Review

Die jüngste Kinoaufführung des Klassikers des kanadischen Regisseurs Bob Clark („Dead of Night“), der ich beiwohnen durfte, nehme ich zum Anlass, mich etwas ausführlicher zu diesem Film zu äußern, der längst zu einem meiner Lieblingsfilme, in jedem Fall zu meinem Lieblings-(Anti-)Weinachtsfilm, avanciert ist.

Der Horrorthriller „Black Christmas“ ist ein sog. „Prä-Slasher“. Er stammt aus dem Jahre 1974, was bedeutet, dass es zwar schon Filme wie Hitchcocks „Psycho“ oder Bavas „Bay of Blood“ sowie eine Vielzahl Gialli gab, das Slasher-Subgenre aber noch nicht definiert war, was sich erst 1978 mit Veröffentlichung von Carpenters „Halloween“ ändern sollte – einem Film, der deutlich von „Black Christmas“ inspiriert wurde und ursprünglich sogar als dessen Fortsetzung angedacht gewesen sein soll. Somit kann „Black Christmas“ guten Gewissens als Vorreiter der später einsetzenden Slasher-Welle bezeichnet werden.

Die Handlung zeigt, dass „Black Christmas“ gleichzeitig ein Film mit „Hider in the House“- und Telefonhorror-Motiven ist und damit auch andere Filme als klassische Slasher inspirierte: In einem Studentinnenwohnheim gehen zur Weihnachtszeit zunächst obszöne Anrufe ein, woraufhin bald die ersten Morde geschehen – zunächst noch unbemerkt von den Bewohnerinnen. Die Tätersuche gestaltet sich schwierig, dabei befindet sich der Mörder die ganze Zeit im Haus...

Die Angst davor, in seinen eigenen vier Wänden nicht allein und somit nicht sicher zu sein bzw. in unübersichtlichen, verwinkelten Gebäuden mit vielen Räumen unfreiwillig fremden Gestalten Unterschlupf zu bieten, ist weit verbreitet. Diese macht sich Bob Clark, der auch das Drehbuch verfasste, zu nutze für einen nahezu perfekten Horrorfilm, bei dem einfach alles stimmt: Die Darstellerriege ist handverlesen und über jeden Zweifel erhaben, die Kameraführung mit ihren „Point of View-Shots“ visionär, der Schnitt phänomenal, der Gruselanteil im Gegensatz zu vielen Slashern hoch, der Humor lustig statt albern und ohne den Horroranteil zu gefährden integriert worden, das Haus unheilschwanger fotografiert worden, die Musikkulisse mit ihren manipulierten Klavierklängen unbehaglich, die Atmosphäre dicht wie der Nebel in „The Fog“ und unfreiwillige Komik auch nach über 35 Jahren nicht zu finden.

Im Subtext der Handlung wird biedere, frauenfeindliche Spießigkeit aufs Korn genommen, die doch tatsächlich glaubt, dass junge Studentinnen in einem Schwesternwohnheim von Sexualität, Alkohol etc. ferngehalten werden würden. Hieraus resultiert auch der humoristische Teil des Films, der insbesondere in Gestalt der köstlichen Marian Waldmann („Deranged“) als dem Alkohol sehr zusprechende Hausmutter Mrs. MacHenry auftritt. Generell entsprechen die jungen Mädchen in keiner Weise den Klischees braver Klosterschülerinnen, sondern sind selbstbewusst und intelligent, was sich in zahlreichen Dialogen wie beispielsweise dem mit einem begriffsstutzigen Polizisten zeigt, dessen Verballhornung sich ebenso als eine Art „Running Gag“ durch den Film zieht wie Mrs. MacHenrys Alkoholkonsum. Kein Wunder, dass der besorgte Mr. Harrisson, der das Internat nach Verschwinden seiner Tochter Clare aufsucht, aus allen Wolken fällt. Großartig! Das Thema der weiblichen Emanzipation findet sich auch in ernsten Gesprächen wie zwischen Jessy und Peter, so dass „Black Christmas“ keinesfalls in das Klischee sexistischer Frauenmetzelfilme passt. Die Charakterzeichnungen fielen differenziert, sorgfältig und mit einem eher Slasher-untypischen Tiefgang aus, was ein weiterer Punkt ist, der Clarks Film zu etwas Besonderem macht.

Von diesen Aspekten abgesehen, ist „Black Christmas“ ein Paradebeispiel für packende Suspense, Spannung und Thrill, das gänzlich ohne allzu blutige Effekthascherei und sleaziger nackter Haut (trotz einer Vielzahl attraktiver Mädels) auskommt. Die Morde treffen keine unsympathischen Dummbratzen, sondern Sympathieträger, wodurch sie weniger unterhalten als viel mehr erschrecken. Die obszönen Anrufe des psychopathischen Mörders lassen keinen Zweifel an dessen Wahnsinn und sind zumindest in der überaus gelungenen deutschen Synchronisation verdammt furchteinflößend. Durch den meisterlichen Schnitt erschrecken seine Auftritte, obwohl man über weite Strecken nur seine Extremitäten zu sehen bekommt (was allerdings bereits eine sehr schöne Art ist, das „Point of View“-Kameraverfahren anzuwenden). Später sieht man nur sein Auge durch einen Spalt lugen, was in der Art der Umsetzung mithilfe von Kamerazooms Horror in Reinkultur ist. So hat die Kamera allgemein einige unheimliche Schwenks und Fahrten zu bieten und rückt auch immer wieder das Gebäude ins rechte Licht – von innen wie von außen. Zu einem späteren Zeitpunkt sieht man zumindest Teile des Gesichts des Mörders, erkennt ihn aber noch immer nicht genau und kann sich daher auch nicht die Frage beantworten, ob es sich bei ihm um den verdächtigen Freund Jessys, Peter, handelt.

Die Art der Bedrohung, die der Mörder ausstrahlt, ist damit diffus und schwer greifbar. Man kennt weder seinen Namen oder Aussehen, noch sein Motiv. Im Gegensatz zu den Protagonisten weiß man als Zuschauer aber, dass er sich im Haus auffällt und dass beispielsweise Clare längst tot ist – erstickt unter Plastikfolie. Während man also die Ermittlungsarbeiten der Polizei beobachtet und dabei auf John Saxon („Asphalt-Kannibalen“) als souveränen Bullen trifft, hofft man inständig mit den sympathischen Charakteren, dass sie alsbald den gleichen Kenntnisstand erreichen mögen.

Die düsteren Klavierklänge unterstreichen die Stimmung des Films optimal und stellen gleichzeitig einen Bezug zum Hauptverdächtigen Peter dar, der eine Karriere als Konzertpianist anstrebt. Das ruhige Erzähltempo ist der Entfaltung der einzigartigen Atmosphäre des Films zuträglich, langweilig wird es dabei nie. Clark lädt sein Publikum dazu ein, den Grusel seines Films zu genießen und nicht durch Hektik oder Vorgaukeln einer Dynamik, die die Handlung gar nicht hergibt, in Anspannung zu versetzen, sondern rein durch sein Geschick für Suspense, vor dem sich Hitchcock knietief verbeugt hätte (oder hätte müssen oder hat?). „Black Christmas“ ist ein mindestens so zeitloser Klassiker wie Carpenters „Halloween“, der nach wie vor einwandfrei funktioniert, dem der Zahn der Zeit im Gegensatz zu einigen Slashern nichts anhaben konnte. Das Verwirrspiel um den Täter wird konsequent bis zum Ende durchgehalten, das derart gestaltet wurde, dass Clark sein Publikum nicht von seinem diffusen Angstgefühl erlöst, sondern es es mit nach Hause nehmen lässt. In die eigenen vier Wände. Von denen man genau weiß, wer sich darin aufhält. Oder doch nicht...?

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