seiner Entdeckung harrend? Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist jedoch, daß hier Grand Guignol zelebriert wird, daß mit Blut nicht gekleckert sondern geklotzt wird (verantwortlich für die einfachen aber einfallsreichen und sehr happigen Sauereien - u. a. aufplatzende Geschwüre, aus denen türkisfarbener (!) Eiter suppt, aus Bäuchen quellende Eingeweide und ein Typ, der von einem riesigen Propeller zerschnetzelt wird - ist ein gewisser Vagner Dos Santos), daß die unwirkliche Atmosphäre zum Schneiden dicht ist, und daß Kameramann Antonio Meliande einige saustarke, kraftvolle Bilder gelingen. Und die perverse Badeszene, in denen ein Pärchen als Vorspiel mit einem abgetrennten Ziegenkopf rummacht, bevor sie sich dem Sex widmen, sollte auch nicht unerwähnt bleiben.
The Ritual of Death fühlt sich irgendwie so an, als ob Lucio Fulci, Massimo Pupillo, Jess Franco, Alejandro Jodorowsky und Herschell Gordon Lewis ungestört am Werk waren und dabei die falschen Pilze gelutscht haben. Dazu paßt dann auch, daß die schauspielerischen Leistungen durch die Bank erbärmlich sind (ein Eindruck, der durch die suboptimale Nachsynchronisation noch verstärkt wird), daß eine Dramaturgie nicht vorhanden ist, daß Spannung durch Abwesenheit glänzt, und daß Sympathie mit den Charakteren zu keiner Zeit aufkommt. Und Sinn macht das Ganze auch nicht wirklich, oder ist mir etwa die Bedeutung der quakend durch die Gegend hüpfenden Frösche entgangen? The Ritual of Death ist eine unerklärliche exotische Wundertüte, prall gefüllt mit bizarren, trashigen, haarsträubenden, aber durchwegs faszinierenden Goodies, und verdammt noch mal ist das alles großartig! Ein Film wie kein zweiter, und eine Affenschande, daß es der Streifen noch nicht auf DVD geschafft hat.
Über den im Jahre 1941 geborenen Regisseur Fauzi Mansur ist leider nur wenig bekannt. Wenn man der Internet Movie Database Glauben schenken darf, drehte er zwischen 1969 und 1990 achtunddreißig Filme, darunter mir unbekannte (Porno-)Streifen mit so schönen Titeln wie Incesto (1976), Sadismo - Aberrações Sexuais (1981), Sexo Animal (1983), AIDS, Furor do Sexo Explícito (1985) und Devassidão Total - Até o Último Orgasmo (1986). Nach Deutschland scheint es nur sein 1972 entstandener Sinal Vermelho - As Fêmeas geschafft zu haben, der als Die Todesbrigade von IHV 1986 auf Video veröffentlicht wurde (und unter dem Namen Requiem für eine Gang sogar im Kino gelaufen zu sein scheint). Im selben Jahr wie The Ritual of Death drehte Mansur noch den ähnlich blutigen und schrägen Atração Satânica (Satanic Attraction, der Film mit der vielleicht irrwitzigsten Metzelszene der Filmgeschichte: eine knappe Minute lang wird eine bäuchlings auf einer Hängematte liegende Frau mit einem riesigen Schwert von unten entweidet!), danach hörte man nie wieder etwas von ihm.