Review

Wieder mal eine "Love it or hate it!"-Angelegenheit - dazwischen ist nur wenig Platz.
Schlecht sind solche Polarisierungen natürlich nicht, schließlich kriegt man, sei es schlußendlich nun positiv oder negativ, immer etwas Besonderes geboten für Zeit oder Geld.
"Let's scare Jessica to Death" ist jetzt zwar kein vielumraunter Klassiker, über den die Welt spricht, aber er teilt die Kritikerschar doch ziemlich augenscheinlich in zwei Lager. Während manche Genrekenner wie etwa Frank Trebbin die selten vergebenen fünf Sterne spendieren, urteilen andere, der Film wäre ein amateurhafter Murks mit eckigen Laiendarstellern und wenig Zusammenhang.
Gottseidank gibt es in diesem Fall keine endgültige Wahrheit.

Fakt ist, der Film war 1971 das Langfilmdebüt des just oscarnominierten John Hancock, der deswegen jedoch kein übermäßig üppiges Budget zur Verfügung hatte, sondern eher mit einer kleinen Crew improvisieren mußte. Als Blaupause hatten er und sein Mitautor Lee Kalcheim sich Joseph Sheridan Le Fanus berühmten Vampirroman "Carmilla" genommen und ihn im Zuge der Romero-isierung des US-Horrorfilms nach "Night of the Living Dead" in ein modernes Gewand übertragen.
Davon merkt man aber nur etwas, sofern man die Vorlage kennt, die Vampirisierung der Vorlage ist einer simplen Form der Zombifizierung gewichen, aber auch diese Variante nützt der Film eigentlich nur bei dem Versuch, dem Film eine halbwegs schlüssige Abrundung "aufzudrängen".

Bis es soweit kommt, durchlebt der Zuschauer allerdings mehrere heißkalte Duschvorgänge, die die atmosphärischen Qualitäten des Morbiden und die budgetbedingte Plotleere meist gemeinsam auftreten lassen. Heißt soviel wie: Für Freunde des klassischen Erzählkinos ist "Jessica" definitiv nichts, es gibt zwar einen nachvollziehbaren Plot, jedoch ist dieser ebenso zweitrangig wie offenbar nur Mittel zum Zweck, um lange Zeit den Zuschauer verunsichert verharren zu lassen, ob die Vorgänge nun wahr oder eingebildet sind.
Jessica, mit bemerkenswerter brüchiger Kantigkeit dargestellt von Zohra Lampert (Mißgünstige könnte anmerken, sie strahle eher eine chargierende Hölzernheit aus.), ist nämlich just aus dem "mental asylum" entlassen und zieht mit ihrem Mann und einem bärtigen Kumpel (die Hippiezeit dringt hier noch aus jeder Pore) in eine Kleinstadt auf einer kleinen Insel irgendwo im flußgewordenen Nirgendwo Amerikas. Ihre leicht angegriffen wirkenden Macken (sie paust gern Grabsteine ab) werden toleriert, ob es jedoch so günstig ist, in einem Leichenwagen umzuziehen, kann man dahingestellt und diskutiert lassen.
Ein paar schräge Typen im Städtchen und ein geräumiges Landhäuschen, um das des öfteren die Nebel wehen, das ist natürlich der ideale Ort für angefressene Gemüter und schon huschen die ersten Beinchen durchs Bild, sitzt eine Figur im Schaukelstuhl und verschwindet und der See/Fluß ist irgendwie auch nicht ganz geheuer.
Im Haus lernt man die Tramperin Emily kennen, die flugs mal so eingezogen ist, aber alsbald nimmt man sie als vierten Bewohner in die Gemeinschaft auf, nicht zuletzt weil Freund Woody da Stielaugen kriegt. Doch unter dem Dache blüht die Vergangenheit alsbald auf, ein silber umrahmtes Familienbild von 1880 kündet von einer Tragödie, als die ansässige Abigail an ihrem Hochzeitstag im passenden Kleid einen wässrigen Tod fand.

Ohne zuviel verraten zu wollen, dürfte spätestens beim ersten Anblick des Familienportraits das Rennen gelaufen sein, aber im Wesentlichen geht es nur sekundär um die Nachstellung von Le Fanus berühmter Geschichte, stattdessen kochen alsbald die psychischen Dellen hoch, denn was Jessica um sich herum alles bemerkt und sieht, was ihr erscheint und was sie hört - ein Großteil des Films geht für inneren Monolog drauf und für die Einflüsterungen einer möglicherweise geisterhaften Abigail - macht den eigentlichen Spaß aus, denn Hancock improvisiert hervorragend, wenn es darum geht, ganz natürliche Bilder von See, Wald, Haus und Umgebung entweder märchenhaft zu verklären oder unheimlich zu verzerren. Ein mehrfach auftauchendes, stummes Mädchen in einem weißen Kleid - ein Geist möglicherweise - sorgt immer wieder für den Einbruch des Unheimlichen und weder im Haus noch draußen scheint es wirklich sicher zu sein, was sich noch verstärkt, als zumindest Jessica den Eindruck hat, daß sich ihr Mann Duncan etwas zu sehr für Emily interessiert.

Schemen unter der Wasseroberfläche, sich bewegende Gegenstände, auftauchende und verschwindende Leichen und der stets wehende Wind, dazu die bizarre Rentnergang der Stadtbewohner, die ein mehr als irritierendes Verhalten an den Tag legen, das alles fließt in eine fast mediative Komposition erlesener Lichtbilder, die immer wieder durch den Einbruch des Schreckens zerstört wird.
Hancock hat seine Vorbilder gut studiert, die Vampirfilme, Romero und nicht zuletzt Robert Wises "The Haunting" dessen berühmte "Gesicht in der Wandmaserung"-Szene hier gleich mehrfach zitiert wird. Manche Sequenzen sind so unglaublich "creepy" geraten, wie eine Badeszene mit Jessica, in der man das kommende Unheil geradezu brutal vorfühlen kann, andere jedoch zieht das Skript wie eine Replik von Polanskis "Ekel" endlos in die Länge, kriecht dauerhaft in den Kopf der Protagonistin, um die Story dann wieder mit halb laienhaft, halb natürlichen Improvisationsdialogen zu brechen. Zum Finale generiert man dann noch einmal Terror pur, allerdings muß man sich die Hintergründe dann doch eher zusammenreimen, eine wirkliche Erklärung liefert der Film nicht, erzeugt aber Bilder, die lange in die Köpfen verbleiben, was nachhaltig erklärt, warum manche Kritiker oder Männer wie Stephen King die Eindrücke des Films verehren.

Spiegelt man all das ins Negative, geschieht vermutlich zu wenig Konkretes in "Grauen um Jessica", hat der Film zu wenige handfeste Plot Points und kreist zu oft um sich selbst oder versinkt in semipsychologischen Nichtigkeiten - Optik allein kann nicht jeden satt machen. Und Zohra Lampert ist tatsächlich eine Figur, an der sich die Geister scheiden, optisch zwar fragil gestaltet, aber in der OV ziemlich gewöhnungsbedürftig, wenn sie den Mund aufmacht oder gar noch lauter wird, dann erinnert die Akustik eher an ein versoffenes Fischweib.

So ist man gezwungen, sich ein eigenes Bild zu machen, die Schönheit und das Morbid-Unheimliche zu genießen oder die Sperrigkeit gleichauf abzulehnen und ermüdet abzuschalten. Diesen Status aber überhaupt mittels eines Low-Budget-Debüts zu erreichen, ist schon wertvoller als so mancher schnelle Erfolg und die Nachhaltigkeit gibt den Machern in gewisser Art und Weise recht. Ich für meinen empfinde den Film als Beispiel für die bizarre Schönheit des Bösen - in allen Schattierungen des Tages und der Nacht. (8/10)

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