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Graham Frederick Young war ein britischer Gift-Mörder, der 1990 im Gefängnis unter mysteriösen Umständen starb. Schon im Kindesalter entdeckte er seine Vorliebe für Chemie und Chemikalien und im Alter von nur 14 Jahren begann er, seine Familie zu vergiften. Nachdem er seine Stiefmutter mit Gift tötete, wurde seine Tante, die um Youngs Passion für Chemikalien wusste, misstrauisch und so kam es, dass er verhaftet und ins Broadmoor Hospital für psychisch labile Kriminelle gesperrt wurde. Als er dort 1971 entlassen wurde, kam er bei einer Zulieferfirma fotografischer Artikel unter, wo er wiederum zwei Mitarbeiter tödlich vergiftete. Nachdem zunächst ein mysteriöses Virus für zahlreiche Krankheitsfälle und die beiden Toten verantwortlich gemacht wurde, fiel wieder der Verdacht auf Young. Als er am 21. November 1971 erneut verhaftet wurde, fand man in seiner Wohnung ein Tagebuch, welches präzise den Grad der Vergiftungen und die aufgetretenen Symptome seiner Opfer dokumentierte. Beim anschließenden Prozess dementierte jedoch Young seine Schuld und erklärte das Tagebuch als Vorlage für einen fiktiven Roman. Und so verhält es sich nun mit dem Film: Lose auf dem soeben abgehandelten Stationen seines Lebens basierend, zeichnet Regisseur Benjamin Ross, der auch am Drehbuch beteiligt war, in seinem ersten Langfilm das Leben jenes britischen Giftmörders nach, der unter dem Namen „The Teacup Poisoner" zweifelhafte Berühmtheit erlangte.

Ross bedient sich dabei immer wieder den Mitteln der Groteske, indem er Grahams Familie als eine Ansammlung garstiger Gestalten zeichnet. Seine Stiefmutter macht ihn stets für irgendwelche Unsauberkeiten verantwortlich und verteilt nur Prügel an ihn, seine Schwester Winnie (Charlotte Coleman) ist ein hysterisch zickendes Biest, ihr Ehemann Dennis ein dümmlicher Ja-Sager und sein Vater ein dominanter Patriarch. Kein Wunder also, dass der von der Wissenschaft faszinierte, sinistre Graham (großartig: Hugh O'Conor, Chocolat) einen Groll gegen sie hegt. Einen Groll, der sich in Hass wandelt, als seine Stiefmutter eines Tages vor seinen Augen seine Chemikalien verbrennt, um ihn von seiner - so ihre Ansicht - Unreinheit und schmutzigen Gedanken zu befreien, nachdem sie beim Aufräumen ein paar anrüchige Nacktbildchen fand. Graham sitzt mit weit aufgerissenen Augen da und muss zusehen, wie sein bisheriges Leben in Rauch aufgeht. Der Film baut also - und das ist kritisch zu sehen - durchaus Sympathie zu seiner Hauptfigur auf, die das Geschehen zudem als Erzähler stets aus dem Off kommentiert. Graham Young scheint bis dahin das Opfer seiner verständnislosen Umgebung, die den verhuschten, zurückhaltenden Genius zusehends als Störfaktor ausgrenzt.

Dem Film gelingt es leider über die gesamte Filmlaufzeit nicht, diese schon der Perspektive der Erzählung geschuldeten Parteilichkeit habhaft zu werden. Im Gegenteil: Man identifiziert sich mit Graham Young, der im wirklichen Leben ein ebenso emotional kalter wie rücksichtsloser Mörder war und fasziniert von Nazi-Deutschland. Letzteres übrigens ein Fakt, der vom ohnehin nur lose auf dem Leben des echten Graham Young basierenden Film ganz ausgespart wird, weil es nicht in das Schema der Charakterzeichnung dieses verkannten Intellektuellen mit morbidem Hang zur Skrupellosigkeit passt. Stattdessen überzeichnet Das Handbuch des jungen Giftmischers das Handeln und die Mimik seiner Hauptfigur mit grotesken Elementen immer wieder - allerdings ohne sie lächerlich zu machen. Schnelle Kamerafahrten aus der Halbtotalen in die Großaufnahme und zurück, Untersichten, stets O'Conors stechender, irgendwie auch erschrockener Blick mit weit aufgerissen Augen. Ein kleiner Schuss Wahnsinn im ansonsten eher subtilen Film.

Das Verurteilen des Verhaltens der eigenen Hauptfigur durch den Film hätte ihm aber wahrscheinlich auch nicht wirklich gut getan, würde ihm dies doch jene seltsame mysteriöse Stimmung nehmen, die ihn so innerhalb seiner grotesken Elemente umwebt. So werden Graham Youngs soziopathische Eigenschaften durch sein gestörtes Verhältnis zu Frauen erklärt, wenn er während eines Dates minutenlang über die blutigen Details eines Autounfalls erzählt, der sich nahe seines Wohnhauses abspielte, bevor er ein Nacktfoto aus seinen Taschen kramt. Oder indem er seine durch eine Schwermetallvergiftung kahle Mutter mit ernster, gleichgültiger Miene durch „angereicherte" Medizin buchstäblich zu Tode pflegt. Im Off-Kommentar fantasiert er über seine „Karriere" als Krimineller, sei es doch die Eigenschaft eines guten Giftmischers, seinem „Handwerk" unbehelligt nachzugehen, während man aber nur dann ein berühmter Giftmischer werde, wenn man sich erwischen lasse.

Über weite Strecken, von der Vergiftung seiner Mutter, seinem Aufenthalt in einer Klinik für psychisch Kranke mit anschließender Resozialisierung bis hin zum Versuch seines Meisterstücks in der Vergiftung der Mitarbeiter eines Kamera-Zulieferers spielt der Film stets seinen schwarzen Humor und seine morbide Atmosphäre aus, wenn sich Graham stets nach dem gesundheitlichen Zustand seiner Opfer erkundigt, im Off-Kommentar teilnahmslos über das Auswahlprozedere für das Holz für den Sarg seiner Stiefmutter spricht (letztendlich Walnuss - Walnüsse habe sie schließlich immer gern gegessen) oder sich gelegentlich die Zeitlupe über das banale Verhalten der Menschen in Grahams Umgebung zu mokiert. Das Grauen dieser Thrillergroteske kommt so im Gewand eines Psychodramas auf leisen, fiesen Suhlen daher und die Inszenierung der Apparaturen für die chemischen Experimente als schöpfende Gebilde weckt auch in uns eine gewisse Faszination.

Das Leben in England scheint nur von Banalitäten, einfach gestrickten Menschen zwischen Saufgelagen wie der Suche nach Sex bestimmt und in Grahams missglücktem Versuch der Herstellung des Newton'schen Diamanten (für den Film vollkommen frei erfunden) aus Antimonsulfid ist die Ursache für seine psychischen Pathologien ohne (Mit-)Gefühle zu suchen. So einfach ist das, aber auch - insbesondere durch Hugh O'Conors großartige Performance als vergiftender Totengräber, die frösteln lässt - so wirkungsvoll (7/10).       

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