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„Willkommen am Arsch der Welt!“

Der 1977 in US-amerikanisch-kanadischer Koproduktion unter der Regie Peter Carters („Targoor – Reise ins Grauen“) und nach einem Drehbuch Ian Sutherlands entstandene „Rituals“, übrigens Carters Spielfilmlängen-Debüt, ist mitnichten ein Prä-Camp-Slasher, der „Freitag der 13.“ und Konsorten vorwegnimmt (wie auf der „X-Rated“-DVD vollmundig behauptet), sondern ein ruhiger Backwood-Terror-Horror-Thriller, entstanden im Fahrwasser von Filmen wie „Deliverance“ und seitdem anscheinend ziemlich in Vergessenheit geraten.

Fünf Ärzte machen regelmäßig gemeinsam Urlaub, doch der diesjährige soll ein ganz besonderer werden: D.J. (Gary Reineke, „Fantasy Island - Die Geisterinsel“) hat einen Angel-Ausflug in die Wildnis der kanadischen Wälder organisiert. Schon früh beginnen die Probleme: Ein Unbekannter hat nachts die Schuhe der Gruppe gestohlen. Nur D.J. hat ein Ersatzpaar dabei und zieht in Ermangelung von Kommunikationsmöglichkeiten allein los, um die Abholung der Gruppe in die Wege zu leiten. Währenddessen werden die Streiche, die man den Verbliebenen spielt, jedoch immer arger – nachdem sie mit einem just getöteten Tier direkt vor ihrem Lager konfrontiert wurden, machen sie sich auch ohne festes Schuhwerk daran, D.J. zu folgen. Aber der Terror geht weiter, jemand schleudert einen Bienenstock auf sie und Abel (Ken James, „Psychic“) kommt auf der Flucht ums Leben. Bleiben nur noch drei „Halbgötter in weiß“, die noch immer nicht wissen, wie ihnen geschieht und wer hinter ihnen her ist. Martin (Robin Gammell, „Eine Frau sieht rot“) gerät in eine Bärenfalle und ist schwerverletzt auf Harrys (Hal Holbrook, „The Fog – Nebel des Grauens“) und Mitzis (Lawrence Dane, „Scanners – Ihre Gedanken können töten“) Hilfe angewiesen. Als er zu delirieren beginnt, streiten sich Harry und Mitzi darum, ob es nicht besser wäre, ihn zurückzulassen. Der Unbekannte bleibt ihnen stets auf den Fersen und gibt langsam aber sicher Hinweise auf seine Identität…

Dieses klassische Backwood-Sujet erinnert tatsächlich längere Zeit verdächtig stark an „Deliverance“, avanciert jedoch schnell zu einem Wechselbad der Gefühle. Einigen wahrhaft fiesen, jedoch sparsam dosierten und grimmigen, bedrückenden, intensiven Einzelszenen sowie schönen Bildern der Wildnis und Landschaftsaufnahmen, die ein Gefühl von mittendrin statt nur dabei vermitteln, stehen mit der Charakterisierung der Individuen beginnende, aber nie endende ethische und moralische Fragen wälzende Dialoge noch und nöcher gegenüber. Trotz der herausragenden schauspielerischen Leistungen bleibt „Rituals“ über weite Strecken bis zum Finale derart monoton, dass akute Einschlafgefahr besteht (dem Rezensenten widerfahren) und die eigentlich nicht uninteressant konzipierten Rollen bisweilen gar zu nerven beginnen. Das dramaturgische Potential aus den unterschiedlichen Ansichten der Ärzte, deren Konflikte untereinander angesichts der Extremsituation immer offener zutage treten, droht unter Langatmigkeit und fast schon inflationärem Gelaber zu ersticken. Vom Unwesen, das der Antagonist treibt, bekommt man i.d.R. lediglich die Ergebnisse zu sehen – was sich jedoch zum Finale ändert. Seine Identität weist einen durchaus Sinn ergebenden Bezug zu den Ärzten auf, letztlich reiht er sich jedoch optisch in den Chor entstellter Hinterwäldler ein, die aus unterschiedlichen Gründen ihr Klagelied auf die (Errungenschaften der) Zivilisation singen. Der Showdown bekommt dann im wahrsten Sinne des Wortes reichlich Feuer, endet allerdings irgendwie unbefriedigend unspektakulär.

Dennoch hat „Rituals“ seine unabstreitbaren Qualitäten und wurde in meinem Falle eventuell schlicht Opfer einer falschen Erwartungshaltung. „Rituals“ ist der nicht immer gelungene Versuch schwer psychologischen Backwood-Terrors, der unter einer gewiefteren Regie sicherlich zu einem Klassiker hätte avancieren können. Die aufgeworfenen Fragen sind zum Teil noch immer aktuell, doch nehmen sie hier Überhand und werden in Form einer ermüdenden Talkshow diskutiert. In weitestgehend unberührter Wildnis ausgeliefert zu sein, kann und darf natürlich zermürbend monoton sein, doch übertreibt man es hier mit diesem Stilelement, sofern es überhaupt bewusst eingesetzt wurde. Zudem fehlt hier letztlich überraschend das genretypische Aufeinanderprallen von Kulturen fast komplett, so dass ich es schon ein wenig vermisse – auch wenn ich mir im Klaren darüber bin, dass die tödlichen Konflikte in erster Linie als Katalysator für die negativen Vibrationen der Ärzte untereinander dienen sollen. Dieses Konzept wiederum wird strenggenommen durch das Eingreifen des Unbekannten torpediert, es wirkt nicht konsequent. Ich will „Rituals“ nicht schlechter machen, als er ist: Genre-Fans dürften eine interessante Entdeckung machen und angesichts manch anderer Veröffentlichung ist Carters Film im überdurchschnittlichen Bereich anzusiedeln. Nichtsdestotrotz lautet mein Fazit: Gute Schauspieler in einem inszenatorisch unglücklichen Film.

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