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Es kehrte niemals Ruhe ein im Hause Dracula. Während Tod Browning das Schloss am Tag besetzte und mit Bela Lugosi einen weltbekannten Klassiker des Horrorfilms erschuf, besetzte George Melford mit seiner spanischen Crew die Nacht, um den gleichen Film noch einmal mit anderen Darstellern in einer anderen Sprache zu drehen. Wir schreiben das Jahr 1931 und somit eine Zeit, in der die Synchronisationstechnologie noch nicht existierte. Bedenkt man, wie stark selbst die Vertonung auf die Akzente eines Films einwirkt, kann man sich ausmalen, wie die Resultate voneinander abweichen, wenn das Bild gleich zusammen mit dem Ton neu synchronisiert wird.

Wenn man aber schon nach der Entstehung von Unterschieden bei dieser speziellen Art von Synchronisation fragt, könnte man sich umgekehrt genauso fragen: Entwickeln Produktionen ohne inhaltlichen Bezug zueinander Gemeinsamkeiten, wenn sie am gleichen Ort und zeitlich parallel oder back-to-back realisiert wurden?

Seit jeher und bis in die heutige Zeit hinein ist es eine gängige Prozedur, Kulissen und Kostüme zu recyceln, ja gar Schauspieler untereinander zu verleihen – wenn es eben logistisch gerade sinnvoll ist und je Produktion die Kosten senkt. Manch findiges Studio hat aus dieser Methodik ganze Geschäftsmodelle entwickelt. Ein Jahr nach „Dracula / Drácula“ kam auch das Produzenten-Gespann Cooper, Schoedsack und Selznick auf die Idee, die Synergieeffekte ihrer Filmsets zu nutzen. „King Kong und die weiße Frau“ wurde für aktuelle und nachfolgende Generationen auf Zelluloid gebannt, ein weiterer Klassiker, der laut deutscher Werbezeile als „amerikanischer Trick- und Sensationsfilm“ die urtümliche Faszination des Kinos in spektakulären Schauwerten bannte. Zur Implikation der Werbezeile gehört sicherlich auch die Lust am Exotischen, die in diesem Meisterstück des Abenteuer- und Monsterfilms so schön gegen die Zivilisation ausgespielt wird. Dem Finale in New York geht schließlich eine Schiffsfahrt zu einem unerschlossenen Eiland voraus, dessen Mysterium durch eine dichte Nebeldecke gewahrt bleibt – bis sich die Insel offenbart als ein Studio-Areal aus Bäumen, Farnen und Gestrüpp, das zur gleichen Zeit ganz nebenbei einem Pionierwerk des Menschenjagd-Films als Kulisse diente: „Graf Zaroff – Genie des Bösen“.

Natürlich handelt es sich bei „Zaroff“ und „Kong“ nicht um Synchronfassungen des gleichen Stoffes. Gleichwohl teilen sie sich nicht nur die Kulisse, sondern ferner die Produzenten, einen Regisseur, einen Drehbuchautoren, einen Komponisten, einige Darsteller und nicht zuletzt einen großen Anteil ihrer inhaltlichen Essenz. Als in „King Kong“ eine Besucherin des Theatersaals darüber aufgeklärt wird, dass es sich bei dem angepriesenen achten Weltwunder um eine Art Gorilla handeln soll, entgegnet sie mit Verweis auf einen rüpelhaften Gast, der sich an ihr vorbei drängt: „We have enough of them in New York“. Die Verhaltensweisen des Menschen werden also auf jene des Tieres projiziert, während dem Tier wiederum menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Es seien immerhin nicht die Fliegerkanonen gewesen, die das Schicksal des Riesenaffen am Ende besiegelt hätten, sondern die Schönheit einer Frau.

Die Grenzen zwischen Mensch und Tier sind es dann auch, die in den vielen angeregten Konversationen aus „Graf Zaroff“ verhandelt werden. Gleich zu Beginn im Schiff lässt sich Großwildjäger Rainsford (Joel McCrea) auf eine Körpertauschdebatte ein: Würde der Jäger die Jagd wohl immer noch als Sport ansehen, steckte er in der Haut des Jaguars? Auch der Aristokrat Zaroff (Leslie Banks) heißt seine gestrandeten Gäste später in seinem Elfenbeinturm willkommen, indem er sie mit philosophischen Gedankenspielen einwickelt und dabei nach und nach seine größenwahnsinnigen Tendenzen verrät, die er unter der Maske des Vornehmen verbirgt.

Es mag für einen Abenteuerfilm nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zunächst seltsam erscheinen, aber das Herz dieses Werkes steckt gerade in jenen Dialogen, in denen die Motivation für das Jagen erläutert wird. Obgleich durchaus Elemente eines weiteren „amerikanischen Trick- und Sensationsfilms“ vorhanden sind, so etwa der spektakulär in Szene gesetzte Schiffbruch (mit einem heute leicht zu entlarvenden Modell) oder die packenden Jagdszenen in der zweiten Hälfte unter Einsatz von Pfeil und Bogen sowie mehrerer Doggen, so definiert sich das Handeln der Figuren vor allem über die geistige Reflexion der eigenen Natur beim Rauchen einer Zigarette und Schwenken eines Glases Alkohol. Der kleine theoretische Exkurs auf dem Schiff ist nur ein Vorgeschmack auf die vortrefflich in Szene gesetzte Konversation in der Empfangshalle. In Sachen Spektakel passiert hier noch nicht viel, doch die mit viel Sorgfalt geschriebene Sequenz funktioniert ausgezeichnet als Suspense Builder für alles, was noch kommt. Die gesamte Konstellation erinnert dabei ganz entschieden an die im gleichen Jahr entstandene Welles-Adaption „Die Insel des Dr. Moreau“: Ein Gestrandeter, eine Frau in Not, ein gebildeter, aber augenscheinlich wahnsinniger Phantast mit animalischen Untergebenen, im Falle Zaroffs ein kosakischer Diener des Typs „Igor“ (Dutch Hendrian), der die Zweifel an der Trennung von Mensch und Tier weiter anregt. Dazu die starke Filmmusik von Max Steiner, die sich gerade in dieser Passage zurücknimmt, um die Piano-Einlage des Gastgebers entsprechend zur Geltung kommen zu lassen.

Leslie Banks verströmt in der Titelrolle ein strenges Charisma, das sich aus seiner weltgewandten Rhetorik und einem radikalen Weltbild zusammensetzt. Mit Eleganz verknüpft er die beiden Bedeutungen des Originaltitels „The Most Dangerous Game“, jene des Spiels und des Wilds, zu einem Geflecht aus durchaus faszinierenden Hypothesen: Der Mensch als wildes Tier, Liebe und Leidenschaft als Resultat des Jagdinstinkts, Leben und Erfüllung durch Tod und Vergehen. Mit seiner durch eine Kriegsverletzung erstarrten Mimik folgt er noch dem Expressionismus vergangener Zeiten, während er über die Körpersprache subtilere Signale aussendet. Mit der Zerrissenheit zwischen Intellekt und Triebhaftigkeit spielt er einen unberechenbaren und dadurch gefährlich erscheinenden Charakter. Doch der Ton versteift sich keineswegs auf die unterschwellige Bedrohung, mit welcher der Jäger sein auserkorenes Wild vorwarnt; er bringt auch Verspieltes in die Szene, süffisanten Humor sogar, der hauptsächlich durch den angetrunkenen Martin (Robert Armstrong, der in „King Kong“ den Carl Denham spielte) zustande kommt.

Als die Spielregeln schließlich erklärt sind, wird die Theorie endlich an der Praxis überprüft und aus dem Psycho- wird ein handfester Survival-Thriller, der ein für jene Zeit unglaubliches Tempo an den Tag legt. Schoedsack und sein Co-Regisseur Irving Pichel belichten den Dschungel aus allen erdenklichen Perspektiven, die unter anderem durch schnelle Wechsel der Bildeinstellungen und einmal sogar durch eine spektakuläre Kamerafahrt aus der Egoperspektive erzuegt werden. Zeitgleich wird die Fährte zwischen Jäger und Gejagten immer wieder durch Schnitt und Gegenschnitt markiert. Aufgrund des stillen Einvernehmens zwischen Jäger und Beute folgt der Ablauf der Ereignisse dabei nicht etwa den Gesetzen bedingungsloser Elimination wie im gängigen Horrorfilm („wenn er dich kriegt, bist du tot“), was in der Umsetzung für einige spannende Situationen sorgt, die davon leben, dass man die Handlungsmuster noch während der Jagd zu dechiffrieren hat, und zwar aus der Perspektive der Opfer, die sich verstecken und ihrerseits mit perfiden Fallen zu kontern wissen.

Spätestens jetzt ist die Blaupause für unzählige weitere Filme zum Thema Menschenjagd gelegt. Alleine Richard Connells Buchvorlage hat bis heute weit über ein Dutzend Neuverfilmungen generiert; hinzu kommen unzählige weitere Einträge in das Subgenre, die jeweils unterschiedliche Aspekte betonen, die allesamt bereits bei „Graf Zaroff“ zusammenfließen: Der Respekt vor der Beute wie bei „Predator“, zugleich aber auch die Perversion eines Sports, der als solcher nicht zu bezeichnen ist („Hard Target“). Die Mythologisierung der Prozedur („Apocalypto“) ebenso wie das Unwissen des Opfers um die größeren Zusammenhänge („Der Unsichtbare Dritte“). Kommerzialisierung („Running Man“) und Töten als Rezept gegen die Langeweile der Reichen und Schönen („Hostel 2“). Und eben vor allem die Suche nach der wilden Bestie im Menschen und der Seele im Tier, die „Graf Zaroff“ mit seinem großen Bruderwerk „King Kong“ vereint. Unbequeme Fragestellungen, die so wohl nur im Hollywood der Pre-Code-Ära formuliert werden konnten.

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