Review

Staffel 1

Es gibt natürlich unzählige Sherlock-Holmes-Verfilmungen und mindestens ebenso viele Darsteller. Einige traten sogar noch zu Lebzeiten seines Erfinders Arthur Conan Doyle's auf-wie z.B. John Barrymore. So ziemlich jedes Land hat in den kommenden Jahren seine Version des Über-Detektivs erzählt-ja, selbst in der damaligen Sowjetunion kam man um den Meister des deduktiven Verstands nicht umhin. So kamen bis heute viele illustre Namen auf die Leinwand, um sich mit der Darbietung ihres Holmes zu schmücken-sei es in Persiflagen ein Roger Moore oder auch der gute Nicol Williamson in dem aberwitzigen The Seven-Per-Cent-Solution (Kein Koks Für Sherlock Holmes); in reinen Komödien wie Without A Clue (Genie Und Schnauze) mit einem gut aufgelegten Michael Caine an der Seite des eigentlichen Genies Dr. Watson-gespielt von Ben Kingsley und z. B. auch Gene Wilder's  überkandidelter The Adventure Of Sherlock Holmes' Smarter Brother (Sherlock Holmes Cleverer Bruder) oder die leider zerstückelte Krimikomödie seines österreichischen Namensvetters Billy Wilder The Private Life Of Sherlock Holmes (Das Privatleben Des Sherlock Holmes) mit dem hervorragenden Robert Stephens oder wirklich spannende Thriller wie A Study In Terror (Sherlock Holmes' Größter Fall) mit John Neville und natürlich die Hammer-Produktion The Hound Of The Baskervilles (Der Hund Von Baskerville) mit Peter Cushing.

Letztere ist auch die meist verfilmte Geschichte eines Doyle-Romans, zu der es jedoch nur kam, da man den Autor erst dazu überreden musste, seinen toten Helden nach knapp zehn Jahren Anfang des 20. Jahrhunderts wieder zu reanimieren. Diese Episode ist es auch, die den wohl bekanntesten Holmes-Darsteller hervorbrachte-nämlich Basil Rathbone, der zuvor meist auf Schurken-Rollen abonniert war. Bis Mitte der 40er Jahre war er die unumstrittene Holmes-Figur; jedoch gab es den erheblichen Makel, dass nach den ersten beiden Filmen nun die Firma Universal produzierte und Holmes in Kampf gegen die Nazis (!) stellte. Dass es um 1900 noch keine Nazis im bekannten Sinne gab, ist natürlich klar, aber ist dies nicht das entscheidende Manko dieser sehr patriotisch angelegten Filme zu dieser Zeit. Oftmals fehlt einfach die Rafinesse oder schlicht ein gutes Drehbuch, um wirklich spannend oder wenigstens interessant zu sein- auch steht der von Nigel Bruce verkörperte Dr. Watson stets als Trottel gegenüber dem arroganten Holmes dar und man fragt sich, wie dieser überhaupt zu seiner Approbation gekommen ist und warum sich ein so überaus intelligenter Geist wie Holmes so jemanden als Gefährten hat, dem er ständig alles erklären muss.

Und hier kommen wir auch zu einem der vielen Vorteile der ab 1983 produzierten Serie. In dieser ersten Staffel The Adventures Of Sherlock Holmes spielt James Burke den noblen Dr. Watson, der stets mit seinem gesunden Menschenverstand seinem Freund mit Rat und Tat zur Seite steht. Fast zum ersten Mal wird sein Dr. Watson als eine wirklich interessante und entscheidende Figur präsentiert, die nicht nur als bloßer Stichwortgeber funktioniert und so zur Klärung des einen oder anderen Falls maßgeblich beiträgt.
Alles überragen tut letztendlich dann aber doch der zumindest in dieser Rolle unvergessene Jeremy Brett als Holmes. Wohl keinem Darteller vorher ist es so hervorragend gelungen, Doyle's Figur mit solcher Präzision zu verkörpern. Hat man Brett einmal in der Rolle gesehen, kann man sich schwer einen anderen darin vorstellen. Er stellt Holmes nicht einfach als einen übermenschlichen Intelligenzbolzen ohne jegliche Gefühle dar, der in allem, was er tut, unfehlbar ist. Immer wieder kommen liebevolle Manierismen zum Vorschein, die zeigen, wie sehr er selbst auch manchmal an sich zweifelt-wenn auch meist zu Unrecht. Seine Darstellung gestaltet sich als Abschottung gegenüber der restlichen trivialen Welt, ganz einfach, um im Anschein einer arroganten Überheblichkeit besser kombinieren und logisch denken zu können-ein Verhalten, das letzten Endes natürlich auch auf seinen persönlichen Charakter und in den Umgang mit seinen Mitmenschen abfärbt. Er ist nicht einfach nur eine rational handelnde Maschine; sein sensibles Gespür für Gerechtigkeit geht sogar so weit, dass er auch Mal einen kleinen Dieb laufen lässt, wie z.B. in der Folge Der Blaue Karfunkel (8 / 10). Auch kommen hier so einige Abgründe des Detektivs erstmals ans Tageslicht-so muss Watson immer mal wieder Holmes bezüglich seines gelegentlichen Morphium-oder Kokain-Konsums zurechtweisen.

Insgesamt muss man den Machern ein großes Lob für die Detailtreue aussprechen, das alte viktorianische England wiederauferstehen zu lassen. Kostüme, Kulissen, einfach alles ist bis ins Kleinste genau nachempfunden, insbesondere die Vorlagen von Conan Doyle, die akribisch genau umgesetzt wurden. Und hier liegt vielleicht die einzige Schwäche. Die Tatsache, dass man sich haargenau ans Buch hält, geht doch so manches Mal auf Kosten der Spannung. Man kann halt ein Drehbuch nicht genauso schreiben wie einen Roman, weil beim Lesen ganz andere Bedingungen herrschen und andere Komponenten gegenüber einer dementsprechenden Verfilmung bevorzugt werden müssen und eben umgekehrt müssen im Buch anscheinend spannend zu lesene Szenen adäquat umgeschrieben werden, damit sie auch auf der Leinwand funktionieren. Hält man sich sklavisch an die Vorlage, dann kommt zwar vielleicht eine kongeniale Umsetzung dabei heraus, aber gleichzeitig fehlt es ihr einfach an Schwung und Spannung und kommt somit nicht richtig in Gang, wie z.B. geschehen in Ein Skandal In Böhmen (5 / 10) oder Ein Marineabkommen (4 / 10), zwei Folgen, die, um es milde auszudrücken, nur sehr gemächlich und zäh voranschreiten, da doch im Original sehr viel auf verbaler Ebene gehandelt wird-hält man sich genau daran, wird der Freiraum doch schon sehr eingeschränkt.
Ganz anders wiederum bei Interpretationen, die genügend Spielraum für Improvisationen lassen-wie Das Gefleckte Band (9 / 10) oder Das Haus Zu Den Blutbuchen (9 / 10) mit der kürzlich verstorbenen Natasha Richardson.
Ebenfalls zu den interessanteren Episoden zählen Der Dauerpatient (8 / 10 ), mit einem sehr gruseligen Anfang, Der Baumeister Von Norwood (8 / 10) und Die Einsame Radfahrerin (9 / 10). Um Holmes' vorzeitiges Ableben vorzubereiten, wird es in Der Liga Der Rothaarigen Männer (6 / 10) etwas komplizierter, da hier zum ersten Mal-leider zum ersten Mal-sein Erzfeind Moriarty etwas lieblos eingearbeitet wird, um dann in Sein Letzter Fall (6 / 10 ) seinen vorläufigen Abschluss und Höhepunkt zu finden.

Der große Jeremy Brett, der einmal meinte, so gar nicht in die Rolle des Holmes zu passen, war schon zuvor kein unbeschriebenes Blatt. Im Alter von gerade mal 20 Jahren stand er bereits in dem Monumentalschinken War And Peace (Krieg Und Frieden) neben Henry Fonda, Audrey Hepburn und Mel Ferrer vor der Kamera und ebenso rund 10 Jahre später aufgrund seiner schönen Gesangsstimme in der erfolgreichsten Musical-Verfilmung aller Zeiten in My Fair Lady- wieder neben Audrey Hepburn. In der folgenden Zeit konzentrierte er sich mehr aufs Theater und war so u.a. als Hamlet, Dracula und auch als Dr. Watson zu bewundern! Es folgte eine Miniserie als Max de Winter in Rebecca, bevor er mit den Sherlock-Holmes-Verfilmungen zum Synonym des scharfsinnigen und schnellen Denkers wurde. Ein Charakter, der ihn bis zu seinem frühen Tod gefangen nahm und den er vor allem nach dem Tod seiner zweiten Ehefrau, als er begann, an manisch-depressiven Attacken zu leiden, auch privat kaum noch ablegen konnte.

Hier also die ersten 13 Episoden, die wunderschön fotografiert wurden, mal mehr, mal weniger spannend sind, die aber vor allem den besten Holmes der Filmgeschichte als Hauptfigur zum Inhalt haben.

7 / 10 Punkte

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