"Wie viele hast du auf deinem 600 Jahre langen Rachefeldzug für deine Familie getötet?"
Die vampirische Todeshändlerin Selene (Kate Beckinsale) und der Werwolf-Vampir-Hybride Michael (Scott Speedman) befinden sich auf der Flucht. Der Vampirälteste Marcus (Tony Curran) ist erwacht und über den Zustand seines, von Selene zerstörten, Ordens nicht erfreut. Neben seiner Rache an den Flüchtigen interessiert ihn aber auch die Erweckung seines Bruders. Einem eingesperrten Lykaner, zu dessen Versteck zwei Teile eines mechanischen Schlüssels benötigt sind. Einer ist im Besitz von Selene, die ebenso die Erinnerung an das Versteck beherbergt.
"Underworld: Evolution" knüpft, nach einem eindrucksvollem Prolog, der vergangene Geschehnisse im Mittelalter erzählt, direkt an den Vorgänger an. So wie viele Fortsetzungen setzt der Nachfolger eine gewisse Kenntnis des Vorgängers voraus und informiert Neulinge über wenige Rückblenden nur rundimentär über vergangene Ereignisse.
Die Figuren und der düstere Look sind etabliert, wenn auch nicht ausgereizt. Der zweite Teil nimmt sich keine Zeit um die Charaktere zu verfeinern, setzt stattdessen auf eine Weiterentwicklung seiner stylishen Actionszenen. Sehr zum Nachteil der Handlung, die diesmal kaum noch eine Bedeutung hat.
Schon nach wenigen Minuten fällt die immens unschlüssige und motivationslose Geschichte negativ auf. Ohne klare Struktur bewegen sich die Protagonisten von einem Ort zum anderen oder führen Dialoge mit überflüssigen Charakteren, die für gewöhnlich ein schnelles ableben erfahren. Das Tempo ist durch den recht flotten Wechsel der Schauplätze hoch, der Sinn darin eher niedrig.
Einige offene Handlungsstränge von "Underworld" werden nicht weiter geführt, der Verbleib von manch einer überlebenden Figur bleibt offen. Ebensowenig finden sich wendungsreiche Inhalte oder Überraschungen. "Underworld: Evolution" bleibt erstaunlich linear, nur um seine optischen Höhepunkte abzuhandeln.
Die Bilderwelt hat sich im Sequel leicht verändert. Der urbane Stil mit sperrigen Katakomben und Straßen weicht nun offenen Berglandschaften. Die kalte, vom Blaufilter dominierte Optik wird sogar von einigen warmen Sonnenlichtsequenzen verdrängt. Dadurch leidet die im Vorgänger so akribisch aufgebaute, beklemmende Atmosphäre ein wenig.
Alle Punkte deuten darauf, dass "Underworld: Evolution" mehr Action bieten will. Und das tut er auch. Der Anteil an furiosen Szenen wurde dramatisch erhöht und die Präsentation der Duelle wirkt nun unmittelbarer. Es mangelt allerdings an Höhen und Einfallsreichtum. Häufig wirken die Actionsequenzen statisch sowie abgenutzt. Die physische Bodenständigkeit weicht einer unglaubwürdigen Schwerelosigkeit. Selbst da wo der Action-Horrorfilm ein wenig mehr Dynamik einbaut, führen allzu schnell verheilte, klaffende Wunden zu Stirnrunzeln.
Erneut bieten die Schauspieler bestenfalls eine zweckmäßige Verkörperung ihrer Rollen. Kate Beckinsale ("Van Helsing") sowie Scott Speedman ("The Strangers") wirken eingespielt, bieten aber keine neue Facetten ihrer eingeengten Charaktere. Ohne jedes Gespür werden die Fähigkeiten von Tony Curran ("Der Flug des Phoenix") und Derek Jacobi ("Gladiator") durch mangelhaftes Charakterdesign eingeschränkt.
Als eigenständiger Film funktioniert "Underworld: Evolution" nur bedingt. Kenntnisse über den Vorgänger sind durchaus sinnvoll, denn der Nachfolger bietet nur eine knappe Einführung in den episch wirkenden Kampf zwischen Vampiren und Werwölfen. Mit leichten Veränderungen an Optik und einer Steigerung des Erzähltempos bietet Teil 2 eindeutig mehr Action und weniger Kulturverständnis der Fraktionen. Dies wird ihm zum Verhängnis, denn besonders originell ist der Action-Horrorfilm in keiner Kategorie. Zu seelenlos sind Handlung, Charaktere und deren Darstellung, zu einfallslos die gebotenen Horror- und Actionsequenzen. Gerade, da Effekte und Präsentation eine gewisse Unglaubwürdigkeit beinhalten.
4 / 10