Oscar-Gewinner Cuba Gooding Jr. („Outbreak”, „Jerry Maguire”) wird sich wohl oder übel damit arrangieren müssen für größere Kinoproduktionen keine Rolle mehr zu spielen und nun eine Etage tiefer im DTV-Business sein Gagen zu kassieren. Nun verdient jemand wie er dort so schlecht auch nicht und solange er in qualitativ höherwertigen Filmen wie „Endgame“ oder eben „Dirty“ auftritt, braucht er sich um seinen Ruf auch keine Sorgen zu machen, doch befriedigend kann das auf die Dauer nicht sein.
Chris Fishers zweite Regiearbeit nach dem schwachen Horrorthriller „Nightstalker“ fehlt in der Tat nicht viel zur optischen Kinotauglichkeit und lässt sich doch allzu deutlich von Klassenprimus „Training Day“ inspirieren, der aber tatsächlich eine Liga höher spielt. „Dirty“ ist sozusagen der kleine Bruder, der noch eine Schippe Nihilismus draufpackt und sein Publikum bis ganz nach unten und weiter ziehen will. Aber die richtige Dosierung macht den Erfolg aus...
Chris Fisher hält sich auch visuell vornehmlich an der teils verfremdeten und mit Farbfiltern versehenen Inszenierung Antoine Fuquas („The Replacement Killers“, „Tears of the Sun“), der mit seinen hellbräunlichen Bildkompositionen ziemlich gut die hitzige Atmosphäre von Los Angeles einfing und so bereits das Publikum für sich einnahm. Die Kamera bewegt sich noch dazu genauso immer am pulsierenden Geschehen, um den modischen Reality-Touch zu suggerieren.
Selbst seine Prämisse übernahm „Dirty“ sehr ähnlich und scheucht die beiden Partner Officer Armando Sancho (Clifton Collins Jr., „Tigerland“, „Mindhunters“) und Officer Salim Adel (Cuba Gooding Jr.) einen Tag lang durch die verarmten, kriminellen Kehrseiten von L.A.. Beide gehören zu einem Sonderdezernat, sind korrupt bis auf die Knochen und längst so tief in illegale Geschäfte verwickelt, dass sie daraus aus eigener Kraft nicht mehr herauskommen können. Während jedoch zu Sancho in Form von Halluzinationen das Gewissen spricht, da er versehentlich einen unbewaffneten Passanten erschoss und er vor dem Ausschuss der Internen Ermittlung aussagen will, glaubt Adel ein Gewinnertyp zu sein, der die zusätzliche Kohle ganz gut gebrauchen kann. Ihrem eigentlichen Job gehen die beiden längst nicht mehr nach. Assimiliert von dem unaufhaltsam schwellenden Mix aus Gewalt und Kriminalität sind sie mit der Zeit ein Teil des verbrecherischen Apparats geworden anstatt ihn zu bekämpfen.
Eine der Stärken von „Training Day“ waren seine Charaktere und ihre Gegensätzlichkeit. In diesem Punkt zieht „Dirty“ klar den Kürzeren. Über den besonnen Sancho und den reizbaren Adel erfährt man nicht wesentlich mehr, als dass sie in zwei völlig unterschiedlichen Familienkonstellationen leben. Sancho, der als Ex-Gang-Mitglied die Seiten gewechselt hat, erfährt dabei zwar noch etwas mehr Background, bleibt aber genauso nur ein klischeehafter Bad Cop wie sein Partner und so folgt der Film auch lediglich reflektionslos ihrem munteren Treiben. Sie rauben Leute aus, die sich verfahren haben, nehmen einen lukrativen Auftrag ihres ebenfalls korrupten Lieutenants (Cole Hauser, „Pitch Black“, „2 Fast 2 Furious“) an oder schalten für lokale Gangster die Konkurrenz aus und verbuchen damit eine erfolgreiche Razzia. Soweit abseits von ihrer Berufung und nur damit beschäftigt die nächste Straftat zu begehen, bewegen sich beide jedoch auch gleichzeitig weit distanziert vom Zuschauer auf ihr gerechtes Schicksal zu. Dies berührt am Ende dann überhaupt nicht und selbst das russische Roulette baut keine Spannung auf, weil Sancho und Adel dem Publikum so etwas von egal geblieben ist.
Im Grunde tun sie also grundsätzlich Dinge, die sie als Gesetzeshüter sein lassen sollten und als wäre es dem Zuschauer nicht irgendwann einmal klar, reitet Chris Fisher ewig und drei Tage darauf herum.
Gut, die passenden Sets der tristen, verkommenden Gegenden tragen genauso viel zum authentischen Ton des Films bei wie auch der gesprochene Slang, der in der deutschen Synchronisation übrigens völlig getilgt worden ist. Darüber hinaus finden sich in Nebenrollen bekannte Gesichter wieder, die man in solchen Filmen in diesen Rollen immer wieder gern sieht. Schauspieler wie Robert LaSardo und Lobo Sebastian sind nun einmal Prototypen der typischen Ghetto-Gangster, auch wenn sie einmal mehr nur den üblichen Klischees entsprechen. Aber die Realität ist wohl so?!
Auf ihre Kollegen (u.a. Keith David als ihr Captain, der sie opfern will) geht der Plot nur knapp ein. Mehr als korrupt sind auch sie nicht, weswegen sich ein nähere Definition ohnehin erübrigt. „Dirty“ hat schon genug damit zu tun sein Duo als völlig verkommene Individuen von Verbrechen zu Verbrechen zu hetzen. Da wird ein junges Mädchen sexuell belästigt, im Dienstwagen Hochprozentiges vertilgt und ein Minderjähriger dazu gezwungen den Lockvogel für eine Razzia zu spielen, weil man seinen Tod in Kauf nehmen kann, oder einfach ein neugieriger Passant mit dem Elektroschocker attackiert.
Da „Dirty“ in seinen knapp 90 Minuten nicht mehr preisgibt, muss man ihm zwangsläufig Einfallslosigkeit vorwerfen. Denn, wenn auch unwissentlich, im Grunde beschäftigt sich das Geschehen damit die beiden Cops nur tiefer in die Scheiße zu reiten bis es keinen Ausweg gibt und sie so ziemlich jeden gegen sich aufgebracht haben. Der Zuschauer wird förmlich in diesem desillusionierenden Pessimismus, der das Negativbeispiel eines Gesetzeshüter zeigt, geradezu ertränkt und langweilt sich auf die Dauer. Überflüssige Klischees wie minderjährige Waffendealer helfen in so einer Situation natürlich auch nicht weiter.
Auf schauspielerischer Ebene erntet der Film auch keine Lorbeeren, doch immerhin kann er seinen Akteuren soliden Leistungen abringen. Cuba Gooding Jr. muss mit seinem Slang schon deutlich chargieren und platzt fast vor Schlechtigkeit, spielt aber besser als zuletzt. Clifton Collins Jr. verblasst mit seiner unentschlossenen Figur an seiner Seite, doch für einen DTV-Release warten die beiden schon mit akzeptablen Vorstellungen auf, obwohl beide schon Besseres gezeigt haben. Die weiteren Nebenfiguren rücken ohnehin kaum in den Fokus, weswegen dort auch keine großartigen Qualitäten erforderlich sind. Ihrer beider Problem ist die Chemie zwischen den Filmfiguren, denn es wird nie klar, warum Sancho an seinem Partner festhält, obwohl der so ein abstoßender Typ ist und grundsätzlich nur nach seinem eigenem Willen handelt. Ist es die Angst vor Erpressung? Man weiß es nicht. Warum zieht er nicht die Notbremse, wenn er doch zu ahnen scheint, wie die Sache am Ende für sie beide ausgehen wird? Auch die Antwort bleibt er schuldig.
Chris Fisher muss man zugute halten, dass er immer nah am Geschehen bleibt und sich an Nebenschauplätzen nur solange wie nötig aufhält. Diese konzentrierte Erzählweise ohne Schnörkel bleibt bis zum Schluss ein Pluspunkt, weil er den niedrigen Spannungsbogen soweit aufrecht erhält. Nur reicht ein flotter Ablauf, festgehalten in einer lediglich kopierten Inszenierung nicht aus, um einen so verschrieben Film zu retten. Selbst den Inhalt der kaum nachhaltig wirkenden, zwanghaft philosophischen und deswegen im Kontext betrachteten ziemlich lächerlichen Voiceover hat man nach fünf Minuten wieder vergessen.
Fazit:
Unoriginell, innovationslos und inhaltsleer zeichnet „Dirty“ ein durch und durch negatives Bild der L.A.P.D., die laut der Aussage dieses Films nur aus korrupten, geldhungrigen Cops besteht, die sich selbst in den Dienst des Verbrechens stellen.
Filme wie „Narc“ und „Training Day“ haben solche Szenarios wesentlich geschickter gelöst, indem sie Gegenpole bildeten, die „Dirty“ fehlen, und plastische wie interessante Figuren kreierten, die im Verlauf der Handlung auch vor wirkliche Entscheidungen gestellt wurden.
Chris Fisher gelang mit Sicherheit keine Charakterstudie sondern höchstens ein hohler Cop-Thriller, der sich über seinen aufdringlichen Nihilismus anbiedern möchte. Die stimmige Inszenierung, wenn auch nur kopiert, rettet noch was zu retten ist, doch die oberflächliche Geschichte, die eintönigen Situationen der bekannten Art mit dem immer selben Ablauf und mangelhaftes Charakterdevelopment lassen den Film tief im Mittelmaß versinken. Vollgestopft mit Klischees, die vermutlich aber wohl im weitesten Sinn der Realität entsprechen, schickt Fisher zwei Cops auf eine letzte Patrouille, die viele Figuren aber keine ausgefeilte Geschichte bereit hält.
Ich bleibe lieber bei „Training Day“, „Narc“ und selbst weniger brillanten Filmen wie „Dark Blue“, denn „Dirty“ kann nichts, außer brachial seiner negativen Einstellung frönen.
P.S.: Bitte den Film im O-Ton schauen, denn die deutsche Synchronisation trifft den Slang natürlich gar nicht und hallt merkwürdig nach...