Da ich jetzt sowieso schon Sherlock-Lücken schließe, wird es hiermit auch endlich Zeit für Bob Clarks 1979er Mischmasch aus der klassischen Holmes-Kombination und dem guten alten Fall rund um Jack the Ripper.
Das ist ein gut bestelltes Feld, welches schon mehrfach in den Medien beackert wurde, aber „Murder by Decree“ aka dem etwas blutleeren deutschen Titel „Mord an der Themse“ wird im Holmes-Kanon immer wieder gern zitiert, was sicherlich nicht zuletzt an dem Cast aus bedeutenden Namen liegt, den man rund um diesen Kostümfilm versammelt hat.
Der beliebte Detektiv geht in diesem Fall an den jüngst erst verstorbenen Christopher Plummer, der mal einen relativ seriösen und weniger exzentrischen Holmes geben darf, wenn er auch – wenig erfolgreich – immer mal zwischendurch an einer überdimensionalen Pfeife herum nuckelt. An seiner Seite ein überaus viktorianisch-steifer James Mason als leicht resignativer Dr.Watson, der endlich mal nicht als Trottel dargestellt wird, sondern mehr als militärisch-steifer Konservativer, der jeder Form nicht-monarchischer Aufklärung mit absoluter Entrüstung entgegen tritt. Ein recht propperer David Hemmings verdrängt als Inspector Foxborough fast Frank Finlay schmunzeligen Lestrade und Anthony Quayle darf den (damals real existierenden) erfolglosen Polizeichef Sir Charles Warren mit einem exzentrischen Backenbart geben. John Gielgud schmeißt noch eine Runde als Premierminister zum guten Schluss und als Gipfel der geschminkten viktorianischen Gesteltzeit führt Donald Sutherland eine Phantomime als Sir Robert Lees auf, ein Medium, dass sich tatsächlich an der Ripper-Jagd beteiligte.
Und so mischt der Film dann auch tatsächliche Fakten aus dem Ripper-Fall in die hier entworfene Filmlegende, die natürlich mal wieder starke Beziehungen ins Königshaus einschließt, etwa die tatsächlichen Opfer; Weintrauben, die der Täter angeblich gekauft hat; Lees Vision vom Täter, die ihn bis zum Haus eines Arztes führt oder der ominösen „Juden“-Inschrift, die nahe eines der Tatorte gefunden wurde und für die es hier eine ganz eigene Interpretation gibt.
Das Problem: die Einzelteile aus Ripper und Holmes finden nie wirklich zusammen, zumindest auf narrativer Ebene. Mit fast zwei Stunden ist der Film sehr lang und er wird noch länger durch die Tatsache, dass das Skript endlos viel Zeit daran verschwendet, dem Zuschauer (und Holmes) eventuelle rote Heringe oder interessante Hinweise vorzuenthalten, anstatt langsam aber sicher ein komplexes Bild einer Regierungsverschwörung zu entwerfen. 90 von 120 Minuten vergehen, ohne dass etwas wirklich Zwingendes vorgebracht wird oder Holmes der Lösung der Rätsels näher zu kommen scheint. Ein paar Andeutungen geraten nebulös, ansonsten betreiben alle Beteiligten hauptsächlich Zeitschinderei, meistens zugunsten der steifen Kostümparade, dem aufgesetzten Theaterstil oder den betont geschickt ausgewählten realen Kulissen, die natürlich durch ein historisches Studio-London ergänzt und mit auserlesenen Hintergundmalereien geschmückt werden.
Was also ganz gut ausschaut, wenn auch etwas exaltiert, und von sehr brauchbarer Kameraarbeit begleitet wird, ist dramaturgisch ein verquaster Langweiler. Holmes betreibt für Kleinigkeiten einen Riesenaufwand (etwa als er sich als Kaminkehrer verkleidet, nur um mal freundlich bei einem Informanten vorzusprechen), das zentrale Mysterium wird aber bis zur finalen Deduktion, die erst vor dem Premierminister stattfindet, eben als dieses gelassen, denn Holmes muss ja wie üblich zumindest einmal sein Publikum düpieren. Das fällt dann aber enorm dröge aus, denn der Film handelt die „Action“ – also quasi den letzten relevanten Ripper-Mord mit anschließender Jagd auf den Täter ab, bevor Holmes im Rückblick zusammensetzt, wieso, wer und warum da jemand überhaupt die Morde begangen hat.
Die Tragik und das Drama der Geschichte kommen fast nie zum Tragen; das Schicksal einer Frau, die man in eine Irrenanstalt hat einliefern lassen, kommt kaum zum Tragen, weil sie im Verhör die ganze Zeit nur wirr klagende Halbsätze brabbelt, während die Kamera auf sie draufhält. Da man nicht um die Zusammenhänge weiß, lässt das Schicksal der Opfer einen hier kalt – wie das überhaupt für den ganzen Film gilt, der weder richtiges Drama noch Krimi oder Politthrilller ist, sondern stets nur vorgibt, dies zu sein, ohne entsprechende Emotionen zu schüren.
Das hatte damals wohl auch der deutsche Verleih schon gemerkt, der nicht nur die Kinofassung, sondern auch die VHS-Editionen stark kürzen ließ, hauptsächlich um ergänzende Handlung, was die Laufzeit teilweise um eine halbe Stunde straffte. Tatsächlich ist das heute oft untertitelte Material weitschweifig, aber nicht zwingend redundant, bisweilen wundert man sich aber, das die inhaltlichen Anschlüsse wieder hergestellt werden konnten.
Gegen den exakt 10 Jahre später inszenierten TV-Zweiteiler mit Michael Caine wirkt diese steife Kostümshow allerdings wie ein Film aus einem anderen Jahrhundert, während die Fernsehprouktion auch heute noch problemlos Kinostandards erfüllt, auch in der Inszenierung und den Kulissen.
Im Sherlock-Kanon natürlich eine Pflichtrunde, aber das ausgerechnet dieser Film mit gebremstem Holmes-Charme irgendjemandes Lieblingsfilm sein sollte, würde mich schon wundern. (4/10)