Review

  1999 im Fernsehen gesehen und als gut, aber nicht leicht verdaulich in Erinnerung behalten, habe ich mich dann in diesem Jahrtausend auf die Suche nach einer Veröffentlichung dieses Films begeben, jedoch - es gab keine. Dank einer bekannten Videoplattform war es mir dennoch vergönnt, den Film ein zweites Mal, diesmal im Original, zu sehen.

 Völlig unverständlich, daß anscheinend erst im Jahre 2014 eine DVD herausgebracht wurde, allerdings nicht in deutsch(sprachig)en Landen. Denn „The Incident" ist ein hochwertiges Stück Filmarbeit, das vor allem durch Tony Musantes eindringliches, fast als genial zu bezeichnendes Spiel überzeugt. Darüber hinaus werden Bilder gezeigt, die sowohl in Form als auch Inhalt zu jener Zeit, zumal im US-amerikanischen Kino, gewiß als außergewöhnlich innovativ (und verstörend) wahrgenommen wurden. Diese Wirkung hat der Film auch über Jahrzehnte nicht eingebüßt. Die gesellschaftskritische Komponente hingegen, damals ohne Zweifel ebenfalls ungewöhnlich drastisch präsentiert, wirkt aus heutiger Sicht, oder besser im Hinblick auf den gesamtgesellschaftlichen Status quo und seiner Darstellung im bewegten Bild, etwas überholt; das Ende könnte man sogar als moralinsaure Plattheit bezeichnen.

 Ein nicht unwesentliches Merkmal dieses Werks ist, daß das Gezeigte etwas überspitzt bis unrealistisch wirkt. Dies allerdings ist das Konzept: Überdrehte Hauptdarsteller, fast durchgängig aggressiv aufgeladene U-Bahn-Passagiere und ein Ablauf der Geschehnisse, wie er weder damals noch heute stattgefunden hätte. Das ist aber keinem kreativen Kurzschluß geschuldet, sondern liegt an der einem Kammerspiel ähnlichen Inszenierung; es entsteht keine Gruppendynamik, statt dessen sind die einzelnen Szenen (sprich: „Bearbeitungen" der Fahrgäste durch den Freizeit-Psychopathen Joe) in sich mehr oder weniger geschlossen, aneinandergereiht. Aus der Drehbuchvorlage ließe sich mit Leichtigkeit ein Theaterstück entwickeln. Für Menschen, die auf intellektuelle Botschaften allergisch reagieren, ist der Vorfall also nur bedingt attraktiv; als wirklich aufdringlich oder prätentiös habe ich ihn aber zu keinem Zeitpunkt empfunden.

 Das Ganze ist natürlich nicht gerade eine Komödie, doch die überzeichnete und etwas künstliche Inszenierung sowie die Lachlust der beiden Tunichtgute ermöglicht eine gewisse lockerere und humorvolle Herangehensweise. Anders, das muß man ganz klar sagen, wäre dies schon ein sehr schwer zu schluckender Brocken. So war es nach außen betrachtet etwas riskant, am Ende vielleicht aber genau die richtige Entscheidung, den Filmabend statt mit „Spy Hard" spontan mit den Erbarmungslosen zu beginnen.

 Mein Schlußwort gilt Tony Musante, der, das muß in aller Deutlichkeit gesagt werden, „The Incident" trägt. Martin Sheen hat ohnehin nur eine Nebenrolle inne, hätte diesen Abgrund aus unverbindlicher Fiesheit und gentlemanhafter Widerwärtigkeit, die Musante verkörpert, aber kaum hinbekommen. Der Typ spielt einfach großartig. Leider ist es fast unmöglich, seine Frühwerke auf einem legal erworbenen Medium zu bekommen. Aber ich möchte sehen, ob er dieses Meisterstück ein weiteres Mal abgeliefert hat - und allen empfehlen, sich alleine seinetwegen diesen Film anzuschauen.

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