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Der Meister hat nach langer Zeit wieder einen Film gedreht – und Keiner nimmt Kenntnis davon ?

Luc Besson, der Klassiker wie „Leon, der Profi“ oder „Das 5.Element“ schuf, hatte seit 1999 („Johanna von Orleans“) nur noch Drehbücher geschrieben oder Filme produziert. Dabei fielen seine letzten Werke immer stärker durch einen plakativen Comicstil auf wie z.B. bei der „Transporter“-Reihe, die durchaus Spaß machten, aber letzlich keinerlei Wirkung hinterließen.

Gerade in seinen frühen Meisterwerken wie „Im Rausch der Tiefe“ oder eben in „Leon“ war die eigentliche Story ,die immer sehr einfach und geradelinig erzählt wurde, nur der Hintergrund für sämtliche anderen inszenatorischen Ebenen.

Im Mittelpunkt stand immer eine Person, an deren Entwicklung Besson ein besonderes Interesse hatte und die in ihrer Ausgestaltung und umgebenden Realität immer extrem, fast unwirklich war.

Diese Figur wurde nicht beschrieben, sondern man lernte sie als Zuschauer während des Films immer besser kennen. Dafür stellte er ihr immer eine zweite Person zur Seite ,in der sich die Hauptfigur spiegelte (wie in „Leon“ Mathilda).

Auf diese Grundstruktur greift Besson in „Angel-a“ nach vielen Jahren wieder zurück.

Im Mittelpunkt steht André, ein Mann marrokanischer Herkunft, der sich als Green-Card-Amerikaner in Paris herumtreibt. Dabei muß ihm zuletzt viel mißlungen sein, denn Besson führt uns gleich in die Methoden diverser Geldeintreiber ein, die mit ihm kein Pardon kennen und ihm nur noch wenige Stunden Lebenszeit geben.

Die ersten 10 Minuten sind im gewohnten Besson-Stil gedreht mit coolen Sprüchen und schön geschilderten ausweglosen Situationen. André empfindet jedenfalls so und beschließt, sich in die Seine zu stürzen.

Das macht er dann auch, aber nicht um zu ertrinken, sondern um eine großgewachsene blonde Frau (Rie Rasmussen) zu retten, die sich ebenfalls die Brücke am Nachbarpfeiler herunterstürzte. Als sie beide völlig durchnäßt am Ufer sitzen, stellt sie sich als „Angela“ vor und beschließt, nicht mehr von seiner Seite zu weichen....

Hier enden dann auch die Parallelen zu Bessons früheren Werken, denn André ist kein cooler, wortkarger Typ wie es bisher meistens Bessons „Helden“ waren, sondern ein zur Geschwätzigkeit neigender Loser, der sich ständig um Kopf und Kragen redet.

Angela dagegen ist sehr cool und der Zuschauer muß immer wieder erleben, daß André ihr bei ihren Aktionen, die sie macht um ihm zu helfen, mit seinem ständigen Gerede in die Quere kommt und zunehmend nervt...

Trotzdem gelingt es Jamel Debouzze dank seines schauspielerischen Könnens zunehmend symphatisch zu wirken, geradezu naiv anständig.

Der gesamte Film ist extrem gesprächlastig und Besson verzichtet fast gänzlich auf spektakuläre Aktionen. Dafür steigern sich die Gespräche immer mehr in eine therapeutische Richtung – André soll zu sich selber finden und aufhören, vor allem sich selbst mit Lügengeschichten zu betrügen.

Besson versucht bewußt den Zuschauer immer stärker in diese Selbstfindung mit einzubeziehen, gerade dadurch das er den Prozess sehr in die Länge zieht und sonstige Dinge völlig im Unklaren läßt.

Zwar outet sich Angela schnell als angeblicher Engel, die André retten will, aber alle ihre Aktionen oder Vorgeschichten bleiben im Unklaren. Alles wird nur aus ihrer Sicht erzählt in teils vielfachen Varianten und sie amüsiert sich dabei über den naiven André, der immer alles glaubt.

So wie Besson auch über uns, denn er gibt uns bewußt keinen Halt, keinen klaren Hintergrund oder deutlichen Handlungsstrang, sondern konfrontiert uns immer mehr mit Andrés Seelenzustand. Den gesamten Film über wissen wir nie mehr als André - wir sind André ,ob wir wollen oder nicht !

Und damit bleibt uns nur eine Wahl – Hop oder Top!!

Entweder man findet den Film spätestens jetzt schwafelig, gefühlsduselig und pseudo-psychologisch oder man läßt sich wie André gegen Widerstand darauf ein...und vergißt mal die (gern zum Selbstschutz vorgeschobenen) üblichen Kritikpunkte.

Natürlich kann man sich auch an den grandiosen in Schwarz-Weiß gehaltenen Panoramabildern von Paris festhalten ,aber der Film wird zunehmend hektischer in der Beziehung zwischen André und Angela und läßt keine entspannte Distanz zu -relaxtes Genießen kann man vergessen ,trotz der schönen Bilder.

Es wird deutlich, warum um diesen Film, der ja schon vor einem halben Jahr in den französischen Kinos lief, so wenig Aufheben gemacht wurde.

Er ist anstrengend und trotz vieler äußerlicher Ähnlichkeiten ein Gegenentwurf zu Bessons früheren Filmen, die den Zuschauer zwar auch berührt haben, aber auch immer ein befriedigendes Gefühl hinterließen.

Um dieses am Ende hier zu empfinden, muß man sich an Angelas Rat halten, den sie zwischendurch André gibt :

"wenn du keine Probleme mehr hast, wird es erst richtig schwer "(9/10)

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