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Es ist Nacht, und das Ehepaar begibt sich zu Bett. Bald sind die beiden eingeschlafen. Es ist ruhig im Haus, doch diese Ruhe ist trügerisch. Im Nebenzimmer schläft tief und fest ihre Tochter. Neben der Kleinen ruht bewegungslos die Puppe, die sie vor kurzem geschenkt bekommen hat. Da bewegt sich die Puppe plötzlich, krabbelt vorsichtig unter der Decke hervor, richtet sich auf. Sie greift unter ihr Gewand und holt eine lange, spitze Nadel hervor, die sie begutachtet, bevor sie sie wieder einsteckt. Nach einem Blick auf das schlafende Kind schleicht sich die Puppe davon, durchquert das Zimmer, sieht sich ein letztes Mal um und öffnet vorsichtig die Tür. Durch den Spalt schlüpft das fast einen Meter große Ding in den Korridor. Dort holt die Puppe erneut ihre Waffe hervor, packt sie entschlossen und betritt den Raum des schlafenden Paares. Leise und zielstrebig schleicht sie sich an, nicht das geringste Geräusch verursachend. Der Mann schläft unruhig. Vielleicht spürt er gar die Bedrohung? Die Puppe nähert sich Meter um Meter, die Schlafenden nicht aus den weit geöffneten, starren Augen lassend. Neben dem Mann klettert sie aufs Bett, bringt sich in Position, setzt das spitze Ende der Waffe mit der linken Hand über dem Herzen an. Dann sticht sie gnadenlos zu. Langsam gleitet die lange Nadel in den Körper des Opfers, mitten ins Herz. Der Mann öffnet noch erschrocken die Augen und krümmt sich kurz. Doch es ist längst zu spät. So lautlos wie sie gekommen war verläßt die Puppe wenig später wieder das Zimmer.

Diese schöne Sequenz ist nur eine von zahlreichen gelungenen Gruselmomenten in Benito Alazrakis stimmungsvoller Schauermär Muñecos infernales aus dem Jahre 1960. Erzählt wird die Geschichte einer grausamen Rache, welche nicht nur die Mitglieder einer verhängnisvollen Expedition dahinrafft, sondern auch deren Freunde und Verwandte. Bei ihrem Aufenthalt in Haiti haben die Archäologen nämlich leichtsinnerweise eine heilige Statue entwendet, und die Strafe für diesen Frevel folgt auf dem Fuße. Dafür sorgt Zandor (Quintín Bulnes), ein Voodoo-Priester, der die Expeditionsteilnehmer mit einem Fluch belegt. Mithilfe von kindergroßen Puppen, welche er nach seinen Opfern gestaltet und denen er unseliges Leben einhaucht, setzt er sein Vorhaben in die Tat um. Ebenfalls behilflich ist ihm dabei ein hünenhafter Zombie, der ihm aufs Wort gehorcht und unverwundbar zu sein scheint. Die Ärztin Karina (Elvira Quintana) und ihr Kollege Armando (Ramón Gay), die mit den verfluchten Forschern befreundet sind, nehmen den Kampf gegen die mörderischen Puppen und ihren Herrn und Meister auf. Der größte Pluspunkt des bisweilen sehr geschwätzigen Filmes sind die Puppen. Holla die Waldfee, sind die creepy! In den Szenen, wo sie sich bewegen, werden sie von Kleinwüchsigen gespielt, wobei ihre Gesichter maskenhaft starr und die Augen weit geöffnet sind. Außerdem sind sie völlig stumm. Die einzige Möglichkeit, sich irgendwie mitzuteilen, ist somit verzweifeltes Gestikulieren, was für einen der denkwürdigsten Momente des Streifens sorgt.

Auch wenn die Darsteller sehr solide agieren, so sind es doch die Puppen, die Muñecos infernales ihren Stempel aufdrücken. Regisseur Benito Alazraki und Drehbuchautor Alfredo Salazar geben ihnen viel Screen Time, und ihnen gelingen einige höchst effektive Szenen. Da schleicht sich eine Puppe von hinten an eine telefonierende Krankenschwester heran und rammt ihr eine Nadel in den Hals. Da wird unsere Heldin Karina im Bett von zwei Puppen bedroht und beobachtet starr vor Schreck und mit angstgeweiteten Augen ihr unaufhaltsames Näherkommen (übrigens die einzige Szene, in der sie sich wie eine "typische" Frau in einem Horrorfilm verhält; ansonsten hat sie die Hosen an und sagt, wo es langgeht!). Da erweckt Zandor mit einem schwarzmagischen Ritual eine neue Puppe, indem er Blut aus einem menschlichen Herzen auf sie tröpfelt. Da gerät die Tochter des Hauses in Lebensgefahr, weil sie zur falschen Zeit in die Küche marschiert (eine tolle Suspense-Szene). Und da nehmen Karina und Armando eine Puppe unter die Lupe, trennen ihren Kopf ab und öffnen ihre Brust. Aber auch abseits des Puppenterrors hat der Film ein paar tolle Momente zu bieten. Zum Beispiel schleicht sich Karina in Zandors Anwesen, erkundet die Räume und ahnt nicht, daß der Zombie ihre Anwesenheit bereits registriert hat. Überhaupt ist das eingefallene, mumifizierte Gesicht des Untoten gut gelungen, und daß mit diesem Monster nicht gut Kirschen essen ist, müssen einige Polizisten auf die harte Tour lernen. Das feurige wenn auch nicht wirklich logische Finale rundet diesen schönen Gruselstreifen, der so gar nichts mit mexikanischen Trash-Heulern à la Night of the Bloody Apes oder den Santo-Streifen zu tun hat, befriedigend ab.

Ob nicht nur die Archäologen im Film sondern auch die beiden Hauptdarsteller verflucht waren, ist mir nicht bekannt. Zumindest war ihnen das Schicksal ganz und gar nicht hold, und sie mußten die Bühne des Lebens viel zu früh verlassen. Die gebürtige Spanierin Elvira Quintana, eine statueske Schönheit vom Kaliber einer Edwige Fenech, litt ab Herbst 1967 an Pankreatitis und bekam infolgedessen Probleme mit den Nieren. Sie starb am 8. August 1968 an einer zerebralen Embolie, welche wohl durch die Nierenkrankheit ausgelöst wurde. Sie wurde keine 33 Jahre alt. Noch schlimmer traf es Ramón Gay, der nicht einmal die Premiere von Muñecos infernales miterleben durfte. Er wurde am 28. Mai 1960 vom eifersüchtigen Ehemann einer Frau, mit der er sich traf, erschossen. Muñecos infernales wurde von März bis April 1960 in den Estudios Churubusco in Mexiko gedreht. Regisseur Benito Alazraki verzichtet auf humorige Einlagen ebenso wie auf unnötige Nebenplots. Er konzentriert sich auf das Wesentliche und setzt dieses gekonnt, unheimlich und atmosphärisch in Szene. Selbst sich bewegende, verknotete Voodoo-Schnüre, genannt "Sorcerer's Ladder", oder der Zombie, welcher die Puppen manchmal mit Flötenspiel "dirigiert", wirken kein bißchen lächerlich. Für sein Drehbuch ließ sich Alfredo Salazar wohl stark vom 1932 erschienenen Roman Burn Witch Burn! (Flieh, Hexe, flieh! bzw. Die Puppen der Madame Mandilip) des amerikanischen Autors Abraham Merritt oder von Tod Brownings Klassiker The Devil-Doll (Die Teufelspuppe, 1936) "inspirieren". Nicht gerade die feine englische Art, aber wenn so ein toller Film dabei herauskommt, sei ihm das verziehen.

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