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Ende 1963 stockte der britischen Bevölkerung der Atem: Bei einem groß angelegten Überfall auf einen Post-Zug wurden Millionen entwendet, die Täter entkamen sang- und klanglos. Das Verbrechen verursachte ein kräftiges Medienspektakel in welchem der findige Horst Wendlandt sofort die Chance sah, „auf den Zug aufzuspringen“ und das Drehbuch des nächstgeplanten Wallace-Filmes entsprechend überarbeiten ließ.

Der fertige Film- nach fast dreijähriger Wallace-Pause endlich wieder von Harald Reinl inszeniert- beinhaltet neben dem Gerüst des Postraubes auch noch eine Pararallel-Handlung. Die Geschichte um die Frauenmorde im Londoner Rotlicht-Milieu wirkt der arg konstruierten und vor allem Who-done-it untauglichen Überfalls-Thematik als eruptiver und psychologischer Part entgegen, der dann auch die Auflösung am Ende besorgen darf. Nebenbei bemerkt eine der schockierendsten Enthüllungen der Wallace-Filme, die in einem weiteren Novum resultiert: Dem einzigen tragischen Ende der Reihe, das nachhaltig im Gedächtnis bleibt, jedoch damals wie heute viele Fans vor den Kopf stößt.

Der verruchte Schauplatz des Highlow-Clubs, in dem auch einige äußerst zahme Striptease-Szenen stattfinden, die vergleichsweise explizite Darstellung des blutigen Mordes an Wanda, und schließlich die psychologische Erläuterung des Mordmotivs (ebenfalls neu: ein Kindheitstrauma) sprengten den damals ohnehin geringen Gutwillen der FSK. Als erster Wallace-Film erhielt „Zimmer 13“ eine FSK 18 und war damit beinahe schon zum Scheitern an der Kinokasse verurteilt, anders als heutzutage wo „Keine Jugendfreigabe“ die neugierigen Massen anzieht wie ein Magnet.

Das Zusammenspiel der beiden Handlungsstränge funktioniert ausgezeichnet. Da Harald Reinl ohnehin- im Gegensatz zu seinem oftmals unentschlossenen Kollegen Alfred Vohrer- über ein besonderes Gespür für inszenatorische Rasanz verfügte, ist der Film überaus temporeich ausgefallen; dazu sind beide Motive geschickt miteinander verflochten und laufen nicht aneinander vorbei, Reinl steuert mit einem handwerklich soliden Spannungsaufbau auf das große Finale und die Durchführung des Postraubes zu. Zusätzlicher Pluspunkt sind hierbei die Außenaufnahmen, die fast ausnahmslos in Dänemark gedreht wurden und dem Film einen ganz eigenen Charme verleihen, der vergessen lässt, das man hier gänzlich auf echte London-Aufnahmen verzichtet hat. Reinls Stammkameramann Ernst Wilhelm Kalinke weiß das Scope-Format zwar nicht ganz so gut zu nutzen wie seine Kollegen innerhalb der Wallace-Reihe (verwunderlich, konnte er doch mit den drei Winnetou-Filmen, die er zuvor fertigte ausreichend Erfahrung sammeln) liefert aber auch Qualitätsarbeit ab, ebenso wie Komponist Peter Thomas, der sein Können hier aber nicht voll ausschöpft, auch wenn sich sein Titelthema, ein beschleunigter Blues, dem Tempo des Films hervorragend angleicht.

In den Hauptrollen ist Deutschlands damaliges Krimi-Traumpaar Nummer 1 zu sehen: Nach ihrem gemeinsamen Auftritt in „Die Bande des Schreckens“ (1960, ebenfalls von Reinl) hatte man Joachim Fuchsberger und Karin Dor zum neuen Super-Duo auserkoren, ein Status der mit ihren Besetzungen in „Der Teppich des Grauens“ und „Die weiße Spinne“, zwei an den Rialto-Produktionen orientierten Krimis, gefestigt wurde. Der Dialog und das markante Spiel der Beiden macht auch hier wieder große Freude und man bedauert es einmal mehr, das dieses Treffen innerhalb der Wallace-Reihe nur zwei mal stattfand. Gewohnt souverän ist Walter Rillas Performance ausgefallen der hier interessanterweise nach „Der Fälscher von London“ (1961) erneut den besorgten Vormund von Karin Dor gibt und die Verzweiflung des in die Enge getriebenen Sir Robert trefflich zum Ausdruck bringt. Der negative Gegenpart des Joe Legge wird von dem kurz darauf verstorbenen Richard Häussler charismatisch verkörpert der hier seinen dritten und besten Auftritt bei Wallace hinlegt. Die Besetzung der Nebenrollen weiß allerdings nicht durchgehend zu überzeugen: Die eher klamaukigen Auftritte von Bruno W. Pantel stören, Eddi Arent kann nicht an vormalige humoristische Glanzleistungen anknüpfen und wirkt stellenweise zu exaltiert. Benno Hoffmann als Blackstone Edwards und Hans Clarin (ja, der der später den Pumuckl gesprochen hat) als verschlagener Club-Manager Igle machen ihre Sache aber hervorragend, ebenso wie Erik Radolf als stets bekümmert und schlimmes ahnend dreinguckender Butler Ambrose.

Trotz einiger Schwächen im Drehbuch und dem stellenweise etwas aufdringlichen Slapstick-Humor ist „Zimmer 13“ in meinen Augen eines der großen Highlights der Wallace-Reihe, deutlich temporeicher und düsterer als die meisten anderen Verfilmungen aus dieser Phase, begeht der Film durch das Fehlen eines Happy End und die Verquickung zweier völlig unterschiedlicher Handlungsstränge einen angenehmen Bruch mit seinen Vorläufern und bleibt dabei dennoch in sich geschlossen und spannend. Abgerundet wird das ganze von der wahrlich delikaten Besetzung und der gelungenen visuellen Umsetzung. Zeugnis einer Zeit, in der das deutsche Kino noch im Stande war, Unterhaltungsfilme auf hohem Niveau zu produzieren.

Von mir als leidenschaftlichem Edgar Wallace-Fan gibt es subjektive 9/10.

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