Auf seine späten Tage wechselte der sonst mit dem klassischen Genrewestern beschäftigte Anthony Mann noch mehrmals sein Metier und dabei auch seinen Arbeitsplatz. Nach der Abfuhr bei Spartacus schuf er mit El Cid [ 1961 ] und Der Untergang des Römischen Reiches [ 1964 ] in Europa seine eigene Interpretation des Monumentalfilmes, die in Aufwand und Schauwerten dem Konkurrenten Kubrick nacheifern.
Kennwort 'Schweres Wasser' wurde ebenfalls in Europa hergestellt. Produziert in den UK kehrt Mann für sein letztes vollendetes Werk wieder in das Kriegsgeschehen zurück; geht diesmal aber eine ganz andere Richtung als noch bei dem widersprechenden Tag ohne Ende [ 1957 ] ein. Ermahnt eher an ein farbiges, aber nicht unbedingt aktuelleres Remake von Fritz Langs Auch Henker sterben [ 1943 ] und Im Geheimdienst [ 1946 ].
Er fixiert sich auf eine unterhaltsam - publikumswirksame Aufarbeitung in konventioneller Optik; trotz zugrundeliegender realer Ereignisse und knapper moralischer Abwägungen interessiert die Auslotung der Umstände und ihrer Auswirkung auf die darin beteiligte Gesellschaft nicht.
Der Kreislauf von Konflikt und Bewährung wird in Radikalismus und Fatalität vernachlässigt. Wobei man zwar die facts erzählt, sie aber rationalisiert und schematisiert und dadurch komplett wie fiction wirkt. Als eine Verklärung, die auf Illusion und Identifikation zielt.
Inhalt und Form befinden sich dabei auch in einem gerade äusserst populären Zirkel; die Aufzählung der Kassenschlager um unmöglich erscheinende Selbstmordkommandos gesetzt im Zweiten Weltkrieg darf diesmal wegen dem allgemeinen Bekanntheitsgrad unterbleiben.
Mann macht dabei nicht viel anders als seine Kollegen und sticht keinesfalls aus der Unmenge an Angeboten heraus; selbst die Besetzung sorgt nicht für Aufsehen schlechthin. Dass sich Stars vor der Kamera tummeln und das Kollektiv wichtig war aufgrund der Individuen gehörte damals zum Allerweltsgeschmack.
Nicht nur deswegen, aber auch begründet dadurch erscheint der Film oftmals eine Spur kleiner und geringer lodernd als seine Artsverwandtschaft. Die häufige Ruhe und der trotz Linearität recht lange Vorbau sollen nicht nur beschreibende Kriterien darstellen, sondern laufen schlussendlich auch negativ in Aufnahme und Bewertung ein.
Das Drehbuch bezieht sich auf mehrere Quellen und damit gleichzeitig auch auf verschiedene Historien. "But For These Man" von John Drummond wurde ebenso herangezogen wie "La Bataille de LïEau Lourde" von Jean Dréville und Titus Vibe-Muller. Ausserdem arbeitete Knut Haukelid zusammen Collin Gubbins an "Skis Against the Atom", der sich ebenfalls auf die Geschehnisse 1943 - 44 bezieht.
Haukelid war der Anführer der Widerstandsbewegung, die am 27. Februar 1943 den Überfall auf die norwegische Chemiefirma Norsk Hydro Elektrisk in Vemork bei Rjukan (Telemark) durchgeführt haben, um die Herstellung von Schwerwasser durch die Deutschen aufzuhalten.
Nach mehreren Fehlschlägen wurde am 20. Februar 1944 die mit Schwerwasser beladene Eisenbahnfähre "Hydro" durch einen Sprengsatz im Maschinenraum sabotiert.
[Schweres Wasser ist geeignet, die im Atomkernreaktor entstehenden schnellen Neutronen abzubremsen; die thermischen Neutronen sind in der Lage auch natürliches Uran zu spalten, mit dem unter anderem waffenfähiges Plutonium hätte hergestellt werden können. Die Technik gilt als Weg zur Atombombe.]
Das damalige Wettrennen um die Atomforschung wurde mit diesem Angriff mit dem Codenamen "Gunnerside" zugunsten der Alliierten rausgezögert. Die Invasion in der Normandie bekam ebenfalls einen Zeitvorsprung. Dass dadurch auch Oppenheimers Manhattan Project beendet werden konnte, was letztlich zum Abwurf auf Hiroshima und Nagasaki führte, verschweigt der Film flissentlich.
Knut Haukelid heisst hierbei Knut Straud [ Richard Harris ]. Dieser hat gerade ein Attentat auf den Reichskommissar ausgeführt, der aber fehlschlug und Vergeltungsmassnahmen durch die in Telemark ansässigen Deutschen an die Zivilbevölkerung zur Folge hat. Als die Nazis die Produktionsanlagen in der Fabrik an sich reissen und die Erzeugung von Deuteriumoxid um 400% steigern, wendet er sich an den in Oslo tätigen Doktor der Physik Rolf Pedersen [ Kirk Douglas ]. Nach einem Zwischenspiel in London und dem vorherigen Kidnapping eines Frachters befinden sich beide alsbald in der Provinz Telemark, einer Einöde zwischen dem Skagerrak und der Hardangervidda, um die Sprengung der Tanks der Hochkonzentrieranlage zu planen und vollziehen.
Mann hat es nicht so mit Eile und Hektik, sondern dehnt den Rhythmus ganz schön in die Länge; im Kontrast dazu hatten die wahren Vorgänge aber auch einen Rahmen von fast einem Jahr. Also schubst man zwar noch vor dem Vorspann einen Panzer per Felsbrocken von der Strasse, aber legt dann mehr Wert auf Dialog, Planung und Vorbereitung statt Aktion. Kampfreiches Geschehen in Massenregie mit Schlachten-Panoramen sucht man vergeblich; stattdessen bekommt man Bombenbau und Bombenlegung in peniblen Einstellungen über Minuten hinweg, was auf Dauer schon mal entnervend sein kann. Abhilfe bietet die überwältigende Szenerie plus zwei souveräne Darsteller im Mittelpunkt. Douglas und Harris agieren zwar kaum miteinander, sondern tragen vielmehr einen stillen Streit um den männlichsten Platzhirsch in der Eisebene aus, aber drängen etwaiges Aufkommen von Langeweile mit ihrer Präsenz auf die hinteren Reihen zurück.
Douglas - der sich verpflichtet fühlte, den Rausschmiss bei Spartacus wiedergutzumachen und deswegen die Rolle annahm - ist natürlich absolut unglaubwürdig als Universitätsprofessor; weswegen ihn das Skript auch rasch aus dem Kittel erlöst und in etwas Schnittigeres kleiden lässt. Ausserdem wird er als Womanizer gezeichnet, der um seine Wirkung auf Frauen weiss. Was ihn nicht daran hindert, noch seine geschiedene Anna Pedersen [ Ulla Jacobsson ] zu lieben und sich mit dem Onkel in spe [ Michael Redgrave ] mehr oder weniger gut zu verstehen. Diese Beiden sind auch die Einzigen, die noch so etwas wie Profil erreichen können. Die anderen sieben Mann der Einsatztruppe fallen weder auf noch interessieren sie und werden dieweil von der vollständig schneebedeckten Geographie verschluckt; welche aber auch ein Hingucker per se ist und neben den extremen Winterbedingungen viel zur erstarrten Atmosphäre beiträgt. Es herrscht eine unwirtliche Kälte, die durch jede Kleidung dringt und die Natur unter einen Mantel aus Frost legt. Mann dreht an Originalschauplätzen in der Gemeinde Rjukan, im engen Vestfjord - Tal und am Tinnsjø. Totalen geben die grandiose Sicht auf die bevölkerte Abgeschiedenheit frei. Das Licht der tiefstehenden Sonne erreicht den dichtbesiedelten 10000 Einwohner Ort am Talboden nicht mehr und akzentuiert das über die Wohnhäuser erhebende Wasserkraftwerk als eindeutiges Zentrum der Waldlandschaft. Auf die weisse Fläche des anliegenden Plateaufjell wird Tag und Nacht ein fahles, blasses Licht geworfen, das die angespannten Gesichter der anschleichenden Assault Force fragmentiert.
Der eigentliche Überfall erfolgt nach knapp einer Stunde. Das Vordringen der Special-Operations-Executive-Kommandosoldaten durch die Minusgrade zum Gebäudekomplex und das Eindringen über einen steilen Felsabhang hinab, eine vorgezogene Bahnstation und an den Wachposten vorbei zählt gerade wegen seiner natürlichen Unaufgeregtheit zu den hier am besten vollzogenen Spannungssequenzen. Die Musik fällt komplett weg und lässt nur die unvermeidlichen Geräusche der Schritte, der Waffen und des Knackens der Schlösser arbeiten und setzt sie gegen das rauhe Pfeifen des Windes; hier bedient man sich der Ästhetik und Gestaltung eines Thrillers, ohne den Suspense vorsätzlich auf die Spitze zu treiben. Auch die Auflösung ist ziemlich unspektakulär; zumindest betrachtet man nach der ganzen Anlaufphase das veranstaltete Feuerwerk in seinem mehr als geringen Ausmass schon etwas skeptischer.
Später steigert man sich noch etwas; sowohl der Plan B - Luftangriff als auch die finale Katastrophenszene auf dem See nehmen mehr Raum in Anspruch, aber bleiben auch auf die Sekunden und einige wuchtige Einschläge beschränkt. Mann versucht sich stattdessen mit einem unaufhörlich tickenden Sprengsatz und einer Gruppe Kinder in der Nähe als zweiter Hitchcock. Was dann nicht so wirklich seine Obliegenheit ist und leider zu oft in einer hilflosen Statik endet. Nicht so sehr aus dem inneren Gefühl heraus, und schon gar nicht obsessiv, sondern rein der gediegene technische Prozess an sich.
Was dann doch etwas zu wenig ist.