Review

Spoilerwarnung!

Ob die Umtriebe der "Bell Witch" im Jahre 1817 nun tatsächlich stattfanden oder ob es sich bei den Ereignissen um Folklore handelt, läßt sich vermutlich nicht mehr schlüssig belegen - der älteste schriftlich überlieferte Bericht erschien schlappe 60 Jahre später in der "History of Tennessee", "An Authenticated History of the Bell Witch" von Martin Van Buren Ingram wurde sogar erst 75 Jahre später veröffentlicht und bezieht sich auf Datenmaterial wie z. B. das Tagebuch von John Bell, dessen Existenz nicht nachgewiesen werden kann.
Und auch das Buch "The Bell Witch: An American Haunting" von Brent Monahan (deutsch als "Die amerikanische Polterhexe") ist lediglich ein Roman, der sich allerdings durchaus gelungen durch Fußnoten und fiktive editorische Angaben als authentischer Tatsachenbericht verkauft, in dem eigentlich nur noch die lovecraftsche Lautsuppe "Iä, Cthulhu Fthaghn!" fehlt.

Die Frage ist nun aber: was hat Courtney Solomon, der zuvor mit seinem bonbonbunten DUNGEONS & DRAGONS sämtliche Rollenspieler verärgerte, aus dieser klassichen Gruselmär gemacht?

AN AMERICAN HAUNTING ist jedenfalls nicht bonbonbunt und glücklicherweise wird auch auf Humor verzichtet. Von der in der Gegenwart angesiedelten Rahmenhandlung abgesehen spielt der Film in einem geschmäcklerisch nebligen Tennesse des Jahres 1817. Hier wird John Bell wegen Zinswucher aus der Kirchengemeinde geworfen und von seiner Schuldnerin verflucht. Kurz darauf beginnt dann auch schon das volle Poltergeist-Programm: nächtliche Geräusche, Begegnungen mit zähneflätschenden Wölfen, fliegende Gegenstände und eine subjektive EVIL DEAD-Kamera im Hause. Besonders schlimm erwischt es die älteste Tochter Betsy, die von Geisterhand ordentlich durchgeprügelt wird.
Diese Geisterattacken scheinen eindeutig sexuell motiviert und es zeigt sich schließlich auch, daß keineswegs ein Fluch die Ursache für den Spuk ist.

Während der im gleichen Jahr erschienene thematisch ähnliche THE EXORCISM OF EMILY ROSE in der rationalen Deutung der Geschehnisse noch ambivalent bleibt, fährt AMERICAN HAUNTING hier jedoch ziemlich schweres Geschütz auf: Betsy wurde nämlich vom eigenen Vater mißbraucht und hat quasi als paranormale Reaktion darauf den Poltergeist erschaffen, der sie einerseits selbsquälerisch ihre Pein nochmals durchleben läßt, der andererseits aber gerade durch dieses neuerliche Abarbeiten des Traumas dafür sorgt, daß sie sich an ihrem Vater rächen kann. Was in DUNGEONS & DRAGONS noch reichlich verklausuliert daherkam - der böse Magier, der mittels Zauberstab (!) das von einer kindlichen Kaiserin regierte Land zu schänden drohte - erweist sich nun tatsächlich im Wortsinne als eine amerikanische Heimsuchung: sexuelle Gewalt in der Kernfamilie, also im Zentrum des amerikanischen Selbstverständnisses.
Dieses Thema wird nun natürlich allzugerne tabuisiert, darum existieren von AMERICAN HAUNTING auch zwei unterschiedliche Schnittfassungen. Erfreulicherweise spendierte uns der deutsche Verleih in diesem Falle gleich die Unrated-Version, die die Intention des Films wesentlich besser herausarbeitet und den Bezug zur Gegenwart weniger aufgesetzt wirken läßt, da es sich um ein  nach wie vor aktuelles Problem handelt.

Technisch kann man dem Film wenig vorwerfen, die Effekte sind gelungen und optisch ist das alles schön anzusehen, insbesondere ein Kutschencrash wurde sehr beeindruckend in Szene gesetzt und auch Betsys Begegnungen mit einem latent unheimlichen Kind können überzeugen. Lediglich die schauspielerischen Leistungen fallen angesichts von Größen wie Donald Sutherland und Sissy Spacek etwas mager aus, insbesondere Sutherland hätte die Ambivalenz seiner Rolle als böser Vater und fluchgeplagter gebrochener Mann noch wesentlich drastischer ausspielen können.
Ebenfalls bedauerlich ist es, daß AMERICAN HAUNTING nicht durchgehend spannend bleibt, sondern ständig aufs Neue irgendwelche Spukaktivitäten abspult, ohne gezielte Schreckmomente zu erreichen (das mag aber auch einfach daran liegen, daß William Friedkin seinerzeit mit seinem THE EXORCIST die Meßlatte in Sachen Besessenheitshorror so hoch angesetzt hat, daß ihm bis heute keiner das Wasser reichen konnte).

Insgesamt also ein Film, den man natürlich noch verbessern könnte, der aber meiner Meinung nach etwas zu Unrecht von den meisten Kritikern geschmäht wurde. AN AMERICAN HAUNTING ist ein grundsolider, etwas altmodischer Gruselfilm und für Courtney Solomon nach seinem verunglückten Regiedebüt ein großer Schritt nach vorn, der sich allerdings im Wesentlichen darauf beschränkt, die großen Vorbilder zu zitieren.
Andererseits ist dieser ewige Zyklus des Wiederholens, die ständige Wiederkehr des Verdrängten ja gewissermaßen der Kern des Horrorgenres, insofern wäre allzuviel an Innovation wohl eher kontraproduktiv gewesen.

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