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Als Alltags-ScienceFiction lässt sich das Szenario beschreiben in das die Handlung von „A Scanner Darkly“ eingebettet ist. Zwar spielt der Film in der nahen Zukunft und weißt einige wenige technische Errungenschaften auf (am wichtigsten natürlich die großartig umgesetzten Morphan-Anzüge), eigentlich handelt es sich aber um das Portrait entgleister und gescheiterter Menschen. An diese erinnert sich Dick in seinem Buch sehr liebevoll und Linklater hat es geschafft die Charaktere ohne große Verluste in den Film einzubringen. Selbst die Liste der Freunde die Autor Phillip K. Dick aufgrund von Drogensucht verlor erscheint komplett vor dem Abspann. So ist Linklaters Film jenen Personen gewidmet denen mit „A Scanner Darkly“ ein bewegendes Denkmal gesetzt wurde – auch wenn sie niemand mehr kennt.   

„Scanner Darkly“ also ist das wohl persönlichste und emotionalste Buch des Science-Fiction-Visionärs Dick. Seine Werke sind stets durchzogen von allumfassender Paranoia und genialen Allegorien auf die amerikanische Gesellschaft. Drogen sind (schon alleine aufgrund der Biografie des Autors) ebenfalls immer ein Bestandteil und kaum jemand vermochte es besser die Stimmung und Funktionsweisen des Drogenalltags und vor allem des durch Drogen beherrschten Denkens zu reflektieren.  

Regisseur Richard Linklater inszenierte bereits viele interessante Filme und stellt sich als absolut großartige Wahl für das Projekt heraus. Bereits alte Werke Linklaters zeugen davon das er sowohl anspruchsvolle Underground-Projekte („Slacker“) als auch emotionale Filme („Before Sunset“) und massenkompatible Komödien („School of Rock“) beherrscht. Da „A Scanner Darkly“ eine Mischung aus Unterhaltung, Bitterkeit und  ernsthafter Systemkritik ist trifft er ohne wirkliche Modernisierungen genau den Geist der heutigen Zeit.  

Was den Film so einzigartig und innovativ macht ist selbstverständlich die extravagante Optik: Die Idee zuerst alles normal als Realfilm abzudrehen und nachträglich zu überzeichnen ist schlichtweg genial und passt hervorragend zur Story. Wer hier kritisiert das der Geschichte manchmal schwer zu folgen ist hat die Funktionsweise leider nicht verstanden. Vor allem die Morphan-Anzüge sorgen natürlich manchmal für Verwirrung und ihr häufiger Einsatz wirkt anstrengend auf den Zuschauer. 

Inhaltlich kann man nicht meckern, das die komplexe und wendungsreiche Buchhandlung natürlich Federn lassen muss ist unvermeidlich. Meiner Meinung nach wird der Charakter und die Grundstimmung des Buches nicht verfälscht oder verwässert und selbst in der abgespeckten Version bleibt die Story immer noch viel interessanter als 99 Prozent der restlichen amerikanischen Produktionen. Selbst das Meisterwerk „Blade Runner“ kann als Literaturverfilmung nur als lauwarm bezeichnet werden da wesentliche Aspekte des Romans schlichtweg fehlen. 

Die Wahl der Schauspieler erweist sich genau wie der Rest als absolut stimmig: Während Keanu Reeves in der Hauptrolle überzeugt (für mich keine Selbstverständlichkeit) glänzen vor allem Woody Harrelson, Robert Downey Jr. und Rory Cochrane als vollkommen kaputte Junkies. Auch Winona Ryder macht eine gute Figur und kann auf der ganzen Linie überzeugen. Die Authentizität die von den Schauspielern an den Tag gelegt wird ist unbedingt nötig für den Film und besonders Robert Downey Jr. blüht auf wie in keiner anderen Rolle jemals zuvor. 

Ein wenig zu spüren ist auch der Einfluss der beiden ausführenden Produzenten Steven Soderbergh und George Clooney, besonders der gelungene Score von Graham Reynolds    erinnert an die musikalische Unterlegung von Soderberghs Regiearbeiten. Schließlich ist        auch der gediegene Erzählstil ein wenig von Soderbergh beeinflusst. Ähnlich wie die sehr erfolgreichen „Sin City“, „Lord of War“ oder auch „Being John Malkovich“ werden bei         „A Scanner Darkly“ glücklicherweise keine Zugeständnisse an Mainstream-Konventionen gemacht. 

Fazit: Ein Meisterwerk und der bisher beste Film von Richard Linklater, meiner Meinung nach ist „A Scanner Darkly“ auch die erste Verfilmung die dem großen Genie Philip K. Dick annähernd gerecht wird. 

10 / 10 

PS: Terry Gilliam wollte bereits vor über zehn Jahren eine Verfilmung auf die Beine stellen, scheiterte aber. Gilliams Version wäre sicherlich sehr interessant geworden, mit „Fear and Loathing in Las Vegas“ machte er halt erfolgreich ein anderes Kult-Buch der Drogenszene zu einem Kultfilm…

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