Review
von Leimbacher-Mario
The Satans Defects
„Sheitan“ ist im Gegensatz zur nahen, wesentlich saftigeren Verwandtschaft ala „Frontiers“ ein Vertreter der „neuen französischen Härte“, der immer etwas in Vergessenheit gerät und unter dem Radar fliegt. Ihm fehlt wohl der Splattergehalt und das offensichtlich Grenzwertige. Doch schaut man genauer hin, kann er vielleicht sogar mehr verstören als einige seiner plakativeren Kollegen... Wir folgen ein paar recht asozialen Stadtkindern nach einer wilden, halberfolgreichen Partynacht mit ihrer ansehnlichen „Beute“ aufs abgeschiedene Land - und dort bekommen sie es mit sehr seltsamen „Hinterländlern“ (?) zu tun, deren anfängliche Freundlichkeit und Offenheit langsam aber sicher in einen wahren Alptraum der Perversitäten und Unsitten ausartet...
Ich mag „Sheitan“. Ein wenig mehr Beachtung dürfte ihm durchaus geschenkt werden, selbst wenn man schnell versteht, warum wesentlich heftigere Dinger wie „Inside“ oder „Martyrs“ weit und breit vor ihm stehen, die Sicht auf ihn blockieren. „Sheitan“ ist wesentlich zurückgelehnter, entspannter, trügerischer und klassischer - doch eben in dieser fiesen Sicherheit und bissigen Daumenschraube liegt auch die Stärke dieses Backwood-Terrors. Der Schrecken paart sich mit absurdem Humor, unappetitliche Machoismen werden auf den Kopf gestellt, Inzucht und andere Tabus werden gar nicht mal wirklich versteckt und alles wirkt unwirklich, beängstigend, einlullend. Wenn die offensichtliche „Dorfmatratze“ immer wieder einem Hund (!) an die Eier geht und dabei spitz lacht, dann kann man als Zuschauer darüber eher weniger grinsen. Oder zumindest nur im sehr bösen Sinne. Das perfekte Beispiel dieser diabolischen Fusion von angsteinflössender Naivität, surrealer Komik und teuflischer Abartigkeit, auch einem riesigen Maß Unberechenbarkeit, ist Vincent Cassel in einer seiner absoluten Paraderollen. Dieser „Chef der Ausgestoßenen“ mit seinen gelben Zähnen, süßen Gummistiefeln und seinem extremen Akzent bleibt definitiv im Gedächtnis und spielt immer zwischen den Linien, was seine Aura noch beunruhigender und bizarrer macht. „Sheitan“ ist untergründig sehr viel psychologischer und verstörender als man meint und toppt damit manche Goreausschläge hintenrum. Klassisch, fies, krank. Schade ist eigentlich nur, dass einem die nervigen, unreifen, aggressiven und arschigen Jugendlichen von Anfang an komplett egal sind. Was jedoch die Sympathien vielleicht sogar noch mehr in eine Richtung schiebt, die man so nicht erwartet hat und gar nicht allzu lange dort haben will...
Fazit: französische Backwood-Groteske irgendwo zwischen „Deliverance“, „Calvaire“ und den „New Kids“. Aufmüpfig, komisch, unangenehm und hintenraus dann mit genug Gründen, um in den Club der „New French Extremity“-Welle der 00er aufgenommen zu werden. Wenn dort auch sicher nie in erster Reihe stehend. Immer zwischen Wahnsinn, Satire und (oft unterschwelligem) Horror. Giftig-galliges Grenzgebiet. Mit einem gewaltig aufspielenden und alles stehlenden Vincent Cassel!