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Die psychisch labile Jessica unternimmt mit ihrem fürsorglichen Freund und dessen Kumpel einen Ausflug in ein altes verlassenes Herrenhaus fernab der Zivilisation, um wieder zu sich selbst zu finden. Das scheint ein weiter Weg zu werden: Schon auf der Hinfahrt wird sie von mysteriösen Erscheinungen und flüsternden Stimmen verfolgt, die wohl nur sie hören kann. Doch als sie in dem Haus auf die Landstreicherin Emily stoßen, wendet sich das Blatt – die vier verstehen sich blendend und geben sich gegenseitig Halt. Aber ist Emily wirklich das, was sie scheint? Oder hat sie etwas mit den zunehmend bedrohlicher werdenden Angstattacken Jessicas zu tun?

Der günstig produzierte Independent-Horrorfilm „Let’s scare Jessica to death“ (ein deutlich besserer Titel als der plumpe deutsche Verleihtitel „Grauen um Jessica“) entpuppt sich schon von der ersten Szene an als enorm atmosphärisches Stück subtilen psychologischen Grusels. Regisseur John D. Hancock zeigt hier vorbildhaft, wie man mit wenig Geld, aber wohldurchdachter Inszenierung und Erzählweise absolut gelungene Filme drehen kann.

Schon die Einleitungsszene, die den Schluss des Films vorwegnimmt, ohne die finalen Twists zu verraten, zieht den Zuschauenden sofort in ihren Bann: Eine junge Frau sitzt in einem dahintreibenden Boot auf dem Wasser, starrt vor sich hin, während ihre Stimme aus dem Off andeutet, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss, das sie noch nicht wirklich verarbeiten konnte, sondern das sie ganz im Gegenteil an den Rand des Wahnsinns getrieben hat – oder darüber hinaus? Das Ganze wird eingefangen in trist-graue Bilder, denen alle Farben entzogen zu sein scheinen, und unterlegt von einem leisen, aber eindringlichen Score, der Unheil zu verkünden scheint.

Diese so zurückhaltende wie intensive Inszenierung bleibt den ganzen Film über erhalten: Viele Szenen verzichten vollständig auf Musik und entwickeln gerade dadurch eine atemlose Spannung, wenn etwa Jessica durch das düstere Haus streift und von seltsamen Geräuschen (und immer wieder flüsternden Stimmen, die sie gleichermaßen warnen wie bedrohen) verfolgt wird. Doch auch wenn der Score einsetzt, bleibt er in der ersten Filmhälfte sehr leise und unterschwellig, erzeugt dadurch eine schwer greifbare Atmosphäre der unheimlichen Bedrohung, wird erst gegen Filmende allmählich immer lauter und dramatischer – passend zu den zunehmend eskalierenden Spannungs- und Schocksequenzen.

Auch die Kamera folgt diesem Prinzip der sanften, aber zunehmenden Bedrohlichkeit. Langsame Gleitfahrten über Details des alten Hauses – an Türrahmen und Wänden, staubigen Bildern und dreckigen Tapeten entlang – fachen die finstere Fantasie des Zuschauenden an, ohne lange Zeit eindeutige Gefahren zu zeigen. Doch den anfänglichen flüsternden Stimmen aus dem Off, die in manchen Szenen mit enervierender Selbstverständlichkeit auftreten und von Jessica aufgenommen werden, folgen bald unheimliche Visionen – eine Leiche im Wasser, die nach Jessica greift, zunehmend gefährlich wirkende Dorfbewohner, vor allem aber ein subtil abgleitendes Verhalten der scheinbar freundlichen Emily, deren Motivation bald nicht mehr wirklich abzuschätzen ist.

Neben der grandiosen formalen Inszenierung – vor allem die ausgebleichte Farbgebung, die dem ganzen Film eine so unwirkliche Atmosphäre verleiht – überzeugen auch die Darstellenden mit natürlichem, authentisch wirkendem Spiel. Vor allem die labile Jessica gibt ihre so sympathische wie gebeutelte Figur nie überzogen oder klischeehaft, sodass man sich sehr gut in sie hineinfühlen kann. Ihre mitunter irritierenden Reaktionen auf das Flüstern oder die Panikattacke, die sie sich in einem Zimmer verbarrikadieren lässt, bis auch dort unheimliche Luftströme näher kommen, sorgen sogar für eine noch nähere Identifikation mit ihr. Und wenn dann das krass bebilderte Albtraumfinale über sie hereinbricht, kann einem mitunter der Atem wegbleiben.

Auch wenn es zwischendurch einige kleine Durchhänger in Spannung und Dramaturgie gibt, kann „Let’s scare Jessica to death“ aufgeschlossenen Genre-Fans ein echtes kleines Highlight in Sachen subtilem Psycho-Grusel bieten, dessen erschreckendes Finale man nicht so schnell vergisst. Ein so leiser wie nachhaltig beklemmender Albtraum-Trip in finstere psychische Zustände.

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