Ganz im Festtagssinne arbeite ich mich gerade an einigen Klassikern des abseitigen Weihnachtsfilmes (größtenteils Horror Produktionen) ab und werde bisher sehr positiv überrascht. Nach "Night Train" habe ich nun "Jessy - Die Treppe in den Tod" meine ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt - in schönstem Kitschpapier verpackt und mit Schleife versehen versteht sich - und bin positiv beeindruckt. Ich habe mit wesentlich einfallsloserer, langatmigerer Kost gerechnet, aber der Film, den ich bisher nur trailerseitig kannte besticht mit so einigen Qualitäten, die man vielleicht in italienischen Mordballetten Bava Scher Prägung vermuten, aber niemals in einem kanadischen Kleinstbudgetschocker verorten würde. Jepp, nicht nur die Italiener können Giallo.
Gut, ein reinrassiger Gelbfilm ist der Streifen nicht, aber doch ein ganzes Stück näher dran als herkömmliche Fließbandslasher.
Nach einer feuchtfröhlichen Weihnachtsfeier im Mädchenwohnheim einer Universität mit reichlich Gelächter und perversen Anrufen verschwindet neben einer Mitst udentin und der krabatzigen Haushälterin (eine sympathische alte Saufziege mit der unverwechselbaren Rauchstimme Paula Lepas als Synchronorgan) ein junges Mädchen aus der angrenzenden Stadt. Zu allem Überfluss liegt Studentin Jessy Bradford, Schwesternschaftsmitglied, mit ihrem Macker im Clinch, der von ihrer "Mein Körper, meine Wahl" - Politik so gar nichts hält und auf die Geburt des gemeinsamen Kindes pocht, dass Jessy ums Verrecken nicht will.
Der Heiligabend rückt näher, die Anrufe häufen sich und die überforderte Polizei, die bereits auf zivile Helfer zurückgreifen muss, um den Betroffenen auch nur ansatzweise eine Hilfe zu sein, tappt im Dunkeln, während der Killer Jessy und ihren verbliebenen Mitschwestern immer dichter auf die Pelle rückt.
Daher kommen also die ganzen Slasherklischees her: Bilder aus der Stalkerperspektive, saftige Mordszenen und das unvermeidliche "Geh bloß nicht die Treppe rauf!" - Klischee, dass bereits in seligen "Scream" - Tagen ein schlechter Witz war wurden hier populär gemacht. Viele Einstellungen erinnern jedoch mehr an Argento und Co. denn an John Carpenter und die Riege der Amischlitzer: durch Türspalte starrende Augen, die oben erwähnte Stalkerkamera und die Szene mit dem gläsernen Einhorn (Kenner des Filmes werden sich erinnern) schreien eigentlich nur nach Lederhandschuhen und Goblin- Soundtrack, aber funktionieren auch ohne diese Elemente hervorragend. Auf der anderen Seite aber ziehen die krabatzigen Studentinnen und ihr Repertoire an brand'schen Klopfsprüchen den Film dann wieder an die Ufer typischer US-Reißer zurück, wo selbst die Gesetzeshüter es sich nicht nehmen lassen, während ihrer Bürozeiten über doofe Sexwitzchen zu gibbern und Bürgerwehrler während der Suche nach einem verschwundenen Kind den ein oder anderen Haustürflirt riskieren.
An der Stelle lobe ich mir die kiebige deutsche Fassung, in der nicht nur die Sprecher aus der deutscheb Synchronelite der 70er handverlesen wurden (Schultze, Dannenberg, Miedel, Duwner - das niederzuschreiben treibt mich wieder and en Rand des nächsten Fangasms), sondern auch die Übersetzung angemessen schmierig ausgefallen ist: im Gegensatz zum Gänsebraten von Onkel Wilfried und Tante Margot ist hier gar nichts trocken, vor allem die versoffene Haushälterin der Studiebagage nicht: die zieht während ihrer kurzen Halbwertszeit im Film für zehn weitere Charaktere vom Leder, dass selbst dem Präsidenten der Bierkutschergewerkschaft der Kiefer aus der Verankerung fallen würde.
Oder anders gesagt: der Film hat sich in meiner Pflichtprogrammliste breitgemacht und wird dort noch lange nachdem der letzte Glühwein geschluckt und der letzte Keks zerbröselt ist gemütlich ruhen bis er mir zum Halse raushängt. Was so schnell nicht sein wird.