„Macbeth“ ist wohl die düsterste aller Tragödien Shakespeares. Die Geschichte eines Mannes, der zum Königsmörder wird, um einer Prophezeiung vorauszugreifen, ist durchsetzt mit Mord und Wahnsinn, das Drama steht nicht selten an der Schwelle zum Horror. Passt diese Düsternis generell schon zu Polanski, der bereits mit Psychoschockern (puh, klingt das reißerisch) wie „Repulsion“ oder „Rosemary’s Baby“ für Aufsehen sorgte, so entsprach sie zum Zeitpunkt des Drehs wohl exakt seinem eigenen Seelenzustand, denn es wird angenommen, dass dieses Werk auch der Verarbeitung des gewaltsamen Verlustes seiner schwangeren Frau diente, die zwei Jahre zuvor zusammen mit vier ihrer Freunde von Charles Manson und dessen Kultanhängern brutalst aus dem Leben gerissen wurde.
Eingeleitet wird der Film durch die drei Hexen, die sich irgendwo in einer menschenverlassenen Gegend unter einem wolkenverhangenen Himmel treffen um die berühmten Anfangsverse zu intonieren. Sie halten ihr bizarres Ritual ab, bei dem ein Treffen mit Macbeth bereits angekündigt wird, und verschwinden daraufhin wieder irgendwo im Nebel. Eine stimmungsvolle Exposition, auf die bald die Schlüsselszene folgt, welche die ganze Tragödie erst ins Rollen bringt.
Macbeth, Thane von Glamis und gerade zurückgekehrt aus der Schlacht gegen den verräterischen Thane von Cawdor, bekommt von den Hexen prophezeit, dass er nun nicht nur den Titel Cawdor anerkannt bekommen, sondern auch zum König von Schottland aufsteigen wird, während sie seinem Freund Banquo vorhersagen, dass seine Söhne auf dem Thron sitzen werden. Von Zweifeln und Neugier zugleich geplagt, lässt er sich schließlich von seiner machtgierigen Gemahlin zum Königsmord überreden. Die Schuld wird den Untertanen zugeschoben, Macbeth zum König gekrönt.
Doch damit hält auch der Wahnsinn Einzug ins Hause Macbeth. Aus Angst, doch überführt zu werden, begeht er weitere Morde und grenzt sich immer mehr von der Realität ab. Ständig plagen ihn grauenvolle Visionen von Ermordeten, deren Geister ihn heimsuchen. Seine Frau schließlich verfällt in einen stetigen Zustand des Deliriums, und wäscht sich unablässig die Hände, weil sie sie in ihrem Wahn voller Blut sieht.
Polanski hält sich bei der Inszenierung weitestgehend an Shakespeares Originaltext, nimmt aber natürlich einige Kürzungen und kleine Veränderungen vor. Das Aussehen des Films ist dabei befremdlich nüchtern geraten, man hat fast den Eindruck, einen Fernsehfilm zu sehen, so blass sind die Farben, so unscheinbar die Kameraführung. Auch die Musik der Third Ear Band sowie ihr Einsatz im Film würde ich nicht gerade als überwältigend bezeichnen. Sie scheint oft dann zu kommen, wenn man sie gar nicht hören will, und in Szenen, bei denen man fast nach musikalischer Untermalung schreit, bleibt die Tonspur in der Hinsicht still. Gebrochen wird diese Kargheit allerdings durch die ständigen Gewaltexzesse, die sich im Verlauf der Handlung mehr und mehr steigern. Denn hier betont Polanski die bestialische Ader und die Abscheulichkeit menschlichen Handelns in zahlreichen bluttriefenden Enthauptungen und Erstechungsorgien, welche dementsprechend auch nie zum Selbstzweck verkommen. Als verstörender Höhepunkt sei das Massaker an Macduffs Familie hervorzuheben, bei dem seine Frau mit eigenen Augen mit ansehen muss, wie ihr junger Sohn abgestochen wird, während von irgendwo im Schloss unentwegt markerschütternde Schreie zu hören sind, deren Ursache erst klar wird, als die verzweifelte Frau durch die in Flammen stehenden Flure zu fliehen versucht und dabei Zeuge einer dreifachen Vergewaltigung wird. Zu Höchstform läuft Polanski schließlich auf, wenn die Figuren Opfer ihrer Visionen werden und Macbeth sich etwa inmitten einer Bankettgesellschaft mit einem Banquo konfrontiert sieht, dessen Kehle zu tiefe Einblicke gewährt als eigentlich gesund sein kann. Die Szene schließlich, in der er durch den Zaubertrank der Hexen durch eine psychedelische Zukunftsvision taumelt, erinnert sogar an die Alptraumszenen aus dem großartigen Vorgänger „Rosemary’s Baby“.
Damit allerdings nicht genug: Wo Shakespeare bereits eine eindringliche Studie über den menschlichen Beherrschungstrieb und die damit einhergehenden unfassbaren Gräueltaten, aber auch den eigenen geistigen Zerfall, der auf den moralischen folgt, vorlegte, setzt Polanski noch einen drauf, indem er, nachdem Macbeths Kopf auf einem Spieß durch die Menge gereicht, Banquos Sohn Fleance zum neuen König gekrönt und die Prophezeiung somit endgültig erfüllt wurde, noch eine kleine, aber grandiose Szene anfügt, durch die er ganz ohne Dialoge eine beängstigende Botschaft zu vermitteln vermag und die Gewalt der Handlung als einen ewigen Kreislauf darstellt. So wird das Böse nicht mit der Enthauptung Macbeths aus der Welt gefegt, sondern wird immer in der Lage sein, Menschen zu verführen. Die Omnipräsenz des Bösen und des Unfassbaren, die hier thematisiert wird, reflektiert wohl am treffendsten Polanskis Weltbild, zumindest zur damaligen Zeit.
So bleibt abschließend zu sagen, dass ich diesen Film nicht durchweg als Meisterwerk bezeichnen kann. Zwar sorgt das Gegenüberstellen drastischer Gewaltszenen und der nüchternen Gesamtinszenierung für einen eindringlichen Kontrast, doch wirken mir die nüchternen Szenen leider schon zu nüchtern, gerade wegen des Mangels an musikalischer Untermalung, weswegen der Film auch nicht durchweg begeistern kann. Hier verlässt sich Polanski einfach zu oft auf die erdrückende Wirkung der Vorlage, ohne viel eigene Elemente einzubringen. Doch überwiegend gute Darsteller, die verstörenden Elemente, die vor allem ab dem dritten Akt, also mit der Krönung Macbeths, die Überhand gewinnen und vor allem das meisterhafte Ende, lassen diese Interpretation des klassischen Stoffs noch immer weit über dem Durchschnitt liegen.