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Stell dir vor, du befindest dich mitten in der Nacht in einer U-Bahn, gemeinsam mit einem Dutzend Fahrgästen. Zwei betrunkene Kerle steigen hinzu und üben auf sämtliche Personen Psychoterror aus, bewaffnet mit einem Messer. Wie würdest du reagieren? Betroffen das Haupt senken oder beherzt eingreifen?
Mit genau dieser Situation beschäftigt sich „Incident“, der, obgleich von 1967 stammend, heutzutage mindestens noch genauso aktuell ist.

Über die Beweggründe ihres aggressiven Vorgehens erfährt der Zuschauer nichts. Es ist Sonntagnacht, mitten in New York. Joe (Tony Musante) und Artie (Martin Sheen) spielen Billard, ihr Alkoholpegel ist beträchtlich, Tendenz steigend. Die Kneipe schließt, also wird jemand hochgenommen. In einer dunklen Gasse warten sie auf einen Passanten, entreißen ihm acht Dollar und machen ihn fertig, doch die Nacht ist noch jung…

Eine Zeit lang verliert der Zuschauer die beiden Rüpel aus den Augen und die späteren Fahrgäste werden kurz vorgestellt. Ein bunter Querschnitt New Yorks Einwohner: Zwei junge Soldaten, Mann und Frau mit vierjähriger, schlafender Tochter, junges knutschendes Pärchen, ein Ex-Alki, ein verklemmter Schwuler und ein stolzer Schwarzer mit seiner Frau.
Sie alle befinden sich im Abteil, als Joe und Artie zusteigen und sich sogleich über einen rauschausschlafenden Mann hermachen.

Die Gegenwehr ist nicht allzu deutlich, zu erstarrt und erschrocken sind die Fahrgäste vom Psychoterror der Betrunkenen. Nur der ältere Ex-Alkoholiker wehrt sich verbal und wird prompt eingeschüchtert. Weitere Versuche von Gegenwehr bleiben bis fast zum Schluss aus, zu präsent sind die beiden Raufbolde und sprechen jeden der Fahrgäste persönlich an, Bloßstellung und Erniedrigung lassen diese über sich ergehen.

Tony Musante spielt den Führungspart der Betrunkenen und seine Visage in Nahaufnahme verdeutlicht den Terror nur allzu gut. Die unglaubliche Penetranz seitens Joe und Artie schnürt dem Zuschauer die Kehle zu, der sich ärgern wird, dass niemand der Fahrgäste eingreift. Aber sind wir doch ehrlich: Ist jeder dazu bestimmt, den Helden zu spielen? Würden wir anders reagieren und die Schutzmaskerade der grauen Maus ausfahren oder das eigene Leben riskieren?
Wie wird man handeln, wenn man in einer ähnlichen Situation steckt, vielleicht morgen auf dem Weg zur Uni …oder zur Arbeit…Vielleicht lassen Erscheinungen wie schwarze Sheriffs oder Kontrolleure in der heutigen Zeit ein scheinbares Bild von Sicherheit aufkommen, aber übel wollende Menschen gibt es deshalb nicht weniger.

Ein bewegender Film, in hohem Maße sozialkritisch und mit gebührender Tiefe versehen.
Zudem wird ein recht zynisches Zeitdokument wiedergegeben: Der Schwarze, der eine Rebellion gegen sämtliche Weiße anzetteln möchte und zu dem Terroristen nur sagt: „Ich bin auf ihrer Seite“. Hilft ihm nicht weiter, weil er eben ein Farbiger ist...und ein alter Mann, der ständig gegen die Jugend wettert, wird soeben in seinem Weltbild bestärkt.
Gegenwehr wird unterdrückt, bis einer der Fahrgäste, mit einem Handicap versehen, sich endlich zur Gegenwehr aufrafft.
„Kamerad, wo warst du denn?“, sagt er anschließend zu seinem Freund, der er im Nachhinein vielleicht nicht mehr ist, denn der Psychoterror hat auch Auswirkungen auf die Beziehungen innerhalb der Fahrgäste: Danach ist nichts mehr, wie es zuvor war und Verbindungen lösen sich endgültig, welche zuvor schon bröckelten oder einen losen Zusammenhalt aufwiesen.

Ein hartes Werk, brutal in seiner Art, schonungslos auf beiden Seiten, aber für den Zuschauer erträglich, - wenn auch beklemmend.
Durch das Abteil überzeugende Darsteller und eine nachvollziehbare Dramaturgie verhelfen „Incident“ zu einem sehr sehenswerten und packenden Film, der bei einer Wiederholung im TV (lief mal Mitte der 90er im ZDF-Samstagnachtprogramm) unter Augenschein genommen werden sollte.
9 von 10 Punkten

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