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Steven Spielberg ist einer der wenigen Regisseure, die das Glück haben, drehen zu können, was sie wollen. Mit genug Geld, einer eigenen Produktionsfirma und dem Recht zum "Final Cut" kann er sich die Stoffe und die Art der Inszenierung schon seit vielen Jahren selbt aussuchen.
Umso verwunderlicher ist es, dass er gerade jetzt das Thema der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München und deren Folgen thematisiert, vorallendingen wenn man bedenkt, dass die Geschichte, die er erzählt bis auf wenige Anhaltspunkte fiktional ist.
Dieser Fakt ist für viele Kritiker schon Grund genug, den Film von vornherein zu verdammen. Die Frage ist doch, hat ein Regisseur, der mit seinen Filmen millionen Menschen auf der ganzen Welt erreicht, die Pflicht, die Wahrheit zu erzählen oder ist nur die Aussage wichtig, die seine Filme letztendlich haben. Eigentlich sollte ersteres der Fall sein, gerade bei einem Thema, was historisch gesehen so nahe liegt und so in die heutige Zeit übergreift wie der Kampf zwischen Israelern und Palästinensern.
Nicht so für Spielberg: Sein Drehbuch basiert auf dem "Tatsachenbericht" eines Schwindlers, der schon in den 80ern als ein solcher enttarnt wurde. Diese Tatsache wirft leider einen sehr dunklen Schatten auf den Film und war für viele Grund genug, ihn abzulehnen.
Leider wird dabei vergessen, dass der Film künstlerisch ein Geniestreich ist. Steven Spielberg zeigt einmal mehr, dass er einer der talentiertesten Regisseure unserer Zeit ist und brennt zusammen mit seinem Stamm-Kameramann Janusz Kaminski ein Feuerwerk an rasanten Bildern ab, die in ihrer Qualität seine vorherigen Werke stellenweise noch übertreffen. Die Inszenierung der einzelenen Auftragsmorde ist unheimlich spannend geraten und sogar einfache Dialogszenen werden durch lange Kamerafahrten, wenig oder sogar keine Schnitte und diverse andere Spielereien zum optischen Leckerbissen.
Das hohe Niveau, was die Inszenierung vorlegt, hält auch die Darstellerriege, die fast komplett aus europäischen Schauspielern gecastet wurde und sehr lebensecht und glaubwürdig spielt. Einzige Ausnahme, leider und ironischerweise, die Hauptfigur, gespielt von Eric Bana. Bana ist kein schlechter Schauspieler, schafft es aber den Zwiespalt seines Charakters nur mit Hilfe der Inszenierung und leicht übertriebenen Gefühlsausbrüchen dem Zuschauer einzuhämmern. Das subtile Spiel mit der Mimik, wie es zum Beispiel Spielbergs Liebling Tom Hanks so oft und so leicht hinbekommt, ist nicht sein Ding, wodurch er den ganzen Film über etwas hölzern und nicht immer ganz überzeugend wirkt.
Richtig problematisch wird es dafür bei der Gewaltdarstellung, die Spielberg diesmal auf die Spitze getrieben hat. Man hat dabei allerdings nicht das Gefühl, dass er endlich "erwachsen" geworden ist, sondern das Gegenteil ist der Fall: Er scheint in die Pupertät zurückgefallen zu sein. Ist es denn notwendig, in Nahaufnahme zu zeigen, wie einem Sportler die Wange weggeschossen wird? Wie ein anderer von Kugeln förmlich zersiebt wird? Wie eine Frau nackt und röchelnd langsam vor dem Augen des Zuschauers verblutet? Spielberg hat in "Schindlers Liste" schließlich auch nicht gezeigt, wie die Juden vergast werden (auch wenn er sich mit diesem Thema einen schlechten Scherz erlaubt hat), warum hat er derartige Mittel also jetzt nötig?
Unterstützt durch die wie immer superbe und diesmal sogar sehr ungewöhnlich geratene Musik von John Williams liefert er mit "München" trotzdem ein Stück großes Kino ab. Und wenn auch die Hauptaussage "Gewalt erzeugt nur noch mehr Gewalt" in Filmen wie zum Beispiel "Sympathie for Mr. Vengeance" besser und tiefsinniger rübergebracht wurde, bietet er immerhin sehr gute Unterhaltung und einen künstlerisch herausragenden Film.

7/10

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