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(SPOILER!)

Unzählige Horrorfilme erzählen uns von der Hölle, aus der der Teufel seine bösen Machenschaften vorantreibt. Er zieht die Menschen mit Verheißungen in seinen Bann, zieht sie sofort ins tödliche Verderben oder nimmt direkt den Kampf mit seinem Antagonisten, Gott, auf, in Laufe dessen viele Menschen als Kollateralschaden dran glauben müssen. Manchmal schickt Satan seine Vertreter auf die Erde, manchmal werden von Menschen Tore zur Hölle geöffnet. Meistens sind diese Plots einfache Parabeln für den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse im Menschen und zwischen den Menschen, bisweilen sehr gut umgesetzt.

Unzählige Alieninvasionsfilme erzählen uns von bösen Außerirdischen, die das irdische Leben wahlweise ganz vernichten oder die Menschheit versklaven wollen. Meistens wird dabei das Zusammenstehen der Nation - ja, der gesamten Menschheit im Angesicht des gemeinsamen Feindes gefeiert, wenn dank des Zusammenhalts die Bösen am Ende vertrieben werden können. Auch diese SF-Plots sind an Simplizität kaum zu übertreffen.

Doch was passiert, wenn man diese, auf den ersten Blick so unterschiedlich erscheinenden Geschichten verbindet? Wenn man von der Gut-Böse-Parabel eines Höllenhorrorfilms wieder zurück zum Ursprung des Teufelsmythos dringt und zeigt, dass die Hölle von uns Menschen selbst geschaffen wird – Tag für Tag, auf der gesamten Welt? Dass das Böse gerade nicht personifiziert als Teufel irgendwo ganz weit unten an einem heißen Ort dahinlebt, sondern unter einer dünnen Schale jederzeit hervorbrechen kann – weil es genetisch in uns angelegt ist? Und wenn man dabei behauptet, dass der Grund für diese Veranlagung von außen kommt? Von Aliens in uns eingepflanzt, die sich aufgrund ihrer Bösartigkeit selbst vernichtet haben und diese Gefahr auch auf die Erde gebracht haben, wo sie Jahrmillionen geschlummert hat, um dann in einem apokalyptischen Hölleninferno auszubrechen?

Ja, wenn man das tut, dann kann man einen solch fantastischen Film machen wie „Quatermass and the Pit“. Eine Geschichte, die an sich schon erschaudern lässt, die durch das so direkte Aufzeigen des Bösen in uns mit all seinen drastischen Folgen für das weltliche Geschehen eine grausige, unmittelbare Lebensnähe der filmischen Ereignisse erscheinen lässt. Die Hölle ist am Anfang des Films nichts anderes als ein profaner U-Bahn-Schacht, „the pit“, wie so schön nüchtern der Originaltitel sagt und dem Zuschauer damit bereits signalisiert, dass diese Geschichte und die Hölle eigentlich gar nicht so phantastisch sind…

In jenem Londoner U-Bahn-Schacht wird höchst Seltsames gefunden: zunächst einige frühmenschliche Skelette, dann ein raketenähnliches Objekt aus unbekanntem Material, dem weder Schweißbrenner noch Bohrmaschine etwas anhaben können. Von selbst öffnet es sich dann und lässt Grauenhaftes frei: einige heuschreckenartige Aliens mit zwei Hörnern und grünem Blut (das dem peinlichen deutschen Titel den Namen gebe sollte). Das wahrhaft Grauenhafte jedoch ist die Energie, die von dem Objekt ausgeht. Menschen haben auf einmal telekinetische Eigenschaften und Visionen einer längst vergangenen Welt, während sich ihr Charakter zu verändern scheint. Professor Quatermass findet heraus, dass schon in den Jahrhunderten zuvor merkwürdige Ereignisse um den Fundort herum geschahen: Gespenster wurden gesichtet und teuflische Mächte aufgespürt. Während Quatermass und ein Kollege weiterforschen, verstärkt das Objekt seine Energie nach außen, die das Übelste im Innern der Menschen weckt, und setzt eine grauenhafte Ereigniskette in Gang, in deren Lauf der Teufel höchstpersönlich seine Wiederauferstehung feiert…

Der Film ist voller Symbole und Anspielungen. Quatermass selbst ist zunächst sehr kritisch, was eine weitergehende Erklärung des Geschehens betrifft. Aber er begreift, aus vernünftigem, wissenschaftlichem Ansatz heraus. Im Gegensatz zu anderen Protagonisten. Der Film enthält eine ordentliche Portion Antimilitarismus, wenn der hier ranghöchste Soldat, Colonel Breen, borniert jede (Film-)logische Erklärung ablehnt und stattdessen lieber davon schwafelt, mit welch Wunderwaffen die Briten ein Imperium errichten werden (genau dadurch aber Quatermass’ Theorien viel glaubhafter und erschreckender macht). Gerade er wird der dunklen Faszination des teuflischen Objekts nicht zufälligerweise am drastischsten erliegen. Dann der Priester, der den glaubensimmanenten simplen Gegensatz Gott-Teufel doch am schnellsten verstehen müsste: Ausgerechnet er tut Quatermass’ so weit hergeholt erscheinende Erklärungsversuche als wissenschaftliches Kauderwelsch ab. Dazu haben wir einen Hauch von Medienkritik (zu der Zeit schon!) und passende Schelte der Politiker, die beratungsresistent exakt das Falsche tun.

„Quatermass and the Pit“ ist von 1967 und ein britischer Film der Hammer-Studios. Also genau das Gegenteil eines gängigen Hollywood-Blockbusters. Das merkt man nicht nur an der tiefgründigen Story, sondern auch an ihrer einfachen Umsetzung. Es gibt fast nur (billigere) Innenaufnahmen und sparsam eingesetzte Spezialeffekte. Einiges, was man bei mehr Budget visuell hätte umsetzen können, bekommen wir nur erzählt. Trotzdem gelang es, aus der Not eine Tugend zu machen. Das gar nicht Gesehene, sondern nur Erzählte steigert die Spannung. Aber was man sieht, muss möglichst gut rüberkommen. Und da gelang es den Machern, die Aufnahmen geschickt zu beleuchten und die Effekte so zu kaschieren, dass alles hervorragend zusammenpasst und man selbst Jahrzehnte später mitgerissen wird. Als Beispiel soll hier die erschütternde Szene dienen, in der Videoaufnahmen vom Mars von vor 5 Millionen Jahren zu sehen sind: Diese Szenen sind gemäß der Story die vom gefundenen Objekt übertragenen Visionen der Forscher-Assistentin, die mit einem Apparat auf einen Bildschirm projiziert werden. Der Zuschauer bekommt da nur unscharfe Schwarz-Weiß-Szenen mit Bildstörungen zu sehen. Aber gerade dadurch wirken sie umso furchterregender und eindringlicher, uralte Bilder von Wesen auf der Flucht vor ihrem eigenen Untergang.

Die Visionen zeigen beispielhaft auch etwas anderes Bemerkenswertes an dem Film: Obwohl zur Hälfte Science-Fiction, hält sich der Film mit (pseudo-)wissenschaftlichen Erklärungen der Grusel- und Mysterymotive klug zurück. So bleibt im Vagen, wie die Visionen genau entstehen oder wie genau das Teuflische in die Menschen eingepflanzt wurde – aus heutiger Sicht ein Segen, denn so kann man die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu inaktiven Genen perfekt darauf übertragen. Auch das beliebte Horrorthema der Besessenheit vom Teufel bleibt hier im nur ungefähren, aber ausreichenden Erklärungsversuch stecken. Dadurch wirkt der Film trotz seines Alters zeitlos aktuell, keine aus heutiger Sicht völlig abstrusen Theorien verderben die Erklärungsversuche.

Den Machern gelingt es durch die allumfassende Story und die gute Fotografie, eine intensive, verstörende Atmosphäre zu schaffen, unterstützt durch einen beunruhigenden, aufwühlenden Soundtrack. Die Rollenvergabe ist perfekt gelungen. Ach, wie sehr doch „Quatermass and the Pit“ zeigt, dass es keines Effekte-Overkills bedarf, um einen hervorragenden phantastischen Film zu schaffen, sondern einfach nur einer intelligenten, gruseligen Story!

Und das Finale des Films hält weitere Hämmer für uns bereit: Wieder zeigt sich, dass Quatermass nicht der übliche, über alles erhabene Superheld ist - nein, auch in ihm nimmt kurzzeitig die teuflische Macht überhand, bis er von einem vermeintlich Schwachen zur Vernunft gebracht wird. Hier wird knallhart demonstriert, in was das Böse gipfelt und dadurch den Untergang zwangsläufig herbeibeschwört: krasses Elitedenken und die brutale Auslese des schwach Erscheinenden. Und Konformität. Als simple Begründung, warum er ihn denn umbringen wollte, gibt Quatermass nach seiner Rückbesinnung vom Bösem an: Weil Du anders bist als wir. Ein kompletter „Body Snatchers“-Film in einem Satz.

Das Ende demonstriert eine Art Moral: Ausgerechnet einer der vermeintlich Schwachen rettet in einem Akt der Selbstopferung die Welt vor dem Bösem. Oder? Ein lupenreines Happy End haben wir nicht. Die energetische Erscheinung des Teufels mag geerdet sein, aber der Geist, die Ursache: Sie sind noch da. Genau wie die letzten 5 Millionen Jahre. So bleibt die weitere Zukunft ungewiss, das Böse kann immer wieder neu auferstehen…

„Quatermass and the Pit“, dessen Original als TV-Serie schon in den 50ern lief, legte mit seiner Story den Grundstein für die ganzen mystischen SF-Fantasy-Melangen, ob sie nun als Fiktion wie „Akte X“ oder als spekulierende Dokumentation wie die Däniken-Machwerke liefen. Einen Bogen zu schlagen über Jahrmillionen Menschheitsgeschichte und diese zurückzuführen auf die wesentlichen Grundeigenschaften, die die Evolution ausmachen, das hatte bis dahin noch niemand gewagt. Und es wurde bis heute von niemandem übertroffen. Diese außergewöhnliche Geschichte schaffte die perfekte Synthese aus SF und Grusel: zugleich ein Höhepunkt des Horrorfilms und ein Höhepunkt des Science-Fiction-Films sowie der Höhepunkt der Hammer-Produktionen.

10 von 10 Punkten.

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