Gleich mal vorweg: warum "Rituals" nun "Rituals" heißt, hab ich auch nach intensivem Studium nicht herausfinden können, aber das ist ja noch kein schlagendes Argument für einen miesen Film.
Im Gegenteil, dieser zu Unrecht mies promotete und irgendwann in einer Handvoll Kinos versteckte Film hat nicht nur seinen eingefleischten Fanclub, er bietet auch eine akzeptable und visuell herausragende Variante von John Boormans "Deliverance" aka "Beim Sterben ist jeder der Erste".
"Backwood" ist also das Zauberwort und wo es einst degenerierte Hinterwäldler gegen semi-unfitte Stadtmenschen hieß, gehen hier fünf Doktoren unterschiedlichen Alters auf ihren jährlichen Angeltrip und suchen sich dazu einen gottverlassenen Talkessel irgendwo im Nirgendwo aus, wo es außer Fluß und Wald so gar nichts gibt, das einen von medizinisch-ethischen Diskussionen abhält. Obwohl die Herren seit Jahren gut befreundet sind, gärt es leicht unter der Oberfläche, denn Zentralfigur Harry (Hal Holbrook gibt sein Knorrigstes) verschwendet nach Ansicht seiner Kumpels nicht nur sein herausragendes Talent in der medizinischen Provinz, er ist auch noch ein Anhänger der "Ich bring den Patienten auf jeden Fall durch!"-Methode, egal ob dabei hinterher nur Gemüse bei rauskommt.
Erst einmal in der freien Natur angekommen, geht die Landpartie so lange gut, bis die Krakeler einen unliebsamen Gast auf sich aufmerksam machen, der ihnen erstmal die Schuhe klaut und anschließend einen abgetrennten Hirschkopf vor die Zelte stopft - das wird dann auch das besagte "Ritual" einleuchten, denn wie sich (glücklich-unglücklicher Zufall) herausstellt, hat der Unbekannte irre was gegen Ärzte, denn er hinterläßt hie und da mal einen Untersuchungsbericht oder Röntgenbilder.
Alsbald macht sich der landgängigste Doktor dann auch, um an einem in der Nähe gelegenen Damm nach Hilfe zu suchen, worauf der Rest vom Fest langsam hinterher zockelt. Und im Tann lauert der Wahnsinnige...
Dabei ist "Rituals" übrigens nicht eine Minute lang ein Slasher, der Finstermann legt zwar ein paar Fallen aus, aber über weite Strecken torpedieren die Hippokraten sich selbst und kommen entsprechend langsam voran, weil sie schließlich auch noch einen der Ihren tragen müssen, der im Schockzustand vor sich hin deliriert. Was wiederum Harry und seinen Widerpart Mitzi (ahem...) zu lang anhaltenden wütenden Diskussionen provoziert.
So wird daraus ein grimmiger, aber wunderschön photographierter Film, der wirklich so ausschaut, als sei er im urtümlichen Nirgendwo entstanden, mit ausgesuchten Naturschönheiten und prachtvollen Sets, angereichert mit dem ewig pfeifenden Wind. Backwoodtypisch wird es erst im letzten Viertel, wenn es an dem (verlassenen) Damm dann in die Vollen geht, die bisherigen Maxime einfach mal auf den Kopf gestellt werden und der Killer zum Angriff über geht, wobei Holbrook eine Höllenshow hinlegen, als er sich behelfsmäßig unter Zeitdruck eine Wunde nach Westernart richtiggehend ausbrennt.
Motiv und Hintergrund sind dabei nur Zugabe, das Finale eher unspektakulär, aber bis dahin kann man sich in diese Wildnis-Safari längst verliebt haben - so schön urtypisch und wildromantisch sahen nur Filme in den 70ern aus.
Natürlich schleichen sich manchmal gewisse Längen ein, ein Versehrtentransport durch Stromstellen ist zu in die Länge gezogen für das finale Ergebnis und manche Diskussion hätte man etwas prägnanter gestalten können, aber wer beim Backwood nicht nur auf schmierige Hütten und Eingeweide im Kühlschrank wert legt, zusätzlich zu von Macheten abgetrennten Köpfen, der hat hier eine flotte Variante damals beliebter Tierhorrorfilme, nur eben mit einem menschlichen Angreifer vorliegen, die optisch und erzählerisch gefallen kann - und moralisch sogar diskutabel komplex rüberkommt. (7/10)