Review

Derbe Kost - im wahrsten Sinne des Wortes!
Liest man sich das Interview mit Regisseur Panos Koutras auf der offiziellen Homepage des Films durch, so könnte man echt glatt auf die Idee kommen, Ed Wood sei seinem Grab entfleucht, um als modernde Mumie Erkenntnis und Weisheit über die Menschheit zu bringen, so wie er es einst mit seinen unfreiwilligen Komödien tat, die aber eigentlich allesamt unheimlich ernst gemeint waren. Selbiges könnte man auch vom Geschmacksverbrechen behaupten, das Herr Koutras auf die Beine gestellt hat.

Die Moussaka ist ein griechisches Nationalgericht. Man nehme ein paar angebratene Auberginen, schichte sie unter einen Berg Hackfleisch, das mit Zwiebeln, Knoblauch und Tomaten angereichert wurde und bedecke das ganze mit Bechamelsauce und einer Schicht Käse - Bon Appetit.

Koutras maßt sich nun freilich an, jenes Gericht, das Monster seines Films, mit symbolischer Saugkraft zu segnen. So sei der Film, symbolisiert stets durch den gigantischen Fleischklops, ein Zeichen für Zusammenarbeit auf regionaler wie internationaler Bühne: “I think it’s the dish that represents Modern Greece the best. It’s a difficult, complicated recipe, with many different ingredients and contradicting flavours: sweet-bitter salty. It has oriental origins and european influences (bechamel). At the same time it’s authentically greek. It has many layers, it’s very rich, extremely scrumptious but sometimes not so easy to digest.” Ein Event sollte es also werden, die griechische Kultur mit dem globalen Hors d’Oeuvre zu vermengen - ein Fest für jeden Kritiker, der sich seinen Verriss schon mal in Rezeptform aufbereitet - leichtes Spiel.

Zum Glück ist sich Koutras zumindest bedingt seiner Wurzeln bewusst, so dass er versucht, jene Vorbilder irgendwie einer Hommage zu unterziehen. Der Titel ist selbstverständlich eine Reminiszenz an “Attack of the 50 ft Woman” (1958), der auch namentlich erwähnt wird im Verlaufe des Moussaka-Massakers. Ansonsten trieft dem Film Ed Wood aus jeder Pore: Manche Einstellungen wirken fast 1:1 dem “Plan 9 from Outer Space” entlehnt, “Glen or Glenda” erlebt durch die unsägliche Hauptdarsteller-Transe ein Revival und Woods Vorliebe für rosafarbene Angorapullis und Frauenkleider im Allgemeinen wird wenigstens durch unfassbar schwachsinnige rosafarbene Doktorkittel jener kuriosen Gestalten vertreten, die hier so etwas wie Wissenschaftler spielen. Nicht zuletzt lassen das widerlich kitschige Ufo und die darin enthaltenen Tussis im silbernen Kleidchen die 50er Jahre wieder aufleben.

Der griechische Trash-Beitrag aus dem Jahr 2000 verpasst es insofern, seine Schuldigkeit zu tun, als dass er es nicht schafft, über die Vorbilder hinauszugehen, um ironisch zu werden. Wenngleich sich manchmal Bemühungen in diese Richtung ankündigen, so werden diese doch durch reinsten Dilettantismus im Keim erstickt. Die rund 100 Minuten erweisen sich als eine einzige triefende, zusammenhängende Handlungsmutation, die sich immer wieder in selten dämlich zusammengefrickelten Schüben fortbewegt - so wie die alles auslösende Moussaka selbst. Nehmen wir alleine mal den Soundtrack: Würden wir über eine isolierte Musik-Tonspur verfügen, wir würden, ohne auf den Bildschirm zu sehen, Zeuge der famos in den Sand gesetzten Dramaturgie werden. Griechisches Volksgedudel macht Platz für ein jammerndes Trauerspiel, das durch den immer wiederkehrenden Marsch der Bedrohung verdrängt wird, wenn sich das Nationalgericht den Weg durch Athens Straßen bahnt. Manchmal drängt sich harmonisches Geplärre dazwischen, das Erstaunen über die Ufo-Erscheinung darstellen soll, und einmal gibt’s von Hauptdarsteller/in Yannis Aggelakis gar eine Musical-Einlage à la “Singin’ in the Rain”, die dem wandelnden Fleischberg, wenn er nicht eh schon Erbrechen ausgelöst hat, endgültig einen Hauch von Brechreiz verleiht.

Das Geschehen auf dem Bildschirm spielt sich nicht minder unkontrolliert ab: Es gibt einen Familienzwist, der in einem fatalen Abendessen mündet (hier wird das Monster erschaffen!), der Transebär rammelt sich durch ganze Heerscharen von Männern, die Wissenschaftler grübeln darüber, was dieses Ding will, die Reporter fordern, man solle sich doch mal in die Gedanken des Wesens hineinversetzen - es will ja schließlich auch nur leben (!), Athens Einwohner fallen durch den reinen Anblick der unvegetarischen Mahlzeit reihenweise wie die Fliegen, die außerirdischen Schnecken suchen den Kontakt zu den Menschen, um den Moussaka-Berg wieder in seine ursprüngliche Form zurückzubefördern. Jo, stimmt, wenn man all diese Handlungsstücke wahllos übereinanderschichtet, sieht das tatsächlich wie ne Moussaka aus... mein lieber Schwede, Herr Koutras ist ein Genie!

Und das ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Interpretieren wir das Ganze doch mal. Der Junge geht mit seinem fatalen Stück Moussaka nach draußen, weil zu Tisch dicke Luft ist. Dort draußen unter freiem Himmel taucht das Ufo auf und schießt seine Ringelstrahlen (süß, die hab ich im Kindergarten auch immer gemalt) auf die Mahlzeit, was dann schließlich Angst und Schrecken auslöst. Die Aussage? Wäre die Familie intakt gewesen, wäre der Junge nicht nach draußen gelaufen und das Gericht wäre im Magen des Jungen gelandet anstatt mutiert in den Straßen Athens. Derbste Gesellschaftskritik. Koutras selbst erklärt das so: “[...]ist’s more about a dysfunctional family. Sometimes we are programmed to reproduce the pattern of the nuclear family. We very rarely put that into question, we just reproduce it. By force of habit, we create a family and then we realize that this doesn’t work at all and then sometimes the outcome is fatal.”
Ganz zu schweigen von der Medienkritik: Die Reporterin, zur Darstellung ihres verdorbenen Charakters mit einer Sexszene auf dem Klo eingeführt, geht aus Sensationsgier über Leichen. Das ist tot? Ah, gut, dann können wir das als Gegenstand für den Hintergrund einsetzen... so in etwa. Derweil wird versucht, durch die diversen Diskussionsrunden im Fernsehen Romeros “Dawn of the Dead” nachzueifern. Um es auf den Punkt zu bringen: Alle Bemühungen in diese Richtung sind total verschenkt. Um so schlimmer, dass alle fünf Minuten ein Live-Report eingestrahlt wird.

Die Wissenschaft bekommt auch ihr Fett weg; erstmals nicht unbedingt als ein Zweig charakterisiert, der für neue Erkenntnisse, die Ruhm und Ehre bedeuten, alles tun würde; nein, es sind diesmal schwachsinnige Taugenichtse, die unmotiviert in ihrem Loch hocken und irgendwie nicht so recht Interesse an all dem zeigen... und einer von ihnen, der männliche Alexis (Christos Mantakas) merkt nicht einmal, dass seine neue Angebetete eigentlich ein Mann ist.
Was uns zum nächsten Thema führt, der Toleranz von gesellschaftlichen Minderheiten, personifiziert von unserem Tara-Darsteller Yannis Aggelakis. Hierzu bemerkt Koutras wiederum: “It’s a convention that the audiience is asked to accept, like everything else in the film. TARA is ambiguous, outrageous and at the same time she seems very normal. TARA is different, there is something beyond sex about her.” Okay, der Zuschauer ist dazu angehalten, alles in diesem Film zu akzeptieren. Wenn er also eine 50 Fuß hohe Moussaka akzeptieren kann, muss er auch Transvestiten akzeptieren können. Another Big Point performed by Mr. Panos Koutras! Das ist selbstverständlich durch und durch das Thema von Ed Woods “Glen or Glenda” - nur hat Koutras es verpasst, die knapp 50 Jahre zwischen beiden Titeln zur Weiterentwicklung des Themas zu verwenden... und das, nachdem der Umgang mit der Sexualität inzwischen weitgehend liberalisiert wurde.

Es ist gar zu konstatieren, dass Yannis Aggelakis als einzige(r) zumindest ein paar Momente hat, die diesen Trashstreifen zu einem sehenswerten seiner Gattung machen könnten. Der Gesichtsausdruck Taras, als sie/er vor dem Fleischberg steht, ist so dämlich wie amüsant, die Verteidigung mit dem Deo und die anschließende Flucht setzen dem Ganzen die Krone auf. Derer gibt es noch einige andere Momente, so etwa das selbstverständliche Hinnehmen des Todes des eigenen Mannes, die Angst der Griechen davor, weitere Moussakas anzuschneiden, die furchtbar theatralischen Schreie oder das Verhalten der Moussaka-Opfer im Angesicht ihres Todes (einfach mal auf den Asphalt legen und mit entsetztem Gesichtsausdruck warten, bis das 2 km/h schnelle Vieh über sie drübergerutscht ist). Der für das Genre typische ironische Schlussgag fehlt zwar nicht, hat auch eine gewisse Wirkung, fällt aber relational betrachtet zu den Kollegen arg schwachbrüstig aus.

Ein Wort noch zu den “Spezialeffekten”. Was der Titel versprach, kann nur bedingt gehalten werden. Die Idee, das griechische Nationalgericht durch Athen wüten zu lassen, hat zweifellos etwas für sich, so viel ist mal klar; die Umsetzung stellt aber irgendwo nicht ganz zufrieden. Kann sich die Mutation der Mahlzeit nach Trash-Kriterien zweifellos noch sehen lassen (wenn halt auch die Computerarbeit bei dieser simplen Über(pro)portionierung deutlich erkennbar ist), so enttäuscht doch das simple Copy & Paste-Verfahren, bei dem einfach der Hintergrund der Stadt ausgeschnitten und die Moussaka reineditiert wurde. So wirkt das Vieh irgendwo stets unnahbar, eine Bedrohung für die Menschenmassen mag sich zu keinem Zeitpunkt einstellen. Zwar kann das zugunsten der amüsanten Unglaubwürdigkeit gehen, doch geht es auch zu Lasten der biologischen Greifbarkeit des Viehs. Etwas Arbeit mit echten Kulissen in Nahaufnahmen hätten da Wunder bewirkt. Das gilt auch für die Kills: Unglaublich, aber das Monster hinterlässt von ein paar nass aussehenden Stellen abgesehen keinerlei Spuren. Die Toten liegen einfach da, haben halt ein paar Wunden im Gesicht, wirken aber keinesfalls so, als seien sie gerade von einem tonnenschweren Berg ihrer Leibspeise übermannt worden. Wer auf Splatter und Gore aus ist, der sollte recht schnell enttäuscht werden - ein paar Soßenspritzer, die sogleich zum unspektakulären Tode führen, sind alles, was geboten wird. Die Formel des Regisseurs - “All food is terrifying if you think of it, let alone when it’s blown out of proportion.” - geht leider nicht auf.

Zurück bleibt eine mittelschwere Enttäuschung. Von diesem Titel hatte ich mir mehr erhofft; seien es Huldigungen an Trash-Klassiker oder eine satirische Abrechnung mit der Gegenwartsgesellschaft. Beides versucht Panos Koutras zu bieten, wobei er sich allerdings zu sehr in dem Vorhaben verfängt, seinem Zelluloidquatsch eine wertvolle Botschaft mitzugeben bzw. etwas auszusagen. Ergo stellt er sich automatisch mit Ed Wood, dem “schlechtesten Regisseur aller Zeiten”, auf eine Stufe: Wie dessen Filme seinerzeit ist “Attack of the Giant Moussaka” heute einfach nur abartig schlecht. Wir wollen einfach mal die nächsten Jahrzehnte abwarten - vielleicht mutiert das Ding ja irgendwann mal zum Kult...


Die Interviewausschnitte wurden der offiziellen Homepage zum Film, www.mousakas.com, entnommen.

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