Dieser Film tut weh. In jeder Hinsicht.
Lucio Fulcis „Lo squartatore di New York" oder zu Deutsch „Der New York Ripper" ist das vermutlich berüchtigste Werk des Regisseurs, wenngleich sein „Ein Zombie hing am Glockenseil" vom Titel her der bekanntere Film zu sein scheint.
In Deutschland natürlich beschlagnahmt, bietet Fulcis später Giallo auch wirklich brutale Gewaltszenen, die sich als einschneidendes Erlebnis auf der Netzhaut erweisen. Nun sind italienische Genrefilme nie besonders zurückhaltend bei der Darstellung von Gewaltszenen, aber selten bis nie hielt die Kamera so drauf wie hier, nie rückte die körperliche Zerstörung so in den Mittelpunkt wie hier. Gerade der letzte Mord mit der Rasierklinge wird umgesetzt, ohne auch nur einen Rest dem Vorstellungsvermögen des Zuschauers zu überlassen, so dass sich beim Ansehen unweigerlich die Frage stellt, was den Regisseur da wohl geritten hat. Tricktechnisch war man dabei wohl auf der Höhe der Zeit, aber künstlerisch wirkt Fulcis Film dann immer etwas plump, wenn er sich einer beinahe dokumentarischen Weise verschreibt, um die Effekte in den Vordergrund zu rücken. Filmische Eleganz sieht anders aus und eine Effektivität des Grauens muss man Fulci hier auch absprechen, denn so richtig ins Mark trifft einen diese Machart nicht.
Was man dem Film aber noch vehementer vorhalten muss, ist seine gesamte Konstruktion, denn die einzelnen Komponenten des Genres werden höchst unzureichend bedient, wenngleich es immer wieder Szenen gibt, die dem Thriller der Siebziger zugehören, wie das Kreuz dem Christentum. Ein Beispiel wäre hier eine bedrohliche Situation einer Frau in einer leeren U-Bahn. Kennst'e eine, kennst'e alle...
Die Story ist insgesamt mit dem Wort „dünn" noch sehr wohlwollend beschrieben und die Auflösung so beliebig und auf Kriegsfuß mit Logik und Verstand, dass man selbst mit dem zugedrücktesten Auge nicht darüber hinwegsehen kann.
Die Narration sieht sich stilistisch dem amerikanischen Cop-Krimi verhaftet, der sich beeinflusst durch Friedkins „French Connection" und Siegels „Dirty Harry" den dunklen und dreckigen Seiten amerikanischer Großstädte zuwandte und in Serien wie "Die Straßen von San Francisco" oder "Kojak" allabendlich durch die Wohnzimmer flimmerte. Leider funktioniert so etwas nur dann, wenn man den Cops über die Schulter schauen kann und es dort dann auch wirklich etwas zu sehen gibt. Das ist hier aber nicht der Fall. Weder hat man Lieutenant Williams im Drehbuch so etwas wie wirkliche und relevante Ermittlungsarbeit zugestanden, die es wert wäre, überhaupt erzählt zu werden, noch gibt es eine Spannungskurve, die sich nachvollziehbar über die Laufzeit des Films entwickeln könnte, weil jemand anderes zielgerichtet vorgeht.
Neben dem fehlenden großen Handlungsbogen stören auch die kleinen Logikbrüche, wenn zum Beispiel der erste Mord in einem roten VW auf einer Fähre nicht vom Fahrer des Autos entdeckt wird, sondern der Wagen vom nächsten Auto wütend einfach hinausgeschoben wird und die Angestellten der Fähre dann die Leiche finden. Wo ist denn der Fahrer bitte schön hin? Von Anfang an betrachtet man den Film so als artifizielles Produkt von außen, denn immer wieder schmeißt der Film den denkenden Zuschauer aus sich heraus anstatt ihn einzusaugen.
Die obligatorischen ausgelegten Fährten in diesem Alibi-Whodunit sind dann in der Zahl überschaubar, wenn man einen Vergleich zu anderen Gialli zieht, die sehr darum bemüht waren, dem Zuschauer alle Nase lang eine neue Lösungsmöglichkeit anzureichen. Sie funktionieren dann leider nicht genug, um den in einer sehr eindrücklichen Sequenz angeteaserten Täter aus dem Gedächtnis des Zuschauers zu löschen. Am Ende ist der Täter also schon die Hälfte der Laufzeit bekannt. Im Grunde findet sich hier nur ein größeres Ablenkungsmanöver, außer man hält jemanden schon deswegen für verdächtig, weil er ein Schwulenmagazin kauft. Und der Fokus auf den einen höchstverdächtigen Zeitgenossen erweist sich gefühlt als unnötiger Nebenstrang, der wie erwartet dann auch ins Leere läuft.
Fulci war schon bemüht, keine strahlende Heldenfigur am Horizont erscheinen zu lassen und allen eine dunkle oder verborgene Seite zu verpassen. Die angedeutete Homosexualität des Psychologen (Paolo Malco) als Grundlage für den offenbaren Frauenhass des Mörders zu verstehen, ist aber nicht nur heute ein Griff ins Klo, wenn es um falsche Fährten geht. Vielleicht ist es auch nur ein Versuch, den Figuren etwas mehr Tiefe zu verleihen.
Aber auch hier klatscht Fulci einfach alles zusammen, was ihm so einfällt so dass diese Beliebigkeit dann zu einer Egalisierung der Figuren führt. Die Übersexualisierung einiger Szenen dient dabei wohl mehr als Zugeständnis an den Voyeurismus des männlichen Publikums, als zu einer schlüssigen Lesart des Films zu führen.
Und der Schluss ist dann in sich auch nur noch so unlogisch, wie man es zum gegebenen Zeitpunkt bereits erwartet hatte. Da spricht man auch mal gerne im Rausch des Wahnsinns ohne Stimmenverzerrer wie Donald Duck, weil die Stimmenbänder ganz offensichtlich auch von Mordlust infiziert sind. Oder so...
So wirkt „Der New York Ripper" doch etwas arg zusammengeschustert und recht beliebig um seine Gewaltszenen herumgestrickt, was angesichts der erkennebaren positiven Elemente dann umso bedauerlicher ist.
Luigi Kuveiller sind teils wirklich tolle Bilder gelungen und bis auf einige Innenaufnahmen, die doch zu sehr nach Rom aussehen, hat man eine gelungene NY-Atmosphäre, aus der man mit einem besseren Drehbuch wesentlich mehr hätte rausholen können. Besonders die Vorbereitung des ersten Mordes auf der Fähre gelingt mit stimmungsvollen und ganz einfach schicken Bildern, weshalb der sich anschließende Gewaltexzess in seiner Ausdehnung dann auch nicht nur eine körperliche, sondern auch eine filmische Zerstörung bedeutet. Mir fällt da der Vergleich ein: Ein zu langes, sich in den Vordergrund spielendes Solo kann auch nerven und so einen ganz guten Song zerstören.
Der Zoom als Merkmal italienischer Kameraarbeit darf hier natürlich auch nicht fehlen, wird aber mitunter bei Fulci etwas überstrapaziert, wodurch die eigentlich solide Güte immer mal wieder in ein Luftloch vorstößt und für Momente absackt. Auf jeden Fall kann Kuveiller in der gesehenen Version in 2k-Digitalisierung noch etwas rausreißen, wenn ich meine bisherige Seherfahrung, vermutlich mit dem Astro-Tape, zum Vergleich heranziehe.
Die Musik von Francesco De Masi ist maßgeblich mit dafür verantwortlich, dass Fulcis Film wie ein Versuch wirkt, einen amerikanischen Cop-Krimi im Stil der Siebziger zu drehen. Klanglich hängt man im Jahr 1982 klar 5-10 Jahre zurück, aber das Thema klingt dabei recht schmissig. In Spannungsszenen wird es dann mit Delay und anderen Effekten teils etwas abgedrehter und klanglich habe ich gegen den Schlachter vom Big Apple eigentlich nichts auszusetzen, wenngleich die Musik eine Dynamik suggeriert, die der Film eigentlich gar nicht bietet.
Fazit
Fulcis „Der New York Ripper" ist sein krampfhafter Versuch, einen harten Großstadtkrimi im Stil der US-amerikanischen Vorbilder zu drehen. Die Voraussetzungen dafür waren auch da: Kameraarbeit, Setting und Musik bieten schon ein gutes Niveau. Aber wie so oft zerstören Drehbuch, vernachlässigte narrtive Strukturen und eine Regie, die sich nur für einen Teil des Films interessiert, die eigentlich ganz guten Ansätze. Warum Fulci hier das Frauenschlachten so sehr in den Mittelpunkt gestellt hat, anstatt einen spannenden Krimi oder Thriller mit einigen Härten zu drehen, ist seit Erscheinen des Films immer wieder diskutiert worden. Eine grundsätzliche Frauenfeindlichkeit will ich dem Regisseur nicht unterstellen. Aber dann bleibt eben auch nur die eine Einsicht: Fulci hat seinen Wunsch, eine dreckige und zerbrechliche urbane Zivilisation, in der es einfach keine Unschuld gibt und sich das Abgründige allerorts ins Sichtfeld drängt, ungeschönt zu zeigen (Bereits 1982: Gähn!), zu plump umgesetzt. Insofern dienen die gezeigten Grausamkeiten dann wirklich als Ablenkungsmanöver, wenn sich Fulci als unfähig zeigt, einen im Kern straighten Cop-Krimi zu inszenieren und die dafür notwendigen Elemente sinnvoll in seinen Film einzubetten. Kein Wunder, dass er gerade in den USA immer wieder als Trash-Filmer eingeordnet wird.
Fulci hat mich mit „Don't Torture A Duckling" und „Die sieben schwarzen Noten" überrascht und auch seine Horrorfilme „Ein Zombie hing am Glockenseil", „Das Haus an der Friedhofsmauer" und „Über dem Jenseits" sind von einem formal-ästhetischen Standpunkt aus durchaus einen Blick wert, wenngleich erzählerisch sehr holprig. „Der New York Ripper" ist dagegen ein kleiner Film, der seinen unleugbaren Schwächen eben nur einen überaus bildlichen Zymismus entgegenschleudert, der aber nicht verfangen will. Allein die zuweilen gelungen eingefangene Atmosphäre New Yorks hat mich überzeugt.
Ich habe noch „A Woman in a Lizard‘s Skin“ und „Nackt über Leichen“ von Fulci auf dem Zettel, von denen ich mir deutlich mehr erhoffe, als von diesem nachweislich kruden Machwerk.