Manchmal genügen einfach eine reizvolle Idee und eine atmosphärische Umsetzung, um im Gedächtnis des Publikums zu verweilen – egal, ob der Plot nun wirklich gut ausgearbeitet ist oder nicht. So geschehen im Fall von „Paperhouse“ dem zweiten Film von Bernard Rose, der vielen als visuell ausdrucksstarker Regisseur von „Candyman“ in Erinnerung geblieben ist.
Was „Paperhouse“ nun wirklich ist, ein gruseliger Film für Jugendliche oder ein leichter bizarrer Erwachsenenfilm mit einem Jugendthema, kann nicht so ganz bestimmt werden.
Im Fokus befindet sich auf jeden Fall die elfjährige Anne, die einer seltsamen Krankheit anheim fällt, bzw. die Symptome aufgrund der angespannten Familiensituation (Mutter arbeitend, Vater in der Welt unterwegs) auf sich selbst projeziert.
Es wird nie klar, ob das, was Anne zusammenphantasiert oder träumt, nun Träume oder tatsächliche Ereignisse oder etwa so eine Art Entwicklungsmetaphern sind, wichtig ist am Ende nur der Prozess, den das Kind durchmacht, obwohl so manches dafür spricht, das auch übernatürliche Kräfte am Werk sind.
In den Träumen findet sie all das vor, was sie selbst auf Papier am Tage gemalt hat, ein windschiefes Haus auf einer einsamen gräsernen Ebene. Nach und nach fügt sie dem Bild mehr Details hinzu, etwa einen Jungen, der nicht laufen kann, weil sie zunächst vergessen hatte, ihm Beine zu malen. Mark wiederum entspricht einem todkranken Patienten von Annes Ärztin, der im Koma liegt – kein Grund, sich nicht anzufreunden, doch die Situation bleibt stets gespannt.
Mit einfachsten Mitteln wird in diesen Traumsequenzen eine Atmosphäre erschaffen, die man nie wieder vergisst. Allein das alleinstehende einsame Haus (später kommt noch ein naher Leuchtturm hinzu) auf der Ebene ist bizarr und anderweltlich, unterstützt wird das noch durch einen speziellen Lichteinsatz, der schrägen Dämmerungscharakter hat (die Horizontlinie bleibt etwa immer etwas erhellt, es gibt viel Zwie- und Gegenlicht).
Alptraumhafter wird die Szenerie dann noch durch das Erscheinen einer düsteren Männerfigur, die ursprünglich ihr Vater war, die nun aber zu einem vernarbten Monster (sie hat sein Gesicht durchgestrichen) mutiert ist.
Die traumartigen Bauten (schräge Zimmer, ein monströses altes Radio mit Augentransistoren, abstrus aussehende Hausgegenstände) und der experimentell wirkende Ton tun ihr Übriges.
In abwechselnden Realitäts- und Traumszenerien macht Anne schließlich einen Prozess durch, reift und überwindet sich selbst, besiegt das Monstrum und öffnet sich wieder ihrer Umwelt, wenn auch nur knapp an einer Katastrophe vorbei.
Dabei sind die Figuren sehr sperrig gespaltet, niemand ist besonders sympathisch oder antipathisch gezeichnet, nicht einmal die Einmal-und-nie-Wieder-Darstellerin der Anne, Charlotte Burke, die zwischen freundlich und Teenagerbesen so geschickt schwankt, das man permanent unsicher ist, wohin einen der Film führen will.
Dieses Zusammenspiel aller Faktoren lässt zwar am Ende keinen genialen Plottwist zu (den man heutzutage fast schon erwartet), die Traumsequenzen wirken jedoch nach und gehen eigentlich nie ganz verloren.
So ist „Paperhouse“ definitiv ein Horrorfilm, wenn auch ohne Blut, weil er den Horror des Unterbewusstseins heraufbeschwört. Filme mit Kindern sollte man aber ertragen können, mit all ihren schwierigen Seiten. (8/10)