Review

Klassische Western sind ja seit vielen Jahren nicht mehr besonders interessant. Einzig Spätwestern a la „Erbarmungslos“ oder die Italo-Western spielen heute noch eine Rolle. Auch hier im OFDb kümmert man sich eher um die 6. Fortsetzung von „Django“ bevor man sich mit einem „alten“ Western beschäftigt.

Dabei vergißt man, daß sich alle diese stilisierten Western, die immer besonders dreckig sind und deren „Helden“ auch keine Waisenknaben sind, weil die Welt nun mal ach so schlecht ist, auch nicht aus dem Nichts kamen.

Schon in den 50er und frühen 60er Jahren kam es zu Veränderungen beim typischen Cowboy-Film. Ob das nun mit Zinneman’s „12 Uhr mittag“ begann, wo zum ersten Mal dem aufrechten Helden die Solidarität seiner Umgebung entzogen wurde, kann ich nicht genau sagen, aber „Das weite Land“ ist auf jeden Fall ein wichtiger Meilenstein in dieser Entwicklung.

Im Gegensatz zu den sonst üblichen saftigen Weiden und grünen Wäldern ist die Weite in diesem Land wörtlich zu nehmen. Es ist eine karge Steppenlandschaft mit nur wenigen Bäumen, deren Weite wirklich bis zum Horizont reicht. Die kleinen Ansiedlungen liegen immer in staubigen Ebenen ohne irgendwelche Grünpflanzen oder teilweise innerhalb von felsigen Gebirgstälern.

Entsprechend begehrt ist die einzige Wasserstelle, die auf dem Grundstück der Familie Marrigan liegt. Traditionell hatte Vater Marrigan den benachbarten Ranchern Hennessy und Redder den Zugang zu der Quelle gewährt, aber seit seinem Tod wird das Land nicht mehr bearbeitet, da seine alleinige Besitzerin Julie Marrigan (Jean Simmons) als Lehrerin in dem kleinen Ort San Rafael arbeitet.

Rufus Hennessy und der Major, die beiden Oberhäupter der Familien sind schon ewig miteinander verfeindet und gönnen dem jeweils anderen nicht das Geringste, so daß sie jeweils versuchen Julie Marrigan ihr Land abzukaufen. Das hätte zur Folge ,daß die Anderen dann kein Wasser mehr für ihre Rinder hätten....

Ohne etwas von dieser schwierigen Situation zu ahnen kommt James McKay (Gregory Peck) nach San Rafael, da er sich in Baltimore in Pat (Carrol Baker), die Tochter des Major ,verliebt hatte und sie im Kreis ihrer Familie heiraten will. Hier wird er von Steve Leech (Charlton Heston) abgeholt, dem Vorarbeiter von Major’s Ranch.

Als er dann zusammen mit Pat in der Kutsche zur Ranch ihres Vaters fährt ,wird er vom ältesten Sohn der Familie Hennessy (Chuck Connors) und seiner Bande belästigt, die ihn für ein Greenhorn halten.

McKay läßt das über sich ergehen ohne sich provozieren zu lassen, doch der Major schart eine Truppe seiner Leute um sich, um dieses Verhalten einem seiner Gäste gegenüber zu bestrafen. McKay schließt sich diesem Rachefeldzug, den er für übertrieben hält ,nicht an und stößt dabei bei allen Beteiligten auf Unverständnis.

Auch seine Verlobte Pat hält ihn immer mehr für einen Feigling....

Das Besondere an diesem Film ist, das nichts so ist wie es scheint. Der Film spielt bewußt mit den Erwartungshaltungen an einen Western...

Gregory Peck spielt einen Gentleman aus den Nordstaaten, normalerweise Kapitän eines Schiffes, der sich auf fremdes Terrain wagt. Da er sich nicht an die Grundregeln des normalen im Westen der USA lebenden Mannes hält, wird er sofort als unfähig und feige eingeschätzt.

Gregory Peck trägt im gesamten Film keinen Revolver und schießt nur einmal in die Luft, ein für damalige Western völlig ungewöhnliches Verhalten für den Hauptdarsteller. Charlton Heston dagegen verhält sich völlig genregerecht und gibt den harten Cowboy, der sowohl mit der Faust als auch dem Colt umzugehen versteht und sich die Frauen mit Selbstbewußtsein nimmt.

Doch hier verändert sich merklich die Wertung dieser Verhaltensmuster und der Film zeigt, daß der wahre Mut, heute würde man sagen „Coolness“, in einer konsequenten und selbstbewußten Haltung liegt.

Ein absolutes aktuelles Plädoyer, denn auch heute gilt ja vor allem Derjenige am meisten, der die Erwartungshaltung der Masse – die natürlich gruppenspezifisch unterschiedlich ausgerichtet sein kann - erfüllt.

Diese Differenzierung ermöglicht der Film durch die feine Charakterisierung der Protagonisten. Dazu nutzt der Film, angemessen zu dem weiten Land in dem er spielt, seine epische Breite von fast 3 Stunden Länge.
Es gibt nur wenige eindimensionale Charaktere und mit der fortschreitenden Laufzeit erkennt man sowohl Qualitäten in der primitiv wirkenden Familie Hennessy wie auch Schattenseiten in der so nobel erscheinenden Familie des Major. Und auch Mc Cabe muß sein eigenes Frauenbild überdenken....

Im Grunde handelt es sich bei diesem Film, der trotz seiner Länge immer spannend und abwechslungsreich ist, sich aber auch Zeit läßt und damit die unendliche Weite des Landes erfahrbar macht, um einen Abgesang auf den typischen Western.

Er beschreibt die Zivilisierung des „Wilden Westen“, indem er den disziplinierten, selbstbewußten Menschen, der sich für Versöhnung ohne Gewalt einsetzt, moralisch über die zur Waffe greifenden Tatmenschen stellt.

Natürlich hatten Westerner wie John Wayne, wenn sie mit der Waffe das Gesetz vertraten, immer das Recht und die Moral auf ihrer Seite. Aber das war immer eine sehr eindimensionale Betrachtungsweise, eine einfache nachvollziehbare Struktur.
Aber genau das haben die späteren Italo-Western ad absurdum geführt, in dem sie beschrieben, daß das Recht hauptsächlich beim Stärkeren lag, der dieses dann zu seinem Vorteil ausnutzte und das wird - wie man im Einzelnen auch über diese Filme denken mag – sicherlich der Realität näher kommen.

Im „Weiten Land“ nimmt man die Grundhaltung der späteren Italowestern voraus : das Land ist karg und staubig und als „Recht“ gilt das, was der Einzelne für „Gerecht“ hält und es dem entsprechend mit der Waffe durchsetzt.

Nur zieht der Film daraus völlig andere Schlüsse, indem er positiv vermittelt, daß eine friedliche Coexistenz möglich ist, genauso wie ein Verhalten, daß vor allem der Eigenverantwortung geschuldet ist und nicht der Erfüllung einer allgemeinen Erwartungshaltung.

Ein tröstlicher Gedanke ,auch wenn das sicherlich auch heute noch nicht gänzlich erfüllt ist, am Ende dieses grandiosen „klassischen Western“ (10/10).

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