Man schrieb das Jahr 1996, als Wes Craven und Kevin Williamson mit ihrem Film Scream (Scream - Schrei!) für ein nicht möglich gehaltenes Revival des Slasher-Movies sorgten. Quasi von einem Tag auf den anderen war das stumpfsinnige, blutrünstige und meist von dämlichen Teenagern bevölkerte Subgenre hip, cool und so richtig "in". Der heiße Scheiß gewissermaßen. Im Fahrwasser des überraschenden Erfolges tummelten sich dann an vorderster Front I Know What You Did Last Summer (Ich weiß was Du letzten Sommer getan hast) von Jim Gillespie und Urban Legend (Düstere Legenden) von Jamie Blanks, zwei gefällige, routinierte, solide inszenierte Horrorthriller, die beide im Laufe der Jahre einige (schwächere) Sequels nach sich zogen. Zwei der besten und interessantesten Neo-Slashers kamen jedoch aus Ländern, von denen man es nicht unbedingt erwarten durfte. Kimble Rendall drehte in Australien Cut (2000), und in Deutschland führte Michael Karen bei Flashback - Mörderische Ferien Regie, den Film, um den es hier gehen soll.
Die reichen, verwöhnten Kids eines erfolgreichen Geschäftsmannes blasen Trübsal. Anstatt den Sommer über wegzufliegen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, haben Leon (Xaver Hutter), Melissa (Alexandra Neldel) und Lissy Schroeder (Simone Hanselmann) Hausarrest und müssen Französisch pauken. Ihnen zur Hand geht Jeanette Fielmann (Valerie Niehaus), eine junge, schüchterne Frau, die eine schwere Altlast mit sich herumschleppt. Vor etwa zehn Jahren mußte sie nämlich als Kind mitansehen, wie ein Irrer mit einer Sichel ihre Eltern abschlachtete. Das hat sie so schwer traumatisiert, daß sie sich nicht einmal erinnern kann, wie sie die Schreckensnacht überhaupt überlebt hat. Der Nachhilfeunterricht ist ihr erster Job nach ihrem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, wo sie von Dr. Martin (Erich Schleyer) betreut wurde. Kaum ist sie in der Luxusvilla in den Bergen angekommen, beginnen sich seltsame Dinge zu ereignen. Es hat den Anschein als sei der Sichelmörder zurück, um zu Ende zu bringen, was er damals begonnen hat.
Flashback beginnt mit einer knackigen Sequenz, die für die weitere Handlung eigentlich irrelevant ist (*) und schlimmes befürchten läßt. In einem Zugabteil macht ein junges Pärchen fröhlich rum, als der Zug in einen Tunnel fährt und es stockdunkel wird. Als er den Tunnel wieder verläßt, sitzt plötzlich ein Killer mit einer Sichel auf dem Mädchen, während ihr Freund mit aufgeschlitzter Kehle tot auf der Nebenbank liegt. Sie registriert diesen Umstand, beginnt zu kreischen, und die Hand mit der Sichel saust auf sie herab. Grundsätzlich ist das ja eine nette Eröffnungsszene, nur nachdenken darf man darüber nicht. Wie es der Killer schaffen soll, innerhalb weniger Sekunden in völliger Dunkelheit das Abteil lautlos zu betreten, den auf dem Mädchen liegenden Jungen unbemerkt zu töten und ihn auf die Nebenbank zu hieven, nur um dann seinen Platz einzunehmen, ohne daß dessen Freundin es bemerkt, ist ein einziges großes Rätsel, oder - anders formuliert - schlicht und ergreifend unmöglich. Dümmliche Szenen dieser reißerischen Art sind natürlich Wasser auf die Mühlen der Kritiker.
Wer jetzt erwartet, daß der Rest des Filmes die großen US-Vorbilder auf dieselbe einfallslose Weise kopiert, der wird bald eines Besseren belehrt. Denn anstatt auf Nummer Sicher zu gehen und die ewig gleichen, breit ausgetretenen Pfade zu beschreiten, entfernen sich Regisseur Karen und Drehbuchautorin Natalie Scharf - die das Original-Skript von Hammer-Legende Jimmy Sangster (!) überarbeitet hat - mutig vom sicheren Weg und torkeln wild entschlossen und überaus zielstrebig durchs Dickicht. Flashback wirkt des Öfteren unfreiwillig komisch, und man hat das absonderliche Gefühl, daß er verwirrt neben sich steht, daß er die Orientierung verloren hat und sich völlig neben der Spur befindet. Ein Irrglaube, wie sich bald herausstellt, wissen die Macher doch ganz genau, was sie tun. Die vielen Stimmungsschwankungen etwa sind garantiert nicht passiert, sondern gewollt. Da werden z. B., ganz nebenbei, die sensationslüsternen Lokalnachrichten durch den Kakao gezogen, und ein braver Arbeiter bekommt aus heiterem Himmel eine Blutdusche ab.
Ein wunderbar schlitzohriger Humor zieht sich durch das Geschehen, manchmal offensiv und in-your-face, dann wieder hinterlistig und kaum als solcher wahrnehmbar. Doch trotz so manchen komödiantischen Elementen verkommt Flashback niemals zu einer Horrorkomödie, und auch mit selbstreflexiven Einschüben à la Scream hält sich der Streifen wohltuend zurück. Stattdessen gibt es ein paar nette In-Jokes. Im Kino, das die Jungs und Mädels besuchen, läuft The Relic (Das Relikt - Museum der Angst), an der Wand hängen verschiedene Poster (u. a. von The Evil Dead (Tanz der Teufel) und Hellbound: Hellraiser II), der Big Kahuna Burger aus Pulp Fiction wird zitiert, Darth Maul wird erwähnt, und als Leon Schroeder mit Leo angesprochen wird, meint er genervt: "Mein Name ist Leon! Leon wie der Profi, nicht wie Leo das Weichei!" Diese Anspielungen kommen recht sympathisch daher und wirken auch nicht aufgesetzt. Überhaupt ist der Grundton überwiegend sehr locker und unverkrampft, aber wenn es drauf ankommt, dann ist Schluß mit lustig.
Auf schauspielerischer Seite wird eher Magerkost geboten, obwohl man nicht behaupten kann, daß die Jungdarsteller und -darstellerinnen ihre Sache schlecht machen würden. Die passen für einen Film dieser Art alle nahezu perfekt. Da ist es auch zu verschmerzen, daß man sich manchmal wie in einer dieser anspruchslosen, scheinbar ewig laufenden Seifenopern wähnt. Als Jeanettes Mutter ist Allegra Curtis, die Tochter von Tony und Halbschwester von Jamie Lee, zu sehen, die es später einmal ins Dschungelcamp von Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! (2013) verschlagen sollte. Die resolute Haushälterin, Frau Lust, wird von Elke Sommer (Gli orrori del castello di Norimberga aka Baron Blood) gegeben, die einige gute Szenen hat, aber leider nicht allzu viel zu tun hat. Comedian Martin Schneider (7 Zwerge - Männer allein im Wald) hat eine kleine Nebenrolle als Taxifahrer, und Detlev Buck (Same Same But Different) ein Cameo als Psychiater. Erwähnenswert ist auch die wildromantische Berglandschaft, die für viel natürlichen Lokalkolorit sorgt.
Flashback ist weder besonders spannend noch übermäßig packend, aber er ist gut gemacht (die tolle Kameraarbeit mit einigen ungewöhnlichen Einstellungen stammt von Peter Krause), ungemein kurzweilig und punktet zudem mit ein paar deftigen Murder-Set-Pieces, die zwar nicht sonderlich blutig sind, aber recht hart und schmerzhaft rüberkommen. Und die ausgefallene Mordwaffe (welche übrigens bereits in Curtains (Curtains - Wahn ohne Ende) benutzt wurde) wird gut und effektiv eingesetzt. Sehr interessant ist außerdem die smarte Idee, den Zuschauer durch einen geschickten (und immens trocken servierten) Kniff auf die Seite des Mörders zu ziehen, was schließlich in ein gelungenes Finale gipfelt, das man in dieser Form vermutlich nicht erwartet hat. Im letzten Drittel geht jedenfalls ordentlich die Post ab, da gibt es keine Zurückhaltung mehr. Flashback erfindet das Rad nicht neu, aber er variiert die Vorbilder auf eine pfiffige Weise, jongliert geschickt mit den altbekannten Klischees und integriert sogar das eine oder andere Giallo-Versatzstück in den launigen Plot.
Insofern ist es eigentlich kaum zu glauben, daß dieses kleine Slasher-Juwel vom selben Mann stammt, der uns in weiterer Folge Filme wie Erkan & Stefan - Der Tod kommt krass (2005), Das total verrückte Wunderauto (2006), H3 - Halloween Horror Hostel (2008), Molly & Mops: Das Leben ist kein Guglhupf (2010), Agent Ranjid rettet die Welt (2012) und Frühling: Am Ende des Sommers (2018) beschert hat.
(*) Dennoch wirft diese Sequenz, retrospektiv betrachtet, zwei Fragen auf, über die man sich gerne den Kopf zerbrechen kann, wenn man denn möchte. Erstens: Wann findet dieser Mord statt? Und zweitens: Wer ist der Sichelmörder?